Chance auf Olympische Spiele

Rebecca Graeve hofft auf ein Ticket für Sotschi

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Rebecca Graeve, Eishockey-Nationalverteidigerin im Trikot des EC Bergkamen.

ISERLOHN - Ihren Freund sieht Rebecca Graeve einmal mehr nur aus der Ferne. Es ist der letzte Samstag vor Weihnachten, wir stehen auf dem Oberrang des ehrwürdigen Eisstadions am Seilersee in Iserlohn.

Von Rainer Gudra

Dieter Orendorz bestreitet unten mit der DEL-Mannschaft der Iserlohn Roosters das Abschlusstraining vor der Fahrt zum Auswärtsspiel in Schwenningen. Derweil hat sie eine Verabredung zu einem Gespräch, das wir irgendwo unter den Tribünen in der Kabine des Nachwuchsteams Young Roosters führen werden.

Ein gemeinsamer Fototermin vor der Abfahrt des Teambusses klappt nicht mehr - Alltag eben bei den beiden. „Wir sind seit fast fünf Jahren zusammen, aber wir kennen das nicht anders. Manchmal liegt ein ganzer Monat dazwischen, in dem man sich nicht sieht“, sagt Rebecca Graeve.

Er, Verteidiger mit der Rückennummer 62 im Team der Roosters, ist dauernd unterwegs. Sie auch. Das wäre für viele Frauen schon ein Grund, diesen Sport nicht zu betreiben. Und es gibt noch so viele mehr.

Doch Rebecca Graeve, 20, liebt das schnelle Spiel mit der schwarzen Scheibe. Und sie hat ein Ziel: Die Olympischen Spiele. Rebecca Graeve ist seit 15 Jahren dabei. „Ich habe von klein auf die Laufschule mitgemacht, bin hier in Iserlohn durch alle Jahrgänge gegangen“, sagt die angehende Betriebswirtin. Sie ist eines von wenigen Mädchen, die am Seilersee diesen Sport ernsthaft betreiben - so wie ihre späteren Teamkolleginnen in Bergkamen, Valerie Offermann und Gesa Dinges.

Als sie knapp 15 Jahre alt ist, werden die Bergkamener aufmerksam. Robert Bruns und Arno Deutsch nehmen Kontakt auf, überzeugen sie von der Arbeit am Häupenweg. Sie spielt weiter bei den Jungs in Iserlohn, nebenbei in Bergkamen. Es ist die Zeit der großen Umstellung: „Anfangs habe ich oft auf der Strafbank gesessen. bei den Jungen gab’s immer Vollkontakt, bei den Frauen wird mehr technisch gespielt“, sagt sie.

"Dafür spielen wir ja Eishockey"

Und mit der im Fußball oft zitierten „internationalen Härte“ sei das auch nix: „Da sind die noch strenger. Sobald der Ellenbogen ein bisschen höher ist, wird gleich abgepfiffen.“

Zur Person

Sport: Eishockey
Position:  Verteidigerin
Verein:  EC Bergkamen
Alter:  20
Status:  A-Nationalspielerin, 49 Länderspiele
Erfolge:  DEB-Pokalsiegerin mit den Bergkamener Bärinnen, Platz vier bei U18-Weltmeisterschaft
Heimatstadt:  Iserlohn
Beruf:  Studiert Betriebswirtschaft, absolviert aktuell ein Praktikum bei den Kölner Haien, hängt eventuell ein Sportstudium an.

Dabei sind die Spielerinnen gar nicht so zimperlich. „Wir wollen bei den Frauen auch lieber mit mehr Kontakt und mehr Körper spielen. Dafür spielen wir ja Eishockey“, sagt Rebecca Graeve. Als sie nach Bergkamen kommt, ist der ECB gerade Deutscher Meister geworden, später gewinnt sie mit den Bärinnen den DEB-Pokal. Graeve gehört zur U18-Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften in Füssen (2009), Stockholm (2010) und Chicago (2011).

Bei der A-Weltmeisterschaft in Boston ist sie Mitglied des deutschen A-Teams, das gegen die übermächtige Konkurrenz aus Skandinavien und Nordamerika besteht und im entscheidenden Spiel gegen Slowenien den Klassenerhalt schafft.

Wichtige Sichtung in Schweden verpasst

Inzwischen hat sie mehr als 40 A-Länderspiele absolviert - drei entscheidende allerdings nicht. Für die „Euro Hockey Challenge“ Mitte Dezember in Örebro ist sie nominiert, muss aber - weil ernsthaft krank - für die Spiele gegen Finnland, Gastgeber Schweden und Russland absagen.

Dabei soll Örebro ihr Schaufenster werden für Sotschi. „Deshalb war die Absage ein ganz großes Thema für mich, denn es war eigentlich meine letzte Chance“, sagt Rebecca Graeve. Denn für den Nations Cup vom 2. bis zum 6. Januar in Füssen ist sie nicht eingeplant. „Es wäre aber schön, wenn ich dafür noch einmal berücksichtigt würde“, sagt sie.

