Kostet Griechenland-Hilfe jeden Bundesbürger 100 Euro?

+
Was für Auswirkungen hat die griechische Kreditkrise auf Verbraucher, Steuerzahler und Anleger in Deutschland? Zehn Fragen und Antworten.

Berlin - Was für Auswirkungen hat die griechische Kreditkrise auf Verbraucher, Steuerzahler und Anleger in Deutschland? Zehn Fragen und Antworten.

1. Werden griechische Produkte in Deutschland jetzt teurer?

Kaum. Die wichtigsten griechischen Exportprodukte nach Deutschland sind Feta-Käse, Olivenöl und Lebensmittel in Dosen, wie Botschaftsrat Dionyssis Protopapas von der Griechischen Botschaft erklärt. Er hat keine Anhaltspunkte für Preiserhöhungen vorliegen. “Warum auch? Es gibt kein Wechselkursrisiko und bisher deutet nichts auf Kostensteigerungen hin“, sagt er. Aber auch Medikamente und Aluminium kommt aus Griechenland nach Deutschland.

2. Soll ich griechische Staatsanleihen kaufen?

Ja, meint der Experte. Griechische Staatsanleihen haben in der vergangenen Woche Renditen von über 7 Prozent erzielt, während Spareinlagen in Deutschland mit nur etwa 1 Prozent verzinst werden. “Wir haben schon seit längerer Zeit Griechenland-Anleihen in kleinem Umfang in unserem Musterdepot für risikobereite Anleger“, sagt Chefvolkswirt Jochen Intelmann von der Hamburger Sparkasse. “Wir halten es für äußert unwahrscheinlich, dass die Griechen nicht zahlen“, sagte er.

3. Was bedeutet Griechenland-Krise für den Aktienmarkt?

Nachdem der Rettungsplan für Griechenland steht, werden sich die Anleger nach Überzeugung von Intelmann jetzt wieder stärker mit den Firmendaten selbst beschäftigen. “Die Verunsicherung war Gift für die Märkte, wir gehen jetzt von einer ruhigeren Phase aus.“ Intelmann rechnet mit guten Firmenergebnissen im ersten Quartal 2010, die ersten Daten stehen unmittelbar bevor. Dem Börsenindex DAX gibt die größte deutsche Sparkasse noch Luft bis 6.500 Punkte, nachdem am Montag etwa 6.250 Punkte erreicht waren.

4. Wird Urlaub in Griechenland billiger?

Ja. Griechenlandreisen sind diesen Sommer bei Branchenführer TUI durchschnittlich um 6,5 Prozent günstiger, Konkurrent Thomas Cook hat Preissenkungen um etwa 4 Prozent angekündigt.

5. Könnten mich als Touristen diesen Sommer Streiks in Griechenland treffen?

Durchaus möglich. Das deutsche Außenministerium erklärt in seinen Sicherheitstipps: “Angesichts der Maßnahmen der griechischen Regierung zur Bekämpfung der Staatsverschuldung könnte es in der nächsten Zeit zu (General-)Streiks und Demonstrationen in den größeren Städten Griechenlands kommen. Reisenden wird empfohlen, sich in den griechischen Medien sowie bei ihren Gastgebern über die aktuelle Lage zu unterrichten. Demonstrationen sollten gemieden werden.“

6. Was kosten mich als Steuerzahler die Notfall-Kredite der EU?

Im ersten Jahr wäre Deutschland nach Auskunft der Bundesregierung mit maximal 8,4 Milliarden Euro an Krediten beteiligt. Das wäre rechnerisch so, als würde jeder Bundesbürger dem griechischen Staat 100 Euro leihen. Die Bundesregierung hofft, dass Griechenland dieses Angebot nicht nutzt, sondern sich Geld bei Banken besorgt.

7. Könnte Deutschland an den Krediten auch verdienen?

Ja. Denn die Bundesrepublik muss für Staatsanleihen derzeit rund 3 Prozent Zinsen zahlen, von Athen wird ein Zinssatz von etwa 5 Prozent verlangt.

8. Habe ich als Arbeitnehmer und Anleger in den vergangenen Jahren von der Entwicklung in Griechenland profitiert?

Gut möglich. Deutschland hatte in den vergangenen Jahren enorme Exportüberschüsse nach Griechenland, 2009 zum Beispiel mehr als 4 Milliarden Euro. Wer zum Beispiel in exportabhängigen Firmen wie Daimler oder Siemens arbeitet, hätte durchaus einen Nutzen gehabt. Und die griechische Deutsche Telekom-Tochter OTE erhöhte den Gewinn des Konzerns um etwa 2 Milliarden Euro zum Nutzen der oft deutschen Aktionäre.

9. Soll ich meinen griechischen Nachbarn oder Arbeitskollegen auf das Thema ansprechen?

Auf keinen Fall, sagt Benimmtrainer Hans-Michael Klein, der Leiter der Knigge-Akademie in Essen. “So ein heikles Thema ungefragt anzusprechen wäre grob unhöflich“, erklärt er. Er rät dazu, sich dem Thema sehr zurückhaltend zu nähern. “Man könnte zum Beispiel sagen, man habe den Eindruck, die deutschen Medien würden die Lage in Griechenland verzerrt darstellen. Und dann fragen, wie es denn wirklich sei.“

10. Ist die Krise mit dem Beschluss der EU-Länder ausgestanden?

Das wird sich zeigen, wenn Griechenland die nächsten Milliarden am Kapitalmarkt aufnimmt. Wenn die verlangten Zinsen für Athen zu hoch sind, könnte der Hilferuf an die Eurogruppe folgen. Langfristig aber werden nur Reformen in Griechenland und eine ausgeglichene Handelsbilanz das Problem lösen.

dapd

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare