Türkischer Künstler kritisiert Gericht

Musiker wegen Islam-Beleidigung verurteilt

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Pianist Fazil Say wurde wegen Islam-Beleidigung verurteilt.

Istanbul - Wegen satirischer Äußerungen zum Islam ist der international renommierte türkische Musiker Fazil Say verurteilt worden. Der Künstler bedauerte die Entscheidung des Gerichts.

Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say ist von einem Gericht in Istanbul wegen Beleidigung des Islam zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt worden, die nach Angaben seiner Verteidigerin auf fünf Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Say (43) habe sich mit im Internet verbreiteten Kommentaren der Verletzung religiöser Werte schuldig gemacht, zitierte türkische Medien aus dem Urteil. Von der EU und aus Berlin kam Kritik an dem Urteil. Der international renommierte Künstler, der nicht selbst vor Gericht erschien, hatte über den Kurznachrichtendienst Twitter mehrere kritische sowie spöttisch formulierte Äußerungen verbreitet, die islamische Frömmelei und Scheinheiligkeit auf die Schippe nahmen. Die Vorwürfe hatte er mehrfach zurückgewiesen.

Was Say schrieb

„Der Muezzin hat das Abendgebet in 22 Sekunden ausgerufen, Mensch! Prestissimo con fuoco!!! Was hast du es so eilig? Eine Geliebte? Raki auf dem Tisch?“, hatte der überzeugte Atheist Say getwittert. „Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt? Überall wo es Schwätzer, Gemeine, Sensationsgierige, Diebe, Scharlatane gibt, sie alle sind übertrieben gläubig (wörtlich: „Allahisten“). Ist das ein Paradoxon?“ lautete eine von mehreren in der Anklage genannten Kurzmitteilungen.

Drei türkische Bürger hatten Say daraufhin angezeigt und ihm vorgeworfen, die islamische Religion und die Anhänger dieser Religion schwer beleidigt und religiöse Werte öffentlich herabgewürdigt zu haben.

Auf seiner Facebook-Seite nannte er das Urteil am Montag sehr bedauerlich. Für die Meinungs- und Glaubensfreiheit in der Türkei sei die Entscheidung des Gerichtes besorgniserregend. Eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Katherine Ashton teilte mit, Brüssel reagiere besorgt auf das Urteil. Es sei wichtig, dass die Türkei Meinungsfreiheit beachte.

Reaktionen deutscher Politiker

In Deutschland erklärte das Grünen-Führungsduo Claudia Roth und Cem Özdemir: „Auch wenn die Äußerungen von Fazil Say manchen in der Türkei nicht passen mögen, sollten sie in einer Demokratie durch das Recht auf Meinungsfreiheit geschützt sein. Im Umgang mit der angeblichen Verletzung religiöser Gefühle wünschen wir uns eine größere Gelassenheit.“ Die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen bezeichnete das Urteil als Skandal.

Kritiker machen die islamisch-konservative Regierung dafür mitverantwortlich, dass ein Klima entstanden sei, in dem einer der bekanntesten Künstler der Türkei nun Prügel oder Schlimmeres fürchten muss. Sie sehen den Prozess als Bestätigung dafür, dass der Spielraum für Kritik am Islam unter Ministerpräsident Recep Tayip Erdogan in der Türkei kleiner wird. Über diesen hatte sich Say mehrfach kritisch geäußert und auch erklärt, er denke darüber nach, das Land zu verlassen.

Fazil Say gehört zu den Stars der internationalen Musikszene und zu den bekanntesten Künstlern der Türkei. Als Solist und mit führenden Orchestern der Welt gelang ihm eine steile Karriere. Dabei verfügt er über ein breites Repertoire, das auch Jazz einschließt und musikalische Wurzeln in der traditionellen Musik Anatoliens erkennen lässt. Say ist derzeit für eine Reihe von Konzerten in Deutschland unterwegs.

dpa

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