J. K. Rowlings "Ein plötzlicher Todesfall"

Alles über das neue Buch der "Potter"-Autorin

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London - Fünf Jahre nach dem letzten "Harry Potter"-Roman ist das neue Buch von J. K. Rowling erschienen. Doch der große Ansturm blieb aus, die Kritiken sind gemischt. Was Sie über den Roman wissen müssen:

"Harry Potter" war gestern. Joanne K. Rowlings "Ein plötzlicher Todesfall" hat so gar nichts mit der Fantasy-Welt des Zauberlehrlings zu tun. In der "komischen Tragödie" geht es um Teenager-Sex, Missbrauch, Selbstmord, Vergewaltigung, Prostitution, Drogen und Politik. Klassendenken und Rassismus sind die Themen des (in der deutschen Übersetzung) 576 Seiten dicken Wälzers. Nichts für zarte Gemüter - und sicher nichts für Kinder.

Die Autorin selbst fasst den Inhalt so zusammen: "Im Örtchen Pagford herrscht Krieg: Die Reichen gegen die Armen, Teenager gegen ihre Eltern, Frauen gegen ihre Männer, Lehrer gegen Schüler. Als Barry Firweather völlig unerwartet stirbt, bricht ein Kampf um seinen freigewordenen Sitz im Pfarrgemeinderat los." Die 47-Jährige verspricht "Leidenschaft, falsches Spiel und unerwartete Enthüllungen". Sie sei besessen von den Themen Moral und Sterblichkeit, das spiegele sich in dem neuen Roman wieder.

Biographische Einflüsse

In Interviews hatte die Schriftstellerin erklärt, auch Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben verarbeitet zu haben. Einer der erwachsenen Charaktere leidet unter Zwangshandlungen. Rowling selbst gestand, sie kenne OCD, so die medizinische Abkürzung, aus eigener, früherer Erfahrung. Ebenso wie schwere Depressionen: Kurz bevor ihr die Idee zu "Harry Potter" einfiel, habe sie sogar an Selbstmord gedacht. 

Angeblich soll es sich um ein heimliches Porträt des Ortes Tutshill bei Bristol handeln, wo Rowling als Mädchen gelebt hatte.

Höchste Geheimhaltung im Vorfeld

Um das neue Buch gab es eine beispiellose Geheimhaltung. Die deutschen Übersetzerinnen mussten hinter verschlossenen Türen an angeketteten Computern im britischen Verlag arbeiten. In den Druckereien gab es für die Mitarbeiter Taschenkontrollen, nur wenige ausgesuchte Kritiker hatten ein Vorabexemplar zur Besprechung erhalten. Die Buchhandlungen erhielten die Lieferung vom Verlag erst am Vorabend in verplombten Kartons.

Kritiken gemischt

Die ersten Einschätzungen der Literaturexperten fielen gemischt aus. Das US-Magazin „New Yorker“ schrieb, es werde sich „sicherlich verkaufen und mancher wird es mögen.“ Die Kritikerin der "New York Daily News" fand das Buch "langweilig", die Magie fehle, es gebe keine sympathischen oder interessanten Charaktere. Vor allem über die vulgäre Sprache regte sie sich auf. Die sei teilweise so osbszön, das man entsprechende Passagen nicht zitieren könne.

Die "Daily Mail" fasste zusammen: "Die (im Original) 503 Seiten sind einfach zu lang. Es gibt zu viele Charaktere und verwirrende Details. Aber wer will die erfolgreichste Autorin der Welt schon kürzen?" Der Kritiker der "Huffington Post" fand, "Ein plötzlcher Todesfall" sei "gut geschrieben". Doch wäre das Buch auch erschienen, wenn die Autorin eine Unbekannte gewesen wäre? "Wohl kaum", lautete die Antwort der US-Online Zeitung. Noch deutlicher wurden die Rezensenten der „New York Times“: „Leider ist die Welt, die sie beschreibt, so vorsätzlich banal und bedrückend klischeehaft, dass 'The Casual Vacancy' nicht nur enttäuschend ist - es ist niveaulos.“

Begeistert fiel hingegen das Resumee des „Time“-Magazins aus: „Es ist ein großer, ambitionierter, brillanter, profaner, lustiger, tief erschütternder und großartig eloquenter Roman über das zeitgenössische England.“ Auch die britische Zeitung „The Guardian“ lobte, das Buch der 47-Jährigen vermittle die Botschaft, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. Das Fazit fiel trotzdem nicht besonders positiv aus: „Es hinterlässt ein leichtes Gefühl der Enttäuschung.“ Die Nachrichtenagentur dapd lobte, Rowling zeichne die meisten Figuren erstaunlich differenziert, kaum einer sei „nur“ gut oder „nur“ böse. "Die Fähigkeit zu Vielschichtigkeit hatten ihr viele Kritiker nicht zugetraut."

Rowling realistisch

Joanne K. Rowling selbst ist sich sicher, dass sie niemals wieder so einen Erfolg wie „Harry Potter“ haben wird. „Egal, wie viele Bücher ich schreibe, egal, wie gut oder schlecht sie sind“, sagte die Autorin dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“.

Ihr erstes Buch nach den Potter-Romanen sieht die 47-Jährige auch als „Befreiung“. Sie habe nicht das Gefühl gehabt, unbedingt wechseln zu müssen. „Ich muss mir nichts beweisen.“ Sie glaube nicht, dass sie nicht noch dazulernen könne, und sie sei auch nach ihren Erfolgen nicht voller Selbstzufriedenheit als Schriftstellerin, betonte sie. „Aber Harry Potter hat mich wahrlich frei gemacht. Es gibt nur einen Grund, warum ich heute schreibe - wenn ich wirklich etwas sagen will und etwas veröffentlichen will.“

Zugleich kündigte Rowling in dem BBC-Interview an, ihr nächstes Buch werde wieder ein Kinderbuch sein. Mit der Geschichte von Harry Potter sei sie durch, sagte Rowling. Sie schloss aber nicht aus, ein Buch zu schreiben, das in der Zauberwelt ihres erfolgreichen Protagonisten spiele.

Die Britin ist dankbar für ihren Erfolg und sieht in ihrer Berühmtheit auch positive Seiten. „Das Schönste ist, wie es mir neulich passierte, wenn eine 21-Jährige auf mich zukommt und sagt: Sie waren meine Kindheit. Darf ich Sie umarmen?“ Schwierig sei für sie gewesen, mit dem plötzlichen Ruhm fertig zu werden. „Heute kann ich damit umgehen, weil ich eine Menge Unterstützung habe.“

Kein Ansturm auf die Bücherläden

Die Erwartungen des Buchhandels erfüllte das Buch an seinem Erscheinungstag bisher nicht. „Mit Zuständen wie bei "Harry Potter" haben wir nicht gerechnet“, sagte Jacqueline Masuck, Verkäuferin in der Belletristik-Abteilung des Kulturkaufhauses Dussmann in Berlin. Auch in München gab es vor einer der größten Buchhandlungen am Marienplatz keine Schlange, niemand habe vor dem Laden gewartet, wie ein Sprecher von Hugendubel sagte: „Kein Vergleich mit Harry Potter“. Dabei sei es für die Buchhandelskette „einer der wichtigsten Titel dieses Herbstes“, man knüpfe entsprechende Verkaufserwartungen daran. 

Oder hatte etwa der Regen Schuld, dass die Leseratten zuhause blieben? „Wir haben bisher einige Exemplare verkauft, aber es gibt keinen Run“, sagte Kirsten Landt, Filialleiterin der größten Thalia-Buchhandlung in Hamburg, der Nachrichtenagentur dpa. Sie hoffe jedoch, dass das Interesse an dem Roman im Laufe des Tages noch zunehmen wird. „Wir haben das Buch sehr prominent platziert.“ Mit einem Erfolg wie bei den sieben „Harry Potter“-Bänden rechnet die Buchhändlerin jedoch nicht: „Nein, aber selbst, wenn es von Harry Potter nur ein Bruchteil wird, wird es viel“, meinte Landt.

