Zum 70. Geburtstag

„Sexpertin“ Erika Berger wird 70

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Die langen, schlanken Beine und die Begrüßung „Hier ist Erika Berger, wer spricht?“ als Markenzeichen: Bei RTL beriet Erika Berger Anrufer mit sexuellen Problemen.

München - „Sexpertin“ Erika Berger , die mit „Eine Chance für die Liebe“ zum frühen RTL -Star avancierte, feiert heute ihren 70. Geburtstag.

 Die Fernsehgeschichte ist voller unverwechselbarer Zeichen und Bilder, zu viele fast, um sich alle zu merken. Das „Tatort“-Auge gehört dazu und Thomas Gottschalks blonde Locken, Robert Lembkes schlichte Schweinderl oder Karl-Heinz Köpckes strenger Blick. Und zwei Beine. Gertenschlank und absolut parallel in die Kamera gehalten. Neigungswinkel exakt 45 Grad, unvergleichlich. Sie gehörten Erika Berger. Wie sie so drapiert dasaß, in der Frühphase des dualen Systems, auf dem schwarzen Sofa, das rote Telefon am Ohr , schon mit Tasten, noch verhedderungsanfällig – ein Motiv, das im Gedächtnis bleibt.

Dabei war das interaktives Fernsehen ohne Schnickschnack. Weder Einspielfilme noch Gäste. Nur die Moderatorin und eine Handvoll Anrufer, dienstags gegen elf. Trotzdem war „Eine Chance für die Liebe“ der Aufbruch in neue Zeiten. Denn die Münchnerin mit dem seltsam wienerischen Akzent brachte im Jahr 1987 erstmals authentische Erotik ins Leitmedium. Keine verklemmten Fummeleien von Oswalt Kolle, keine Lederhose, keine „Tutti Frutti“-Peepshow. Nein, mit sinnlichem Timbre verhandelte Berger Schlüssellochgeschichten ohne Schlüpfrigkeit und wurde so zum Star mit Millionenpublikum.

Eine Frau von 48 Jahren, alters- wie makellos, lässig und lasziv, deren Antworten auf die immer gleichen Fragen ein Stück Aufklärung in die guten Stuben brachte. Doch bei allem Lob braucht man 22 Jahre später, an ihrem heutigen 70. Geburtstag, nicht zimperlich sein mit der Sexualtherapeutin von einst und heute. Denn „Eine Chance für die Liebe“ (bis 1991) tanzte wie so viele Kommerzformate an der Grenze von Entertainment und Parodie. Vier Jahre bot sie zwar ernst gemeinte Unterhaltung, aber auch reichlich ungewollte Komik, wenn sie Spaßanrufer mit dem unerschütterlichen „Hier ist Erika Berger , wer spricht?“ begrüßte.

Es war also Trash, aber eben der gehobenen Art. Und als Hape Kerkeling mal live aus eigener Sendung in Erika Bergers Leitung landete, um sie mit einer Lügengeschichte zu ärgern, war es weniger peinlich für die Betrogene als sinnbildlich fürs Medium. In den späten Achtzigern gab es schließlich noch Fallhöhen, Fernsehen war noch ergebnisoffen und Erika Berger sein unerschrockenes Aushängeschild. Das Schillernste am Studio war sie selbst, ihre Körperhaltung, die langen Beine mit den Stilettos am Ende . Verrucht und distinguiert zugleich fertigte sie Anrufe ab, als sei das Reden über Erektionsprobleme so normal wie Smalltalk übers Wetter.

Berger lieferte gesendeten Boulevard. Dafür geübt hatte sie auf dem Parkett der Regenbogenpresse. Sie war Reporterin bei der „Bild“, Autorin bei „Quick“ und „Neue Revue“. Stets gefördert durch ihren Mann Richard Mahkorn (1944–2007), bei allen Arbeitgebern in leitender Funktion tätig. Und doch wäre es zu kurz gedacht, Berger nur als Protegé ihres Gatten zu sehen. Das Tor zur Welt der Sexualberatung im Fernsehen war vor allem ihr „Bettknigge“. Erst dieser gedruckte Leitfaden ebnete 1986 ihren Weg zur „Chance für die Liebe“. Und erst als dessen Quote sank, ging es härter zu. Ihre anschließende Talkshow „Der Flotte Dreier“ zog bald wegen „Verharmlosung massiver sexueller Störungen“ den Zorn der Medienwächter auf sich. Als selbst diese PR versagte und das Publikum fernblieb, glitt sie in die Zweitverwertungskette aus Gerichtsshow , Gastauftritten und dem RTL -Shoppingkanal, wo sie Lustspielzeug verhökerte.

Dann, vor zwei Jahren, starb ihr Mann und mit ihr ein Stück Erika Berger. Da habe sie gelernt, sich zu teilen. Im Beruf sie „die taffe Frau Berger , die selbstbewusst in der Öffentlichkeit steht und neue Aufgeben beherzt angeht“. Privat „die Erika, die jeden Tag an ihren verstorben Mann denkt“. Ablenkung brachte ihr ein neues Buch für sexuell aktive Senioren, der sie rasch zurück zu RTL brachte, wo sie im Mittagsmagazin erneut in Sachen Liebe beriet. Sie kann es halt so wenig lassen wie das Publikum von ihr. Und warum auch, etwa wegen der Wechseljahre? Die haben auch Männer, sagt sie, „bei denen heißt das Andropause.“ Wieder was über Sex gelernt.

Von Jan Freitag

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