Auszubildende aus Hamm erzählt

Lea Götter und das 3. Geschlecht: „Nicht mehr das süße Mädchen“

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Lea Götter heute.

Hamm – Der Bundestag hat die Einführung eines dritten Geschlechts beschlossen. Viele fragen sich, wieso so etwas eigentlich nötig ist. Doch es gibt viele Menschen, die sich weder dem einen, noch dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Zum Beispiel Lea Götter aus Hamm.

Die 20-jährige Auszubildende sprach mit yourzz-Reporterin Emely Kolodziej über ihr Aussehen, gehässige Kommentare und die Gründe über ihr Dasein zwischen den Geschlechtern.

Hast du schon einmal doofe Kommentare zu deinem Kleidungsstil oder zu deinem Aussehen bekommen? 

Ich habe schon oft doofe oder verletzende Kommentare zu meinem Aussehen bekommen, weil ich einfach nicht ins Muster einer Frau passe, da ich auch nicht wie eine aussehe. Ich habe keine langen Haare oder lackierte Fingernägel, das bin einfach nicht ich! 

Lea Götter früher.

Seit wann kleidest du dich so und warum? 

Ich kleide mich in diesem Stil, also eher maskulin, seit ungefähr sechs bis sieben Jahren. Es hatte keinen besonderen Grund, wieso ich es tat. Ich fühle mich so – auch aufgrund meines Körperbaus – einfach viel wohler.

Auf Instagram nennst du dich Leon. Hat das einen bestimmten Grund? 

Vor einiger Zeit hatte ich überlegt, eine Geschlechtsumwandlung durchführen zu lassen. Das Ende der Geschichte ist, dass ich nach wie vor ein Mädchen bin und ich mich vorerst damit abgefunden habe. Ich schaue einfach, was noch in der Zukunft auf mich zukommen wird. Aber eines habe ich gelernt: Ich werde mich niemals für jemanden verändern, nur weil diese Person es so will. Entweder man nimmt mich so, wie ich bin oder man lässt mich in Frieden.

Fühlst du dich denn eher wie ein Junge oder wie ein Mädchen? War das mal anders oder hat sich das im Laufe der Zeit geändert?

Seit geraumer Zeit fühle ich mich eher in der Rolle eines Jungen zu Hause. Wieso? Weil die Rolle eines Mädchens einfach nicht zu mir passte, aber das wurde mir erst im Laufe der Zeit so richtig klar, weshalb ich auch meinen Kleidungsstil änderte. Früher war ich noch dieses kleine, süße Mädchen von nebenan mit langem Haar, doch die bin ich schon lange nicht mehr.

Denkst du, diese klare Trennung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht ist wirklich notwendig?

Das hat alles mit Akzeptanz und Respekt zu tun. Ich habe schon einmal erlebt, dass ich mich in einer Beziehung überhaupt nicht darüber rechtfertigen musste, ob ich denn jetzt eher Mädchen oder Junge sei. Es ist aber auch einmal so eskaliert, dass man darüber richtig diskutieren musste. Dennoch bin ich der Meinung, dass man immer einen gemeinsamen Nenner finden kann, egal wie schwer so eine Diskussion über die eigene Identität werden kann.

Was würdest du ändern wollen, gerade in gesellschaftlichen Angelegenheiten?

Ich würde mir wünschen, dass Leute wie ich einfach genauso mit Respekt und Anstand behandelt werden wie alle anderen auch. Nur weil wir in gewisser Weise anders sind, heißt es nicht gleich, dass wir anders behandelt werden müssen. Ich würde mir einfach wünschen, dass jeder weiß, dass - egal welchem Geschlecht man zugehört - man ein vollkommen normaler Mensch ist und auch so behandelt wird.

Gesetzliche Regelungen - Ein Weg gegen Diskriminierung

Von Aleyna Kalayci

In Deutschland soll ein dritter Geschlechtseintrag ermöglicht werden. So sind neben den Optionen „männlich“ und „weiblich“ auch „divers“ wählbar. Dies ermöglicht intersexuellen Menschen, sich als divers im Geburtenregister registrieren zu lassen, da sie sich mit weiblich und männlich nicht identifizieren können. 