Denn eine Chance, sich noch einmal in der Bundesliga zu zeigen, gibt es für die Verteidigerin nicht. Noch im Dezember wird Bundestrainer Peter Kathan zwölf Feldspielerinnen nominieren, die restlichen sechs folgen früh im Januar. Im Kreis der Defensivspezialistinnen sieht Rebecca Graeve mit Susi Götz (Berlin) und Tanja Eisenschmied (spielt in den USA) zwei Spielerinnen als gesetzt an. Fünf weitere stehen zur Auswahl, vier werden das Ticket nach Sotschi ziehen. Rechnerische Chance: 80 Prozent.

Rebecca Graeve in der Kabine der Young Roosters mit dem Vorsitzenden Bernd Schnieder.

Sie hofft. Daumen drücken, das werden nicht nur die Bergkamener. In Iserlohn, das zeigt der Besuch dort, ist Rebecca Graeve äußerst beliebt. „Ich persönlich vermisse sie sehr“, sagt Bernd Schnieder, der Vorsitzende des Iserlohner EC Young Roosters. Diese Meinung hat der zweimalige Olympiaschiedsrichter (Sarajevo und Albertville) nicht alleine.

Wo immer sie auftaucht: Rebecca Graeve wird herzlichst begrüßt. „Das ist meine Heimat“, sagt sie. Weil sie ihrer Heimat verbunden ist, nimmt sie weitere Nachteile in Kauf: Fernab der großen Zentren in Berlin und Bayern steht sie auch beim Bundestrainer nicht so im Fokus. „Wenn ich eine Mail kriege, in der kurzfristig für Montag nach Bad Tölz zu einem Lehrgang eingeladen wird, dann muss ich leider absagen“, sagt Graeve.

Toller Teamgeist in Bergkamen

Sie muss kämpfen: „Acht Spielerinnen kommen aus Planegg, vier aus Berlin, Memmingen hat auch seine Leute dabei“, sagt sie. Aus NRW spielt aktuell nur eine: Rebecca Graeve. „Und wenn schon. Ich will mich da durchbeißen und zeigen, dass Mädels von hier das auch schaffen können.“

Ihre einzige Mitstreiterin, Britta Schröder von den Bärinnen, hat sich eine Kreuzbandverletzung zugezogen. Den Standortnachteil versucht sie auszugleichen. Ihr Praktium absolviert sie gerade bei den Kölner Haien im Bereich Marketing/Sponsoring. Dort kann sie schon morgens auf das Eis und oft auch abends trainieren. Die Fitness ist ihr besonders wichtig. „Meine Stärke“, sagt Graeve, die bei 1,65 Körpergröße austrainierte 62 Kilo auf die Waage bringt.

Treffen mit Schwester Katharina. Im Hintergrund bereiten sich die Young Roosters auf ein Heimspiel gegen Kassel vor.

In Bayern, zum Beispiel in Memmingen, wäre für sie die Chance größer, sich in den Blickpunkt zu spielen. Doch Bergkamen biete ihr etwas besonderes: „Ich muss mich einfach wohlfühlen.“

Und das ist am Häupenweg der Fall, wo der kollektive Gedanke an erster Stelle steht. „Wir verstehen uns alle sehr gut. Mit unserem tollen Teamgeist können wir immer einiges rausreißen“, sagt sie.

Rebecca Graeve kämpft für ihren Sport – und um mehr Aufmerksamkeit. Dass "ARD" und "ZDF" kein öffentliches Interesse an den Spielen der deutschen Frauen in Sotschi gegen Schweden, Russland und Japan sehen, ärgert sie mächtig. Es wäre eine Chance gewesen für ihren Sport, zumal die deutschen Männer gar nicht qualifiziert sind.

„Das kann es doch nicht sein, die hätten wenigstens mal ein Spiel übertragen können“, sagt sie. Nun aber werden sie ins Private abgeschoben zu "Sport1" und auf einen Livestream im Internet.

Kein Neid auf Fußballer

Dass Fußballer schon in der Kreisliga Geld fürs Kicken bekommen, neidet sie ihnen nicht. Aber wenigstens einen kleinen Ausgleich, den wünscht sich Rebecca Graeve. „Geht ein Schläger kaputt, sind 120 bis 150 Euro weg. Alle zwei Jahre sind neue Schlittschuhe fällig, macht 800 Euro. Und eine Rolle Tape kostet auch sechs Euro - und eine Rolle pro Woche geht drauf“, rechnet sie vor.

Der EC Bergkamen habe Glück mit seinen Sponsoren, sagt sie. Aber auch dort zahlt sie drauf - zum Beispiel bei Auswärtsspielen, wo anteilig Kosten für Bus und Hotel übernommen werden müssen: „Das sind auch schon mal 150 bis 200 Euro im Monat. Und weil ich studiere und Leistungssport mache, kann ich nicht noch nebenbei arbeiten gehen.“

Jeder Eurocent zählt. Trotz aller Widrigkeiten: „Ich liebe meinen Sport“, sagt sie. Und das vermittelt sie auch in Iserlohn, wo sie - wenn mal Zeit ist - ihrem Vater Ulrich hilft. Der leitet dort die Laufschule. Und jedes Mädchen ist ihr willkommen, denn: „Deutschland braucht viele Mädels, die Spaß an diesem Sport haben.“

www.ec-bergkamen.de

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