„Kampfsport niemals missbrauchen“

Hamm - Ralf Weidlich (49) ist gelernter Bäcker, doch schon seit 35 Jahren macht er Kampfkunst. Weidlich hat den 7. Dan in Taekwondo. Er ist der Inhaber und Leiter von Ralf's Koryo und unterrichtet dort Taekwondo und Selbstverteidigung für alle Altersklassen. Zudem gibt er Gruppenunterricht an Hammer Grundschulen. Annika Voelpert sprach mit dem Lehrer.



yourzz: Wann haben Sie gemerkt, wie wichtig es ist, sich selbst zu schützen?

Ralf Weidlich: Mir war schon immer wichtig, mich selbst zu schützen. Nach dem Tod meines Kampfkunst-Meisters wollte ich das auch weiterführen und es anderen vermitteln. Es gibt viele Situationen, in denen man sich selbst schützen muss, also warum sollte man es nicht trainieren?

Wie vermitteln Sie das Thema Selbstverteidigung?

Weidlich: Ich sage jedem einzelnen Schüler sofort, dass Kampfsport niemals missbraucht werden soll, wie für Straßenkämpfe oder Ähnliches. Aber ich bringe jedem Schüler bei, wie er sich verteidigen kann, wenn es mal nötig wird.

Gehen eher Männer oder Frauen zu einem Selbstverteidigungskurs?

Weidlich: Bei mir kommen eher Frauen in den Kurs, weil sie auch in den meisten Fällen anfälliger für Angriffe sind. Aus meiner Sicht sehen die meisten Männer Frauen als ein leichtes Ziel. Ich helfe so gut es geht bei dem Erlernen von Selbstverteidigungsgriffen und weiteren Taktiken.

Wie alt sind die Leute im Schnitt? Wie hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verändert?

Weidlich: Die Leute sind zwischen 14 und 50 Jahre alt. Obwohl ich seit Kurzem auch für Kinder ab vier Jahren einen Kurs anbiete, der auch gut besucht ist. Verändert hat sich nicht viel – Angriffe gab es schon immer.

Was haben Sie generell an Tipps für alle interessierten Frauen und Männer?

Weidlich: Ich bin der Meinung, dass kein Kampf ein gewonnener Kampf ist. Man sollte vor allem darauf achten, nicht alleine abends oder nachts unterwegs zu sein oder durch dunkle Gassen zu gehen. Aber wenn es echt mal eine brenzlige Situation gibt, ist eine Sache wichtig: Die Selbstverteidigung muss nicht gut aussehen, sondern effektiv sein. Einfach machen!

Yourzz-Reporterin im Selbsttest - Selbstverteidigungskurs

von Annika Voelpert

Reporterin Annika testet an ihrem Lehrer, wo es richtig wehtut

Hamm - Selbstverteidigung ist ein Thema, das jedem präsent sein sollte. In Ralf's Koryo habe ich selbst mal so einen Selbstverteidigung-Kurs mitgemacht. Dort habe ich bemerkt, dass es genau so wichtig wie in anderen Sportarten ist, die Regeln zu beachten. 

Jeder muss sich vor der Trainings-Matte verbeugen und darf keine Schuhe tragen. Zuvor allerdings geht es ans Aufwärmen, immerhin kommt es auf schnelle, explosionsartige Bewegungen an – so mussten wir unser Bein über andere, nach vorne gebeugte Teilnehmer schwingen. Das wurde dann etwa zehn Mal wiederholt, ehe wir mit dem Fuß auf eine Trittkiste zielten, die der jeweilige Partner in der Hand hielt. 

Meiner Meinung nach war das noch recht erträglich. Jedoch sollten wir dann gehärtet werden, durch das Aushalten, wenn jemand uns „abklatscht“. Dieses Abklatschen sollte ein Zusammenklatschen der beiden Hände sein, während ein anderes Körperteil des Partners dazwischen ist. 

Danach wurde mir vom Meister persönlich gezeigt, wie ich empfindliche Stellen meines Körpers zur Selbstverteidigung ausnutzen kann. 

Diese Stellen waren echt unglaublich, da man nur ganz leicht in den Punkten eindrücken musst, um den Gegner auf dem Boden zu haben. Zum Beispiel gibt es kurz vor dem Ohrläppchen so einen Punkt. Wenn man da nur ganz leicht drauf drückt, liegt der Gegner sofort auf dem Boden. Zudem habe ich noch eine ganz empfindliche Stelle am Körper gelernt, nämlich wenn man die Hand relativ flach auf die Stirn setzt, kann man den Gegner ganz leicht und ohne große Mühe auch Runterdrücken. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass es gut ist ein oder zwei Tricks in der Tasche zu haben, wie diese empfindlichen Punkte. Natürlich ist es auch superwichtig, immer relativ fit zu sein. Jedoch habe ich eine Sache dort sehr genau gemerkt: „Kein Kampf ist ein gewonnener Kampf“, also ist es am besten, sich damit zu verteidigen, indem man erst gar nicht in so eine Lage gerät.

Yourzz-Meinung - Ein Thema für den Sportunterricht

von yourzz-Reporterin Kristina Eirich 

Selbstverteidigung ist ein sehr wichtiges, aber unterschätztes Thema. Zwar gibt es an Schulen oft Workshops oder außerhalb Kurse zu dem Thema, jedoch wird es oft nicht ernst oder wahr genommen. Man denkt sich „Ach, so etwas passiert mir schon nicht“. Schon wird es verdrängt und sich mit Dingen beschäftigt, die jetzt im Moment anstehen. 

Pfeffersprays werden teilweise zwar schon in Drogeriemärkten verkauft, jedoch weiß kaum jemand, wie man diese richtig benutzt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass man in einer Schocksituation nicht so reagieren könnte, wie man es sich vorstellt und wie man es gerne möchte, muss man es ja noch aus der Handtasche rauskramen, dann wäre es meistens schon zu spät. Die meisten fühlen sich mit einem Spray in der Handtasche dennoch sicher und meinen, dies würde reichen. 

Selbstverteidigung sollte ein eigenes Thema im Sportunterricht werden und auch jedes Jahr unterrichtet werden, genau so wie Volleyball oder Leichtathletik. Wobei das sogar um einiges wichtiger ist, als Jahr für Jahr einen Aufschlag oder laufen, springen, werfen zu üben. Es sollten Techniken der Selbstverteidigung geübt und perfektioniert werden, sodass diese schnellstmöglich sicher sitzen, zudem ist es ja dennoch eine körperliche Aktivität. Ein jährlicher Workshop für Selbstverteidigung, organisiert vom Arbeitgeber, würde sicherlich auch gut besucht werden, vor allem wenn dieser bezahlt wird. Jedoch muss man auch beachten, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und selbst schauen muss, ob es ihm das wert ist, in der Freizeit mal so einen Kurs zu besuchen.

Rubriklistenbild: © Foto: dpa/ Jan-Philipp Strobel

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