Die „Story im Ersten“

Sparkassen und Volksbanken: ARD-Doku deckt auf, wie Kunden mit Tricks abgezockt werden

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Laut einer ARD-Doku sollen die Sparkassen in Deutschland Kunden mit einem System betrügen.

Die ARD-Doku „Story im Ersten“ will aufgedeckt haben, dass Sparkassen und Volksbanken in Deutschland ihre Kunden systematisch betrügen und abzocken.

Hamburg - Die Sparkassen in Deutschland - gemeinwohlorientiert, gemeinnützig, seriös. Tatsächlich? Am Montagabend wurde im ARD die Dokumentation „Story im Ersten“ ausgestrahlt. Der Titel der Sendung: „Der rote Riese zockt ab“. Gemeint sind damit die Sparkassen in Deutschland, auch die Volksbanken kommen dabei nicht gut weg.

Seit der Bankenkrise im Jahr 2008 gelten diese Banken eigentlich als besonders seriös, doch die Kundenklagen häufen sich. Laut der ARD-Doku werden nämlich viele der Kunden mit miesen Zins-Tricks abgezockt. Übrigens wollen Sparkasse und Volksbank noch 2019 die ersten gemeinsamen Filialen eröffnen.

Sparkassen: So funktioniert die Zins-Masche in Deutschland

Die Banken gehen dabei wie folgt vor: Die Bundesbank legt den sogenannten Leitzins verbindlich fest. Die Banken müssen sich an diesem Zins orientieren und ihren Dispo-Zins anpassen. Der Abstand zwischen Leitzins und Dispo-Zins bleibt also gleich und bedeutet gleichzeitig die Gewinnspanne der Banken. Wenn eine Bank den Dispo-Zins also nicht angleicht, kassiert sie unerlaubt mehr Geld und täuscht damit seine Kunden.

Die Sparkasse München kündigt 28.000 Sparverträge und erzürnt so ihre Kunden. Doch für die Betroffenen gibt es nun Hoffnung, wie Merkur.de* berichtet.

Der Unternehmer Gerhard Stelter aus Verden in Niedersachsen hat Nachrechnen lassen, und zwar von dem Kreditexperten Hans-Peter Eibl. Das Ergebnis ist seiner Meinung nach eindeutig: Sparkasse und Volksbank sollen bei seinem Unternehmen zu viele Zinsen berechnet haben, und zwar teilweise fast doppelt so viel wie angegeben. „In zehn Jahren haben alle drei Hausbanken eine Million Euro Zinsen zu viel kassiert.“ Stelter sieht den Grund für seinen Ruin bei der Sparkasse: „Da hat die Bank maßgeblich dazu beigetragen, dass ein im Kern gesundes Unternehmen in die Insolvenz getrieben wurde.“ 88 Arbeitsplätze gingen mit der Insolvenz seines Fensterbaubetriebs verloren.

Sparkassen-Trick: Mittelständische Unternehmen sind besonders betroffen

Banken-Experte Professor Hans-Peter Schwintowski von der Humboldt-Universität Berlin erklärt, dass vor allem mittelständische Unternehmen, die ihre Kredite häufiger überziehen müssen, Gefahr laufen, auf solche Zins-Trick hereinzufallen. „So werden Existenzen in die Nähe der Insolvenz gebracht“, erklärt der Profi.

Doch wie kann so etwas passieren, ohne dass es auffällt? Schwintowski vermutet dahinter ein System. Oftmals scheint Erfolgsdruck in bestimmten Filialen und Standorten zu herrschen. Seiner Meinung nach sei dieser so hoch, dass die Leitung des Hauses sagt: „Wir drücken mal alle Augen zu und tun mal so, als wenn das rechtmäßig ist.“ Der Kunde werde es gar nicht merken und die Aufsicht sehe ja auch nicht hin.

Auf Nachfrage der ARD will die Kreissparkasse Verden keine Auskunft geben, da das Insolvenzverfahren nicht öffentlich sei und noch laufe. Auch die Volksbank hält sich zurück. Sie hält es lediglich für unwahrscheinlich, dass eine höhere Zinsbelastung über den berechneten Zeitraum eine Insolvenz bei Stelters Unternehmen verursacht hätte. Also selbst bei doppeltem Zinssatz - so schreibt die Volksbank - hätte Stelter nicht pleitegehen dürfen.

Video: Immer höhere Gebühren - deutsche Banken kassieren ab

Fälle von Zinsbetrug häufen sich in Deutschland

Doch Gerhard Stelter ist nicht allein mit seiner Vermutung. Auch Reinhard und Thomas Kühl, Besitzer einer Autowerkstatt, fühlen sich betrogen. Seit 1919 gibt es den Betrieb in der Nähe von Flensburg, insgesamt rund 83.000 Euro sollen sie durch Zins-Tricks der Sparkasse verloren haben. „Das ist illegal erworbenes Geld“, so Hans-Peter Eibl. Denn die Sparkasse setzte dieses Geld ein, um neues zu generieren, lautet sein Vorwurf.

Ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute, die eigentlich gemeinwohlorientiert sein sollen, haben laut ARD Profite auf Kosten ihrer Kunden gemacht. Privatbanken sind davon weniger betroffen, denn rund 75 Prozent der deutschen Mittelständer haben ein Konto bei einer Sparkasse oder Volksbank.

Sparkassen: Auch Privatkunden sind von der Zins-Masche betroffen

Vor laufender Kamera wollte sich keine Sparkasse zu den Vorwürfen äußern. Finanzexperte Eibl erkennt jedoch, dass die Banken nicht zimperlich mit Kunden umgehen, die sich wehren. „Der Schuldner wird immer als der Schuldige hingestellt.“

Auch Privatkunden sind von den Zins-Tricks der Banken betroffen. Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen hat beobachtet, dass die Sparverträge nicht angepasst wurden, obwohl sie es gemusst hätten. Denn auch hier gilt: Steigt der Leitzins, muss die Bank den Sparzins anpassen. Steigt also der Leitzins und die Bank passt es nicht an, bekommen die Kunden weniger Zinsen auf ihr Erspartes bezahlt - auch hier handelt es sich um Betrug. „Mal steht den Kunden ein dreistelliger Betrag zu, mal sind es aber auch Nachzahlungen von bis zu 30 000 Euro“, erklärt Heyer. Die Verbraucherzentrale Sachsen hat inzwischen eine Musterfeststellungsklage gegen die Sparkasse Leipzig eingereicht.

Finanzexperten wie Hans-Peter Eibl fordern, dass die Banken stärker in die Pflicht genommen werden. Sie sollen beweisen, dass sie richtig abgerechnet hätten und nicht die Beweislast beim Kunden liegt. Eine Stimme aus der Politik fehlt in der ARD-Doku leider gänzlich.

Immer mehr treue Kunden gucken bei den Sparkassen in die Röhre. Es werden lukrative Altverträge gekündigt. 

tf

*Merkur.de ist ein Angebot des bundesweiten Ippen Digital Redaktionsnetzwerks

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