Beim Online-Buchhändler amazon.de belegte das Buch am Mittwochnachmittag auf der Liste der beliebtesten Neuerscheinungen Platz zehn.

Die Briten wetten auf 30 Million verkaufte Exemplare

Viele Buchläden in Rowlings Heimatland Großbritannien öffneten eine Stunde früher als üblich, um dem Andrang der Fans zu begegnen. In London hatten sich jedoch zunächst keine Schlangen vor den Läden gebildet. Dabei kann man bei den großen Buchmachern des Landes Wetten darauf abschließen, dass der Roman schon am ersten Tag mehr als 2,6 Millionen mal verkauft wird. Dann hätte er den siebten und letzten Harry-Potter-Band geschlagen.

Auch Wetten darauf, dass das Buch insgesamt mehr als 30 Millionen Mal verkauft wird, laufen bereits. Die größte australische Buchladenlette Dymocks mit jährlich 60 Millionen verkauften Büchern hat nach eigenen Angaben tausende Vorbestellungen für Rowlings Buch gehabt.

Carlsen hofft auf den "Rowling-Effekt"

In Deutschland erscheint das Buch in einer Auflage von 500 000 Exemplaren. „Ohne das Buch gehen wir im laufenden Jahr von einem Umsatz von gut 50 Millionen Euro aus. Was da noch hinzukommt, ist der Rowling-Effekt: Das könnten durchaus zehn Millionen Euro oder mehr sein“, sagte Carlsen-Verleger Joachim Kaufmann der Wirtschaftswoche Online.

„Ab einer halben Million verkauften Exemplaren stoßen wir im Verlag mit Sekt an, ab einer Million verkauften Büchern darf es gern ein guter Champagner sein“, sagte Kaufmann. Carlsen veröffentlicht auch die E-Book-Version des neuen Rowling-Wälzers: „In Deutschland hat das Thema E-Book richtig Fahrt aufgenommen, deshalb rechnen wir mit bis zu 100 000 verkauften Exemplaren“, sagte Kaufmann.

Rowling ist eine der wichtigsten Autorinnen des Hamburger Verlagshauses, das jährlich noch immer 70 000 Exemplare von jedem einzelnen Band der Harry-Potter-Reihe verkauft. Die sieben „Harry Potter“-Bände haben inzwischen eine Auflage von mehr als 450 Millionen Exemplaren weltweit erreicht. Sie machten Rowling zu einer der reichsten Frauen Großbritanniens.

Christian Berkel nimmt 20-stündige Hörfassung auf

Schauspieler Christian Berkel (54) ist Sprecher der mehr als 20-stündigen Hörfassung des Romans. In einem Berliner Studio liest Berkel von diesem Freitag an das 576 Seiten lange Buch ein, wie die Sprecherin des Münchner Hörverlags, Heike Völker-Sieber, der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag sagte. Während Berkel liest, werden in einem anderen Studio die Aufnahmen bereits gemischt und geschnitten, damit das Hörbuch so schnell möglich auf den Markt kommen kann.

Geplanter Veröffentlichungstermin ist Ende Oktober/Anfang November. Die ungekürzte, 1260 Minuten lange Lesung erfordere vom Sprecher nicht nur eine große interpretatorische Leistung, sondern auch viel Kondition, so Völker-Sieber. Und: „Wir hoffen, dass sich Christian Berkel nicht erkältet“. Für Berkel sei es übrigens die erste Beschäftigung mit einem Text der britischen Bestseller-Autorin - die Abenteuer von Zauberlehrling „Harry Potter“ kenne er nicht.

dpa/dapd/hn

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