Zu Hause ist mehr als ein Haus

Hamm - Zu Hause, das war für Juliane Aldag immer das Reihenhaus ihrer Familie in Hamm. Dann ging sie für ein halbes Jahr ins Ausland – und ihre Einstellung änderte sich. Hier berichtet sie, wieso.

Juliane Aldag hat sich als Au-Pair im südenglischen Winchester direkt wohlgefühlt. Ein zweites Zuhause wurde der Ort dennoch nicht.

Meine Vorstellung von „zu Hause“ ist nicht mehr dieselbe. Früher war es schlichtweg unser Reihenhaus in Hamm, in dem ich jahrelang mit meiner Familie gewohnt habe. Dass zu Hause so viel mehr bedeutet, habe ich erst richtig verstanden, als ich fast sieben Monate lang nicht dort war.

Bereits nach ein paar Wochen als Au-Pair in einer englischen Gastfamilie fing ich an, mein Zuhause in Hamm mit ganz anderen Augen zu sehen. Es war, als hätte ich jahrelang nichts erkannt und man hätte mir erst jetzt eine Brille aufgesetzt, mit der ich plötzlich deutlicher sehen konnte.

Plötzlich dachte ich an Kleinigkeiten in unserem Haus. Ich dachte daran, wie meine Mutter die Sachen in Regalen ordnet, an das Essen, das wir normalerweise kaufen. Obwohl ich nicht zu Hause war, fielen mir plötzlich viele Sachen auf, die ich vorher nie bemerkt hatte. Auch Dinge, die meine Mutter für meinen Bruder und mich tat, wurden mir auf einmal deutlicher bewusst. Sogar die Gewissheit, einmal richtig abschalten und entspannen zu können, war im Ausland nicht mehr da.
Mein Zuhause in Hamm und meine Familie warennun nicht mehr selbstverständlich – ebensowenig wie alles andere in meinem Leben.
Dabei ging es mir im Ausland gut. Ich lebte in Winchester im Süden Englands. Die Stadt schloss ich direkt in mein Herz und sah sie als meine halbjährige Heimat an. Doch das Haus, in dem ich dort wohnte, wurde für mich trotzdem nie ein „zweites Zuhause“. Ich verstand mich gut mit meiner Gastfamilie, nichtsdestotrotz fühlte ich mich mehr zu Hause, wenn ich alleine durch die Stadt ging oder mit meinen neuen Freunden unterwegs war. Ich merkte: Zu Hause ist mehr als ein Haus.
Als ich ein halbes Jahr spä- ter nach Hamm zurückkehrte, waren meine Gefühle gemischt. Ich zwar froh darüber, nach Hause zu kommen, doch ich war auch traurig, meine vorübergehende Heimat Winchester hinter mir zu lassen. Natürlich ist zu Hause in erster Linie dort, wo man wohnt, und auch der Ort, an dem man aufgewachsen ist – und so wird unser Reihenhaus in Hamm immer mein Zuhause sein. Doch ich habe mehr zu diesem einen Zuhause dazugewonnen.
Für mich persönlich ist Zuhause inzwischen ein Gefühl. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Geborgenheit, Erinnerung und vielem mehr. Wo oder mit wem auch immer ich dieses Gefühl empfinde, ist ein bisschen mein Zuhause.

Wenn die Welt aus den Fugen gerät

yourzz Reporterin Emely Kolodziej fragt sich nach der Trennung ihrer Eltern, was ein Zuhause auszeichnet

Emely Kolodziej mit ihrem Hund auf ihrem Bett: Die Trennung ihrer Eltern stellte ihre Welt auf den Kopf.

„Je kaputter die Welt draußen, desto heiler muss sie zu Hause sein“, lautet ein Zitat des deutschen Musikers Reinhard Mey. Ich wähle es aus einem guten Grund, denn: Was passiert mit einem selbst, wenn plötzlich die Welt draußen heiler erscheint als die eigene Komfortzone? Was macht ein „Zuhause“ aus?
Diese Fragen sind – zumindest für mich – schwierige Fragen, über die ich nachdenken muss. Es ist nicht nur dieses Klare: „ein Dach über dem Kopf haben“ oder, banal gesagt, „zu Hause ist da, wo mein Bett steht.“
Eines Tages stellte sich meine private Welt komplett auf den Kopf: Meine Eltern sagten mir, dass sie sich trennen wollten. Ohne wirkliche Vorwarnung. Ohne handfeste Anzeichen. Bis dahin war mein Zuhause der Ort, an dem mein Hund mich schon an der Tür begrüßte und meine Eltern am Esstisch warteten, damit wir zusammen zu Mittag essen konnten.
Nun änderten sich meine Empfindungen gegenüber meinem Zuhause in einem schleichenden Prozess, der sich fast unbemerkt abspielte.
Ich stellte fest, dass ich doch lieber in der Schule geblieben oder mit Freunden in die Stadt gefahren wäre, als unser Haus wieder zu betreten. Dort fehlten mir nun Geborgenheit und Wärme. Ich konnte meine Gedanken dort nicht mehr schweifen lassen, nicht mehr einfach abschalten. So krass sich das nun anhören mag, aber mein Zuhause war zu diesem Zeitpunkt kein warmes, kuscheliges Zuhause mehr, sondern nur noch eine permanente Übernachtungsmöglichkeit.
Ich fand diese Situation untragbar und zog aus. Gemeinsam mit meiner Mutter zog ich in eine Wohnung.
Heute weiß ich, was ein Zuhause von einem bloßen Haus, einer reinen Unterkunft, unterscheidet: Wärme, Geborgenheit und Sicherheit. Ich komme inzwischen gerne wieder zurück in mein Elternhaus und bleibe auch dort. Die Situation hat sich nach dem Auszug verbessert. Und heute weiß ich wieder: Die Welt draußen ist viel kaputter als mein Zuhause

yourzz-Umfrage - Wo ist für dich zu Hause?

von Joelle Thielsch


Monique-Chantal Spitzenberger, 14 Jahre:
„Dort ist zu Hause, wo ich mich verwirklichen kann und nicht zu verstellen brauche. Meine Familie und Freunde gehören dazu.“

Nele Hacheneier, 15 Jahre:

„Zu Hause ist dort, wo meine Familie ist. Auch Freunde sind wichtig. Sie nehmen mich so, wie ich bin, mit all meinen Macken.“

Meike Wittkamp, 16 Jahre: 

„Familie und Freunde vermitteln mir das Gefühl, zu Hause zu sein. Aber ich brauche auch einen Raum für mich, an dem ich die Ruhe genießen kann.“

Sarah Flechtker, 18 Jahre:

„Das Zuhause ist ein Ort, an dem man hängt, der einem wichtig ist. Ich verbinde das Zuhause mehr mit Familie als zum Beispiel mit Freunden, da diese einen nicht unmittelbar an diesem Ort umgeben.“

Rubriklistenbild: © yourzz

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