Moshammer: Das Original wäre 70 geworden

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Modezar Rudolph Moshammer wäre 70 geworden.

München - In einer kalten Winternacht nahm er einen bezahlten Liebhaber mit nach Hause - es war sein Mörder. Jetzt wäre der Münchner Modezar Rudolph Moshammer 70 Jahre alt geworden.

Seinen Geburtstag feierte er am liebsten auf dem Oktoberfest. Wenn er ins Festzelt kam, jubelten ihm die Menschen zu. Rudolph Moshammer liebte glänzende Auftritte, sein wahres Gesicht zeigte der schwule Münchner Modezar nie. Ein Stricher ermordete ihn schließlich im Streit um Liebeslohn. Am 27. September wäre Moshammer 70 Jahre alt geworden. Zu Lebzeiten freilich hielt er sogar sein Alter geheim - es wurde überhaupt nur bekannt, weil es bei einer Gerichtsverhandlung in Österreich wegen eines Verkehrsdeliktes festgehalten wurde. Und von seinem Ein und Alles, dem Schoßhündchen Daisy, soll es im Laufe der Zeit in Wirklichkeit mehrere Exemplare gegeben haben.

Mit pechschwarzer, angeklebter Perücke, die ebenso perfekt frisierte Yorkshire-Dame Daisy auf dem Arm, stets lächelnd und ein bisschen Märchenkönig: So inszenierte Moshammer sein Leben, so kannten ihn die Menschen, so liebten ihn die Fans. Aus bescheidenen Verhältnissen hatte er sich hochgearbeitet, seine Boutique an der noblen Münchner Maximilianstraße wurde Treffpunkt der Promis. Doch zwischen Auftritten auf dem Roten Teppich - mit Daisy und gerne bis zu ihrem Tod auch mit Mutter Else - vergaß Moshammer seine Herkunft nicht. Jenseits des Rummels kümmerte er sich regelmäßig um die Obdachlosen, an Weihnachten besuchte er sie unter den Isar-Brücken und brachte Geschenke, sogar im Testament vergaß er sie nicht. Sein Vater soll Alkoholiker gewesen sein und starb obdachlos.

Ausgerechnet der Teil seines Lebens, den der Modeschöpfer am peinlichsten verbarg, wurde ihm zum Verhängnis: Seine Liebe zu Männern. Selbst Freunde ahnten kaum etwas von seinen nächtlichen Autofahrten durch München: Auf der Suche nach Sex und Nähe setzte sich Moshammer, der sonst Bodyguards dabei hatte und seine drei Rolls-Royce von seinem Chauffeur lenken ließ, selbst ans Steuer. Bei einer dieser einsamen Touren nahm er in jener kalten Januarnacht am 13. Januar 2005 seinen Mörder mit nach Hause. In der Hauptbahnhofgegend sprach er den jungen Iraker an. Der damals 25-Jährige hatte das Geld seiner Freundin verspielt. In der Hoffnung auf schnelles Geld stieg er in den Rolls-Royce, fuhr mit nach Grünwald.

Doch dann wollte Moshammer angeblich den geforderten Lohn nicht zahlen - der Freier nahm ein Kabel und erdrosselte ihn. Die Polizei fasst den Mörder nach nur zwei Tagen über seine DNA-Spur - ein spektakulärer Erfolg, der die Debatte um eine Ausweitung der DNA-Speicherung anheizte. Denn die DNA des Mannes war nur gespeichert, weil er bei Ermittlungen um eine Vergewaltigung freiwillig eine Speichelprobe abgegeben hatte. Da das Verfahren eingestellt wurde, stand seine DNA vor der Löschung.

“Mosis“ Tod löste weit über Münchens Grenzen Trauer aus - Autogramme, Sterbebildchen, Plüsch-Daisys und Moshammer-Krawatten fanden reißenden Absatz. 15.000 Menschen nahmen beim Trauerzug zum Mausoleum auf dem Ostfriedhof Abschied. Viele kamen in prachtvollen Kleidern, herausgeputzt im König Ludwig-Stil. Während die echte Daisy, die damals kurzzeitig eine eigene Pressesprecherin hatte, ausnahmsweise mit auf den Friedhof durfte, trippelten im Trauerzug mehrere Daisy-Kopien mit, allesamt modisch nach ihrem Vorbild mit Schleifchen im Fell. Zehn Monate später wurde der Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess lockte zahlreiche Schaulustige an und geriet nochmals zur Bühne schriller Selbstdarstellung. Ein mit Moshammer-Haartracht als “Doppelgänger“ ausstaffierter Zeuge etwa brüstete sich mit angeblichen Kenntnissen aus Mosis Intimleben und wurde wegen Falschaussage im Gerichtssaal festgenommen.

Moshammers Leben wurde als TV-Dokumentation verfilmt, kam als Oper und Musical auf die Bühne, mehrere Büchern erschienen. Auch sein Chauffeur machte sich ans Werk und verfasste “Mosi, Daisy und ich“. Er erbte neben einer Wohnung auch Daisy, deren Ableben 2006 nochmals für Medienwirbel sorgte. Fast sechs Jahre nach seinem Tod bleiben Daisy-Fellglanzspray, Krawatten und Mosis Bücher wie “Mama und ich“ im Internet eher Ladenhüter. Doch Mosi bleibt unvergessen. In der Obdachlosen-Zeitung “BISS“ und in seinem Verein “Licht für Obdachlose“, die von seinem Vermächtnis zehren, wirkt sein Werk weiter. Und bis heute will manchmal noch einer etwas von seinem Glanz erhaschen: Zum Oktoberfest meldete sich ein Doppelgänger und wünschte eine Einladung - allerdings ohne Erfolg.

dpa

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