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LNG-Terminals: Habeck sucht fieberhaft nach Lösung für Deutschland – doch es wird richtig teuer

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Von: Lisa Mayerhofer

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Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Energie, spricht bei einer gemeinsamen Pressekonferenz nach einem Treffen mit der Ministerin für Klima und Umwelt von Polen.
Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Energie, spricht bei einer gemeinsamen Pressekonferenz nach einem Treffen mit der Ministerin für Klima und Umwelt von Polen. © Marcin Obara/dpa

Russland macht Ernst: Polen und Bulgarien sollen kein russisches Gas mehr bekommen. In Deutschland sucht Wirtschaftsminister Robert Habeck fieberhaft nach Lösungen für den Gas-Gau.

Berlin – Polen und Bulgarien erhalten seiit Mittwoch (27. April) kein Erdgas mehr aus Russland. Das Energieministerium in Sofia bestätigte am Dienstagabend, dass das bulgarische Erdgasversorgungsunternehmen Bulgargas eine entsprechende Mitteilung von Gazprom erhalten habe. Kurz zuvor hatten die Regierung in Warschau und der polnische Erdgaskonzern PGNiG mitgeteilt, dass ab Mittwoch keine russischen Gaslieferungen an Polen mehr erfolgen.

Direkte Auswirkungen auf die deutsche Versorgungssicherheit haben diese Schritte aber wohl erst einmal nicht. Die Versorgungssicherheit in Deutschland sei derzeit weiter gewährleistet, sagte eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Dienstagabend nach der Nachricht aus Polen. „Wir beobachten die Lage genau.“

Gas-Lieferstopp für Polen und Bulgarien – Deutschland erhält weiter Energie aus Russland

Seit Mittwoch fließt zwar kein russisches Gas nicht mehr durch die Jamal-Pipeline nach Polen. Nach Deutschland ist in den vergangenen Monaten über die Jamal-Pipeline aber ohnehin kaum Gas aus Russland geflossen, wie aus Daten der Bundesnetzagentur hervorgeht. Auch für Polen sind die Auswirkungen des Lieferstopps nach Angaben aus Warschau derzeit gering. Man sei „auf eine vollständige Einstellung der russischen Rohstofflieferungen vorbereitet“, sagte Polens Klimaministerin Anna Moskwa. Seit den ersten Tagen des Ukraine-Krieges habe ihr Land erklärt, dass es bereit sei für eine vollständige Unabhängigkeit von russischen Rohstoffen.

Der Bevollmächtigte der polnischen Regierung für strategische Energieinfrastruktur, Piotr Naimski, versicherte, dass nach Deutschland weiter Gas über Nord Stream 1 fließe. Und alle Gaskunden in Polen würden den Rohstoff weiter auf dem bisherigen Niveau erhalten.

Auch Bulgarien habe Schritte zur alternativen Gasversorgung unternommen, teilte das Energieministerium in Sofia am Dienstagabend mit. Vorerst sei keine Begrenzung des Gasverbrauchs notwendig, hieß es weiter. Das EU-Mitglied ist aber noch immer fast komplett von Erdgaslieferungen aus Russland abhängig. Ein Anschluss an das Gasnetz des benachbarten Griechenland soll im Juni fertig sein. Dadurch will das EU-Land seine Lieferquellen für Gas diversifizieren und Gas auch aus anderen Ländern beziehen.

Öl und Gas: Habeck will Unabhängigkeit von Russland erreichen

Das Bundeswirtschaftsministerium beobachtet den Stopp russischer Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien mit Sorge. „Wir sind in enger Abstimmung innerhalb der Europäischen Union, um das Lagebild zu konsolidieren“, sagte eine Sprecherin von Habeck am Mittwoch in Berlin. Deutschland ist nach wie vor stark vom russischen Erdgaslieferung abhängig. Bei den Öllieferungen geht Habeck davon aus, dass Deutschland innerhalb weniger Tage die Unabhängigkeit von Russland erreichen kann. Bereits jetzt sei der Anteil Russlands an den Ölimporten von 35 Prozent auf etwa zwölf Prozent gesenkt worden, sagte Habeck nach einem Treffen mit seiner polnischen Amtskollegin Anna Moskwa am Dienstag in Warschau. Die meisten Lieferverträge seien schon umgestellt worden.

