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Kampf gegen Corona: China setzt auf traditionelle Medizin  – und verschmäht Impfstoff von Biontech

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Von: Sven Hauberg

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Traditionelle Apotheke in Macau
Traditionelle Apotheke in Macau: Kräuterpillen sollen auch gegen Corona-Symptome helfen. © Lucas Vallecillos/Imago

Im Kampf gegen das Coronavirus setzt China auf traditionelle Medizin - nicht aber auf den Impfstoff von Biontech. Das hat auch politische Gründe.

München/Peking – Endlich wieder Freiheit: Seit rund einer Woche dürfen einige der rund 25 Millionen Bewohner von Shanghai ihre Wohnungen wieder verlassen, in denen sie wochenlang eingesperrt gewesen waren. In zunächst fünf der 16 Stadtbezirke wurden die strengen Lockdown-Maßnahmen gelockert. Noch aber sitzen in der Wirtschaftsmetropole und anderswo in China viele Millionen Menschen in ihren Wohnungen oder in Quarantänezentren fest – während in Peking die Sorgen vor einem Lockdown wachsen.

„Null-Covid“ nennt die chinesische Regierung ihre Knallhart-Politik, von der sie so bald nicht abweichen dürfte. Fast täglich berichten die Staatsmedien von der angeblichen Überlegenheit dieser Strategie, die Todesfälle und einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems verhindern soll. Was einerseits funktioniert: Nur etwas mehr als 5000 Menschen sind der Pandemie seit dem ersten Ausbruch in Wuhan vor mehr als zwei Jahren offiziellen Angaben zufolge zum Opfer gefallen, und auch Bilder von überlasteten Krankenhäusern gibt es aus China derzeit nicht. Eine Exit-Strategie aber scheint zu fehlen.

Der hohe Gesundheitsbeamte Liang Wannian betonte unlängst, man könne die Pandemie nicht einfach durchlaufen lassen, weil das zu viele Opfer fordere. Immunität müsse man vielmehr durch Impfen erreichen, so Liang zur Staatszeitung Global Times. Umso seltsamer erscheint es, dass China den weltweit wohl wirksamsten Impfstoff gegen das Coronavirus, das mRNA-Vakzin Comirnaty von Biontech, bislang nicht zugelassen hat.

China: Warum ist der Impfstoff von Biontech noch nicht zugelassen?

Dabei hatte Biontech-Gründer Ugur Sahin bereits im März 2020 eine Zusammenarbeit mit dem chinesischen Konzern Fosun Pharma verkündet und später mit der Regierung ein Abkommen über die Lieferung von 100 Millionen Dosen abgeschlossen. Doch statt dem Biontech-Vakzin spritzen die chinesischen Behörden aktuell lediglich zwei Totimpfstoffe, die von den heimischen Herstellern Sinovac und Sinopharm stammen. Ausgerechnet bei älteren Menschen aber wirken die Vakzine nur unzureichend. Bei einer Infektion mit dem Omikron-Subtyp BA.2 schützen zwei Dosen des Sinovac-Impfstoffes Menschen ab 80 nur mit einer Wirksamkeit von 60 Prozent, wie eine noch nicht begutachtete Vergleichsstudie der Universität Hongkong ergab. Beim Biontech-Vakzin Comirnaty liegt die Wirksamkeit in derselben Altersgruppe bei etwa 85 Prozent.

„China hat eine Wette auf seine eigenen Impfstoffe abgeschlossen und darauf gehofft, selbst gute Vakzine zu produzieren und diese schnell zu verabreichen“, sagt Vincent Brussee von der China-Denkfabrik Merics im Gespräch mit Merkur.de. Eine Wette, die bislang nicht aufgegangenen ist. „Es ist politisch schwierig für die Regierung, zu sagen: ‘Wir können uns nicht auf unsere eigene Wissenschaft verlassen.’ Das würde die chinesische Wissenschaft schwach aussehen lassen“, glaubt Brussee. „Vor allem, nachdem man so lange Zeit die eigenen Impfstoffe eingesetzt hat. Da kann die Regierung kaum raus.“ Manche Beobachter glauben, dass China den Biontech-Impfstoff auch deshalb nicht zulasse, weil das Vakzin von Sinovac noch keine Zulassung für Europa hat.

