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Schwimmbad erlaubt „oben ohne“: Ist das rechtlich eigentlich erlaubt?

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Von: Daniel Schinzig

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In einem Schwimmbad in Göttingen dürfen nun alle Besucher „oben ohne“ schwimmen. Aber wie sieht das eigentlich rechtlich aus? Ein Anwalt erklärt, ob das generell erlaubt ist.

Hamm - Es ist eine Testphase, die Wellen schlagen könnte: Ab dem 1. Mai dürfen alle Badegäste in Göttingen ohne Oberbekleidung ins Schwimmbad, wie Merkur.de berichtet. Das, was für Männer schon seit Ewigkeiten zur Normalität gehört, soll nun auch für alle Geschlechter gelten. Brüste sollen kein Tabuthema mehr sein.

Der Schwimmbad-Besuch „oben ohne“ ist aber erst einmal nur eine Testphase, die nach einigen Monaten wieder endet. Und sie kommt auch nicht ohne größere Einschränkungen aus. Dennoch wird die Auswertung dieses Experiments äußerst spannend sein. Doch ist es eigentlich ohne Weiteres erlaubt, ohne Oberteil ins Schwimmbad zu geben? Ein Anwalt beleuchtet das Thema.

Schwimmbad erlaubt „oben ohne“: Ist das rechtlich ok?

Die Entscheidung, dass nun auch Frauen mit freiem Oberkörper in Göttingen ins Schwimmbad dürfen, kam nicht aus dem Nichts. Vorausgegangen ist ein Vorfall im August 2021. Mina Berger, die sich selbst nicht als Frau wahrnimmt, war mit unverdeckten Brüsten zu Besuch im Badeparadies Eiswiese. Berger wurde damals aus dem Bad geschmissen und bekam mehrere Monate lang Hausverbot. Das hat zu einer großen Diskussion über die Thematik geführt. An deren Ende die viermonatige Testphase in den Schwimmbädern in Göttingen steht.

Generell führt der Fall der nicht binären Badebesucherin zu spannenden Fragen. Im vergangenen Sommer äußerten sich nicht zuletzt auf diversen sozialen Plattformen viele Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zu dem Thema. Einige unterstützten die Haltung von Mina Berger und fanden es diskriminierend, dass Männer völlig selbstverständlich im Schwimmbad ihre Brust präsentieren dürfen, Frauen dies jedoch verwehrt wird. Andere hingegen waren der Meinung, dass sich so viel weibliche Nacktheit nicht gehöre und damit auch Sexualität zur Schau gestellt wird.

Aber ganz ab von persönlichen Meinungen: Wie sieht es rechtlich aus? Darf ein Schwimmbad überhaupt selbst entscheiden, welcher „Dresscode“ im Wasser herrscht? Und darf Frauen vorgeschrieben werden, ein Bikinioberteil zu tragen? Rechtsanwalt Arndt Kempgens aus Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen stellt klar: „Grundsätzlich gilt Hausrecht und Vertragsfreiheit.“

Das heißt, dass der Betreiber eines Schwimmbads selbst bestimmen kann, unter welchen Bestimmungen den Menschen ein Schwimmbad-Besuch gewährt wird. Allerdings: „Er darf dabei aber nicht gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstoßen, denn das bildet die Grenze der Privatautonomie.“ An diesem Punkt wird es besonders spannend, da es rechtlich nicht klar ist, ob eine Bikini-Vorschrift gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstößt. Gerade mit Blick auf die Themen „Geschlecht“ und „sexuelle Identität“ ist das ein wichtiger Punkt, der im Auge behalten werden muss.

Schwimmbad erlaubt „oben ohne“: Wann ist Nacktheit strafbar?

Generell ist es auffallend, wie sehr das Thema „Nacktheit“ im Allgemeinen das Gemüt der Menschen erhitzt. Dabei ist es erst einmal keine Straftat, nackt zu sein - wie so häufig ist es natürlich nicht ganz so einfach. Klar ist die Sache erst einmal bei exhibitionistischen Handlungen. Die „können strafbar sein, wenn andere Personen belästigt werden“, erläutert Arndt Kempgens. Aber hier kommt es auf eine wichtige Unterscheidung an: „Entblößen in diesem Sinne müsste allerdings mit sexueller Motivation verbunden sein.“

Theoretisch könnte es auch zur Erregung eines öffentlichen Ärgernisses kommen, wenn jemand blankzieht. Hier heißt es im Gesetz laut dem Rechtsanwalt: „Ordnungswidrig handelt, wer eine grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen.“ Hier kommt es aber wie so häufig auf den konkreten Einzelfall an.

„Oben ohne“ im Freibad ist laut Anwalt keine Ordnungswidrigkeit

Arndt Kempgens ist sich aber sicher, dass es sich nicht um eine Ordnungswidrigkeit handelt, wenn sich jemand „oben ohne“ im Freibad oder beispielsweise am Baggersee aufhält - auch wenn es dahingehend keine ausdrückliche Regelung gibt. Der Anwalt gibt aber zu bedenken: „Oben ohne in der Fußgängerzone ist dagegen in aller Regel kritisch.“

Die Testphase in den Schwimmbädern in Göttingen wird eine Diskussion über die Thematik noch einmal anfeuern. Allerdings wird auch dieser Versuch nicht konsequent durchgezogen. Denn erlaubt ist der Besuch mit nacktem Oberkörper allen Geschlechtern nur am Wochenende. Unter der Woche heißt es nach wie vor: Die männliche Brust ist gern gesehen, die weibliche gehört verdeckt.

Die neue Regelung für Schwimmbäder ist nur auf Göttingen beschränkt. Im Mai ändern sich aber noch viele weitere Sachen in ganz Deutschland. Beispielsweise gibt es neue Regelungen bei Amazon und ebay. Und auch Supermärkte sind von Neuerungen betroffen. Unter anderem testet Kaufland ein neues Bezahlsystem.

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