Bei den noch verbliebenen Einfuhren gehe es in erster Linie um die PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt, die über eine Pipeline mit Öl aus Russland versorgt wird, sagte Habeck weiter. „Dafür eine Lösung zu entwickeln, ist die Aufgabe der nächsten Tage“. Der Minister kündigte an, dass zur Versorgung der Raffinerie die nationale Ölreserve Deutschland eingesetzt werden solle.

Dabei kündigte Habeck auch eine engere Zusammenarbeit im Energiebereich mit Polen an. Teile des Nachbarlandes werden ebenfalls aus Schwedt sowie einer weiteren deutschen Raffinerie in Leuna beliefert. Auch die Anlage in Leuna erhielt bisher Öl aus Russland, hier sei die Umstellung der Verträge aber schon erfolgt, sagte Habeck. Bei Schwedt sei dies schwieriger, weil diese Raffinerie mehrheitlich dem russischen Rosneft-Konzern gehört. Auch jetzt schon wäre aber ein Embargo für russisches Öl laut Habeck für Deutschland „händelbar“.

Raus aus der Gas-Abhängigkeit von Russland – mit LNG-Terminals

Auch „bei Gas sind wir mit Hochdruck daran, die hohe Abhängigkeit, die Deutschland hier hatte und die ein Fehler war, zu überwinden“, sagte der Wirtschaftsminister. Mittlerweile sei der Anteil der Importe aus Russland von einst 55 Prozent auf rund 40 Prozent gesenkt worden. Um auch diese zu überwinden, werde man nun „LNG-Terminals in Rekordgeschwindigkeit errichten“.

Der Aufbau von LNG-Terminals, auch Flüssigerdgasterminals, spielt auf dem Weg aus der Gas-Abhängigkeit von Russland eine große Rolle. Dies geht am schnellsten über sogenannte schwimmende LNG-Terminals (FSRU), bei denen Spezialschiffe verflüssigtes Erdgas wieder in den gasförmigen Zustand bringen und für das Gasnetz einsetzbar machen.

Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte schon Anfang April, über die Anmietung von bis zu vier solcher Einheiten zu verhandeln und steht nun offenbar kurz vor Abschluss. Unterstützt wird es dabei von den Unternehmen RWE und Uniper. Der große Vorteil: Die mobilen, schwimmenden LNG-Terminals ermöglichen auch kurzfristig den Bezug von Erdgas, während der Aufbau der stationären LNG-Terminals Jahre dauert.

Habecks LNG-Terminals: Kosten von bis zu 200.000 Dollar pro Tag

Allerdings sind für die schwimmenden Flüssigerdgasterminals umfangreiche Planungen und Bauarbeiten für die landseitige Anbindung notwendig, nicht zuletzt die Errichtung von kilometerlangen Pipelines zum Anschluss der Anlagen an das existierende Gasnetz. Auch die Kosten werden wahrscheinlich exorbitant ausfallen.

Da Deutschland nicht als einziges Land gerade händeringend nach Alternativen zu russischem Gaslieferungen sucht und die Nachfrage dementsprechend hoch ist, bewegen sich die Preise auf „abenteuerlich hohem Niveau“, sagte ein Insider gegenüber dem Handelsblatt. Die Tagesraten für die FSRU würden sich in einem Bereich „von bis zu 200.000 US-Dollar“ (etwa 189.000 Euro) täglich bewegen.

Laut Handelsblatt würden die LNG-Terminals auf den vier Schiffen auf etwa ein Drittel der Jahresleistung der Pipeline Nord Stream 1 kommen und damit weit unter dem Jahresverbrauch Deutschlands liegen. Sie können also die Gasversorgung in Deutschland noch nicht sichern, wären aber ein erster und vor allem schneller Schritt aus der Energie-Abhängigkeit von Russland. Mit Material der dpa

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