Zuletzt scheint allerdings Bewegung gekommen zu sein in die festgefahrenen Verhandlungen zwischen Biontech und der chinesischen Regierung. Wie der Spiegel berichtet, soll es in den kommenden Wochen Gespräche zwischen Unternehmensvertretern aus Mainz und Regierungsmitarbeitern in Peking geben. Eine entsprechende Anfrage von Merkur.de ließ Biontech unbeantwortet.

Corona in China: Fokus auf Entwicklung eigener Impfstoffe

Viel lieber als auf Biontechs Comirnaty würde China aber auf eigene Vakzine setzen, die wirksamer sind als die bisher eingesetzten Impfstoffe. Stolz verkündeten Staatsmedien Anfang der Woche, dass in der ostchinesischen Stadt Hangzhou der „weltweit erste Omikron-spezifische Totimpfstoff“ verabreicht worden sei. Ein Freiwilliger habe sich das Vakzin von Sinopharm im Rahmen einer Studie spritzen lassen, hieß es. „Ich möchte meine Immunität stärken und gleichzeitig einen Beitrag zur Gesellschaft leisten“, sagte der Freiwillige demnach. Das neue Vakzin sei von „größter Bedeutung“, zitierte die Global Times nicht namentlich genannte „Top-Epidemiologen“.

Auch mehrere mRNA-Impfstoffe sind in der Entwicklung; vier davon werden derzeit klinisch getestet. Ein Impfstoff namens Arcovax gilt als vielversprechendster Kandidat. Arcovax wurde von den Unternehmen Walvax Biotechnology und Suzhou Abogen Biosciences in Zusammenarbeit mit der Akademie der Militärwissenschaften entwickelt und befindet sich bereits in der dritten Phase der klinischen Prüfung. Doch das Vakzin soll mehr Nebenwirkungen haben als die Konkurrenzprodukte von Biontech und Moderna - und ausgerechnet gegen Omikron nur wenig wirksam sein.

China: Mit traditionellen Kräuterpillen gegen Corona

Bis zur Immunität durch Impfung, wie sie Peking fordert, ist es also noch ein weiter Weg. Bis dahin setzt die Regierung nicht nur auf Hightech-Medizin – sondern auch auf traditionelle Kräuterpillen. Lianhua Qingwen heißt ein Medikament der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), das die Behörden in Shanghai im April millionenfach an die Bewohner der abgeriegelten Stadt verteilt hatten – zu einer Zeit, als vielen der Eingeschlossenen frische Lebensmittellieferungen wohl lieber gewesen sein dürften. Mindestens acht Millionen Packungen wurden alleine in Shanghai abgegeben, berichtete die South China Morning Post. Gespendet wurden sie vom Hersteller, der Firma Yiling Pharmaceutical.

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Das Unternehmen weist darauf hin, dass das Medikament von der nationalen Gesundheitsbehörde zugelassen sei zur Behandlung von Corona-Symptomen wie Fieber, Husten und Unwohlsein. Man habe das Medikament bereits 2003 entwickelt, um damals die ebenfalls auf Coronaviren zurückgehende Lungen-Epidemie Sars zu behandeln. Die Rezeptur gehe auf die Han-Dynastie (202 v. Chr. bis 220 n. Chr.) zurück und beinhalte unter anderem Rhabarber und Aprikosenkerne. Mediziner in China warnen allerdings davor, Lianhua Qingwen einzunehmen, wenn man keine Symptome hat – da die Pillen zu schweren Nebenwirkungen führen könnten. Auch wurde das Medikament von der Weltgesundheitsorganisation noch nicht empfohlen.

Das Medikament Lianhua Qingwen soll gegen Corona-Symptome helfen - und wird auch außerhalb Chinas verkauft, etwa in Kuwait.
Das Medikament Lianhua Qingwen soll gegen Corona-Symptome helfen - und wird auch außerhalb Chinas verkauft, etwa in Kuwait. © Xinhua/Imago

