Ein Sprung ins kalte Wasser

Hamm - Das Warten auf den achtzehnten Geburtstag mag für viele Jugendliche schier kein Ende haben. Doch wie ist es überhaupt, endlich volljährig zu sein und das süße Leben in vollen Zügen auskosten zu dürfen? Yourzz-Reporterin Emely Kolodziej berichtet über die Höhen und Tiefen in den vergangenen Monaten als echte Erwachsene.

Ein aufregendes Jahr: Emely Kolodziej ist in diesem Jahr volljährig geworden und hat ihr Abitur gemacht.

Noch vor einem Jahr war für mich die Vorstellung, eines Tages alleine in meinem Auto zu fahren, um damit Alkohol für die nächste Party von A nach B zu transportieren, wie ein ferner Traum.
Die letzten beiden Jahre vor meinem „magischen Geburtstag“, sprich der Zeitraum, in dem mein gesamtes Umfeld langsam die Schwelle ins Erwachsenenalter überwunden hat, vergingen ziemlich langsam. Dafür wuchs meine Freude rasant, je näher ich meinem eigenen achtzehnten Geburtstag kam.
Ein dreiviertel Jahr ist der magische Geburtstag nun her, ein grauer, kalter Samstag im Januar. Meine Liste für Ü-18-Tätigkeiten war nicht gerade lang. Darauf stand bloß, dass ich alleine am Steuer meines Wagens sitzen wollte – nachdem ich meinen Führerschein gemacht hatte, konnte ich es kaum noch erwarten, endlich alleine fahren zu dürfen.
Ein eigenes Auto besaß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Und ganz alleine bin ich auch erst Monate später durch die Stadt gefahren, als ich endlich ein eigenes Auto hatte. Anstelle, dass ich mich so richtig frei fühlen konnte, kam erst einmal Post. Briefe von Behörden trudelten bei mir ein. Gehe ich noch zur Schule? Wohne ich noch zu Hause? Habe ich einen festen Job? Und wer zahlt meine Krankenversicherung? Will ich schon für das Alter vorsorgen?
Selbst meine Bank lud mich zu einem Gespräch ein und klärte mich über meine Rechte und Pflichten als Kontoinhaberin auf. Das machte mir wirklich klar, dass ich nun nicht nur für meine Finanzen, sondern auch für mich selbst verantwortlich bin – ich war jetzt eine eigene „behördliche Person“, so fühlte es sich jedenfalls an. Ich musste unterschreiben, dass alle meine Bankgeschäfte in meiner Hand liegen. Nur: Welche Bankgeschäfte, wo ich doch nur ein Girokonto und ein Sparbuch besitze?

Plötzlich bin ich eine „behördliche Person“

Nach und nach sammelten sich neben meinen Vorbereitungen für mein Abitur mein polizeiliches Führungszeugnis, meine Sozialversicherungsnummer, Rentenbescheide und auch – endlich im April – die Papiere für mein erstes eigenes Auto an. Das Auto gehört für mich zum Traum von Selbstständigkeit. Um ihn ausleben zu können, fehlte mir noch das nötige Kleingeld. Also suchte ich nach Minijobs, „Die gibt es doch wie Sand am Meer!“, dachte ich, genauso wie junge Menschen, die denselben Traum verfolgen.
Das Auto hatte ich nun. Doch wer denkt, dass es mit dem bloßen Kauf eines Autos getan ist, hat sich geschnitten. Kaum hatte ich das erste Gehalt bekommen, flatterte auch schon eine dicke Rechnung ein. KFZ-Steuer, Autoversicherung für fünf Monate und schon war die Freude über das erste allein verdiente Geld wieder weg.
Dann ging alles ganz schnell: Prüfungen, erste Fahrten weiter weg, das erste Tattoo, der Arbeitsalltag, bestandenes Abitur, Autounfall, Abiball, Bewerbungen, der Studienplatz an der Wunschuni, Abschied.
Achtzehn zu werden heißt vielleicht, dass man vor dem Gesetz als Erwachsener gilt. Doch in Wirklichkeit wird man ins eiskalte Wasser geschmissen, ohne die Möglichkeit, ein Ufer zu finden. Man bringt uns vielleicht Manieren und ein gewisses Allgemeinwissen bei, aber wie man mit Steuern, fehlender Krankenversicherung und einem Minus auf dem Konto umgeht, hat uns keiner gelehrt.
Die Kunst liegt darin, sich selbst ein Floß zu bauen und immer und immer weiter zu suchen, bis man einen sicheren Hafen für sich selbst findet.
Inzwischen weiß ich, dass ich nicht so erwachsen bin, wie ich dachte, es mit achtzehn zu sein. Denn dafür reichen ein Führerschein und die Erlaubnis, Alkohol zu kaufen, noch lange nicht aus.