Rund 160.000 intersexuelle Menschen leben in Deutschland. Das Persönlichkeitsrecht und Diskriminierungsverbot wird so verhindert, denn wer sich nicht einem Geschlecht zugehörig fühlt, soll dennoch die eigene geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung ausleben können und nicht diskriminiert werden. Mit diesem Beschluss wird eine Entscheidung aus 2017 umgesetzt. 

Jedoch gibt es Kritik darüber, dass eine Änderung des Geschlechtes im Geburtenregister mit einem ärztlichen Attest verknüpft sein sollte. Doch diese Regelung wurde abgeschwächt und in wenigen Ausnahmefällen reicht auch eine eidesstattliche Versicherung aus. Bezüglich dieser Einführung wird über die Aufhebung des momentan geltenden Transsexuellengesetzes überlegt. Auch dies würde die Anerkennung von geschlechtlicher Vielfalt stärken.

Yourzz-Umfrage: Ein Tag im anderen Geschlecht?

von Joelle Thielsch

Was würdet ihr einen Tag lang im Körper des anderen Geschlechts machen? yourzz hat Hammer Jugendliche gefragt

Jessica Siegel, 24 Jahre:

„Es wäre eine interessante Erfahrung, ein Tag als Junge. Das Handeln und Verhalten wäre interessant. Ich würde als Junge ungestylt durch die Gegend gehen und auf die Reaktion meiner Mitmenschen warten.“

Viviane Linnebank, 16 Jahre:

"Ein Tag als Junge, da wäre ich sofort dabei. Ich würde das Handeln und Denken der Jungs erforschen und mit dem eines Mädchens vergleichen."

Leonie Hofmann, 14 Jahre:

„Ich würde gerne für immer ein Junge sein. Du hast eine bessere Position in der Gesellschaft und wirst mehr wahrgenommen als Mann. Ich kann immer mein Oberteil ausziehen, wann es mir gefällt und eine Jogginghose, anziehen ohne komische Blicke zu ernten.“

Melina Ruiter, 14 Jahre: 

„Ich würde das Verhalten und Handeln mit dem eines Mädchens zu vergleichen. Und ich würde auf jeden Fall eine berühmte Szene aus einem Film nachstellen: In einem Cabrio an einer roten Ampel halten und mit Frauen flirten.“

Yourzz-Kommentar: Einklang von Körper und Seele

Von Juliane Aldag

"Körper und Seele gehören zusammen, sie machen uns zu dem, was wir sind. Doch was, wenn dieser Einklang gestört ist, man sich im eigenen Körper nicht wohlfühlt? In der Öffentlichkeit werden Begriffe wie „Body Shaming“ (sich für seinen Körper schämen) heiß diskutiert. Wie kann es sein, dass Menschen aufgefordert werden, ihren Körper zu lieben und im gleichen Atemzug immer noch so viele verurteilt werden, die sich auf dem Weg dahin befinden. Die Rede ist von Geschlechtsidentität.

Natürlich mag es ein ungewohntes Bild sein, wenn Männer in Kleidern durch die Straßen laufen, oder man nicht weiß, ob es sich beim Gegenüber um eine Frau oder einen Mann handelt. Die klare Geschlechtereinordnung wird von Kindesbeinen an vermittelt. Kein Wunder also, dass Abweichungen eine so große Verwirrung auslösen, dass manche Menschen diese Abweichungen unbedingt, regelrecht zwanghaft, einordnen müssen. Ein typisches Beispiel dafür ist die Frage an gleichgeschlechtliche Paare, wer denn in der Beziehung der Mann und wer die Frau sei.

So schwierig es auch sein mag, umso wichtiger ist es, die Menschen, denen man begegnet, nicht in irgendwelche Schubladen zu stecken. Ein weiterer Punkt ist die Erziehung. Ein klares Bild von männlich und weiblich ist natürlich in Ordnung und sollte weiterhin gelehrt werden, solange Diversität nicht als abnormal gilt. Würde dies Kindern grundlegend, von klein auf, beigebracht, so fiele es unzähligen Menschen leichter, tatsächlich Seele und Körper in Einklang zu bringen und der Mensch sein zu können, der man eigentlich ist."

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