„Als Shanghai 2020 die erste Corona-Welle erlebte, bekamen 93 Prozent der Patienten auch eine Behandlung mit TCM“, sagt China-Experte Brussee. Allerdings werde TCM „nur in Kombination mit klinischer Behandlung und westlicher Medizin“ eingesetzt. Wie wirksam die TCM-Tabletten sind, ist unklar. So kamen mehrere Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen. Auch die Qualität der Studien wurde vielfach angezweifelt. Laut den Gesundheitsbehörden in Singapur gibt es „keinen Beweis“, dass Lianhua Qingwen gegen Covid-Symptome hilft oder gar vorbeugend wirkt. Behörden in Schweden berichteten, in importierten Tabletten habe man nichts außer Menthol gefunden. „Wie bei jedem TCM-Produkt hängt die Wirksamkeit vom Zustand des Patienten ab“, erklärt Yan Liu, der an University of Buffalo zur Geschichte der chinesischen Medizin forscht, gegenüber Merkur.de. „Im Anfangsstadium von Covid-19 hilft es oft, die Symptome zu lindern. Aber wenn der Zustand in ein späteres Stadium übergeht, hilft es nicht mehr viel.“

China: Präsident Xi Jinping ist ein TCM-Fan

Chinesische Staatsmedien berichten seit Wochen begeistert von angeblichen Erfolgen der TCM. Die Parteizeitung Renmin Ribao etwa schrieb von „einer wertvollen Erfahrung im Kampf gegen die Epidemie im ganzen Land“ und nur zwei Tage später von den „einzigartigen Vorteilen der chinesischen Medizin im Kampf gegen Corona“. Chinas Staatschef Xi Jinping hatte sich bereits 2019 als TCM-Fan geoutet und die traditionellen Mittel als „Schatz“ der chinesischen Medizin bezeichnet. Xis „eifrige Förderung der TCM ist Teil eines politischen Schachzugs, der darauf abzielt, den Nationalstolz zu stärken“, glaubt Yan Liu. „Das ist eine Strategie, die oft von einer Regierung in Momenten der Krise angewandt wird. Sie ist Teil seiner Bemühungen, das kulturelle Selbstvertrauen der Chinesen zu stärken.“

Wer sich hingegen kritisch äußert, etwa im sozialen Netzwerk Weibo, bekommt schnell einen nationalistisch aufgeladenen Gegenwind zu spüren. Als etwa eine große Gesundheitsplattform einen Artikel veröffentlichte, der Lianhua Qingwen als unwirksam bezeichnete, musste sich das Unternehmen auf Weibo anhören, mit ausländischen Investoren unter einer Decke zu stecken. „Es besteht kein Zweifel daran, dass die Anwendung der TCM politisch ist – insbesondere in diesen Tagen, in denen Shanghai und andere Städte in China streng abgeriegelt sind“, sagt Yan Liu. Allerdings habe es schon immer Befürworter und Gegner von TCM gegeben. „Es gibt ebenso viele Ungläubige wie Gläubige, und die beiden Gruppen führen oft heftige Debatten, vor allem auf Online-Plattformen“, sagt er. „Viele Menschen genießen die Vorteile der TCM, andere nicht, manche probieren sie nie aus.“

China: Weiter so mit Null-Covid

Für einen jedenfalls hat sich die TCM-Begeisterung der chinesischen Regierung ausgezahlt: Seit Ende 2019 stieg der Aktienkurs des Herstellers von Lianhua Qingwen um mehr als 260 Prozent – und das Vermögen der Familie von Firmengründer Wu Yiling wuchs allein seit Jahresbeginn um rund viereinhalb Milliarden US-Dollar.

Der Gesundheitsbeamte Liang Wannian betonte derweil, China werde mit der Null-Covid-Politik so lange fortfahren, bis die Bedingungen für einen Schwenk bereit seien. Notwendig dafür ist laut Liang unter anderem eine hohe Impfquote unter älteren Menschen. Doch gerade die ältere Generation in China ist impffaul. „Chinesen, die heute über 80 sind, haben die Kulturrevolution und andere Kampagnen erlebt und sind natürlich auch etwas skeptischer, wenn die Regierung etwas verordnet“, sagt Vincent Brussee. Außerdem hätten viele Menschen aufgrund der extrem niedrigen Fallzahlen in China lange Zeit gar keine Veranlassung gesehen, sich die Spritze setzen zu lassen. „Warum sollte man sich impfen lassen, wenn es in der Nachbarschaft keinen einzigen Fall gibt?“ Brussee glaubt aber auch, dass die Impfquote bald steigen werde, „wenn die Leute jetzt sehen, dass die Situation außer Kontrolle gerät“. (sh)

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