yourzz-Meinung -"Der 18. Geburtstag bringt Verantwortung"

von yourzz-Reporterin Michelle Huytra

Die Volljährigkeit beginnt hier in Deutschland mit 18 Jahren. Ab diesem Alter ist man für sich verantwortlich, jede Entscheidung und die daraus folgenden Konsequenzen werden unsere eigenen sein. Der Kauf von Alkohol und Zigaretten ist legal ab diesem Zeitpunkt sowie auch das selbstständige Fahren mit dem Auto. So gut wie jede Möglichkeit steht einem offen, denkt man, da man als „erwachsen“angesehen wird.
Nur ist man das auch wirklich? In der Öffentlichkeit repräsentieren sich die Jugendlichen, die gerade frisch 18 geworden sind, ziemlich stolz. Immer, wenn nach dem Ausweis gefragt wird, wird er mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen rausgeholt. Nur privat ändert sich recht wenig, man lebt mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch bei seinen Eltern und hat die gleichen Streitigkeiten mit ihnen wie vor dem Geburtstag. Zudem wird man nicht ins kalte Wasser geschmissen, sobald es darum geht, Rechnungen zu bezahlen oder ähnliches. Es gibt jemanden, der einem dabei helfen kann, diese Herausforderungen zu bewältigen, oder erklärt, wie das funktioniert. Man wird nicht vom einen auf den anderen Tag erwachsen, das ist ein Prozess.
Erwachsen werden kann in jedem Alter beginnen. Mit dem 18. Geburtstag kommt nur mehr Verantwortung auf einen zu.

yourzz-Umfrage -Nach dem 18. Geburtstag - "Ein Drittel stört es, Verantwortung zu tragen"

Von yourzz-Reporter Robin Funke

Die Volljährigkeit ist für viele Jugendliche der wichtigste Schritt zum Erwachsenwerden. Viel zu oft überschätzen sie die Möglichkeiten, die sich mit dem Abschluss des achtzehnten Lebensjahres bietet. Wir haben 100 Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren gefragt, was die Volljährigkeit ausmacht.
71 von ihnen waren volljährig, 29 nicht. Letztere befragten wir nach ihren Wünschen und Vorstellungen. Die meisten Befragten sagen, dass ihr größter Wunsch das Autofahren ist. Ein Drittel der Befragten wünscht sich ein eigenes Auto. Hinzu kommen zwölf Befragte, die einen Führerschein besitzen und alleine Autofahren wollen. 19 Befragte sorgen sich um eine eigene Wohnung. Elf Befragte wünschen beziehungsweise freuen sich über mehr Selbstständigkeit.
30 Befragte stört an der Volljährigkeit, dass sie Eigenverantwortung tragen und in vielen Belangen auf sich allein gestellt sind. Hinzu kommt für 14 Befragte der anfallende Papierkram, den die Volljährigkeit für viele junge Erwachsene mit sich bringt.
Für 21 Befragte ist das Recht, selber zu entscheiden, die wohl wichtigste Eigenschaft der Volljährigkeit. Ein Fünftel wünscht sich, mit 18 Jahren endlich wählen gehen zu können.
Auf der anderen Seite ist die Pflicht zur Eigenständigkeit für ein Viertel der Befragten auch ein großes Problem, das viele weitere Probleme mit sich bringen kann.

Rubriklistenbild: © dpa

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