Toyota-Rückruf: Der Fluch des Erfolgs

Tokio - Toyota steckt in der wohl größten Krise seiner Firmengeschichte. Gerade erst zum weltgrößten Autobauer aufgestiegen, droht der jahrelang aufgebaute Ruf nachhaltig beschädigt zu werden.

Bisher galten die Autos als besonders zuverlässig und sicher - doch sollen 19 Menschen in den vergangenen zehn Jahren gestorben sein, weil ihre Autos sich nicht mehr stoppen ließen. Die Zahl hat die US-Behörde für Straßensicherheit zusammengetragen. Ein Ausschuss des amerikanischen Kongresses fragt nun, seit wann der Konzern von den Problemen wusste. Weltweit müssen insgesamt rund 8 Millionen Autos wegen fehlkonstruierter Gaspedale zur Reparatur.

“Ein Rückruf wie bei Toyota erschüttert die Marke“, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. An der Börse ist der Wert von Toyota innerhalb weniger Tage um rund 15 Milliarden Euro geschrumpft. Japanische Politiker und Medien fürchten schon, dass die gesamte Autoindustrie des Landes Schaden nimmt.

Die 15 größten Autobauer der Welt

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Toyota ist ausgerechnet sein Erfolgsrezept zum Verhängnis geworden: Die Japaner haben es wie kaum ein anderer Hersteller verstanden, ein einmal entwickeltes Bauteil in Dutzenden unterschiedlicher Modelle auf der ganzen Welt einzusetzen. “Das Gaspedal sieht der Kunde nicht. Das kann der Hersteller vom Kleinwagen bis zur Luxuslimousine einsetzen“, sagt Autofachmann Peter Bosch von der Managementberatung Oliver Wyman. Das treibt die Gewinne.

Die Kehrseite der Medaille: Macht die Technik Probleme, sind die Folgen unüberschaubar. Wie jetzt bei Toyota. “Wir ahnen die Kosten nur - es werden über hundert Millionen Dollar sein“, sagt Bosch. Dudenhöffer spricht sogar von einem Milliardenbetrag. Der japanische Konzern hat den Verkauf der betroffenen Modelle gestoppt, seine Produktion in Nordamerika angehalten und muss für die Reparaturen gerade stehen. Auch PSA Peugeot Citroën hat es erwischt - wegen baugleicher Teile in einigen Modellen wurden Rückrufe notwendig.

Toyota versucht händeringend, zumindest den Image-Schaden zu begrenzen. In großen Anzeigen informiert das Unternehmen seit dem Wochenende in amerikanischen Zeitungen über den jüngsten Rückruf - zu spät, wie Experten kritisieren. Schon vor fast zwei Wochen hatte der Konzern in den USA über klemmende Gaspedale berichtet. Die Kunden in Europa und anderen Teilen der Welt erfuhren Ende vergangener Woche von den Problemen.

Alles Elektro

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In den USA hat Toyota mittlerweile eine Reparaturlösung gefunden: Die ersten von 2,3 Millionen Autos sollen noch in dieser Woche in die Werkstätten kommen. In Europa sind 1,8 Millionen Fahrzeuge betroffen, auch im Nahen Osten und China müssen Kunden zu ihren Händlern.

Es ist der zweite Rückruf dieses Ausmaßes in Folge. Im vergangenen Jahr hatten sich die Berichte über rutschende Fußmatten gemehrt, die das Gaspedal zu verkeilen drohten. Ein Unfall mit vier Toten machte in den USA landesweit Schlagzeilen. 5,3 Millionen Wagen müssen deshalb in die Werkstätten.

Etliche Wagen sind von beiden Defekten gleichzeitig betroffen - ein Umstand, der viele Kunden an Toyota zweifeln lässt. Die Konkurrenz macht sich das zunutze und lockt Toyota-Fahrer mit satten Rabatten. So bietet der größte US-Rivale General Motors jedem, der umsteigt, 1000 Dollar.

Branchenbeobachter schätzen, dass Toyota im Januar bereits Marktanteile in den USA hat einbüßen müssen - ein schwerer Dämpfer für ein Unternehmen, das sich zum zweitbeliebtesten Hersteller in Nordamerika hochgearbeitet hat. Autoexperte Bosch warnt aber die Konkurrenz davor, Toyota zu unterschätzen: “Die werden wieder zurückkommen.“

Von Daniel Schnettler

Rubriklistenbild: © dpa

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