Rodrigo de Sousa: Ein Brasilianer über WM und die Folgen

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Rodrigo de Sousa und seine große Liebe: Das runde Leder.

ASCHEBERG – Nur noch zwei Wochen, dann rollt der Ball in Brasilien bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Die Fußball-Welt zu Gast am Zuckerhut, bei den Fußballkünstlern der Selecao. Einer wird sich das große Spektakel von Deutschland aus angucken: Rodrigo de Sousa, brasilianischer Stürmer in Diensten des Bezirksligisten TuS Ascheberg. Gefangen von der sportlichen Faszination der WM, hat er aber gleichzeitig ernste Bedenken.

Von Lenneke Lenfers-Lücker

De Sousa sitzt mit einer Mütze am Sportplatz an der Nordkirchener Straße. Für ihn als Brasilianer sind es ziemlich kalte Temperaturen vor dieser Trainingseinheit. 12 Grad sind es in Brasilien höchstens im tiefsten Winter, während der WM erwarten die Spieler in Brasilien tropische Temperaturen. Doch wenn es zum Training geht, kommt die Mütze runter, dann zählt nur noch das runde Leder.

Es steht im Mittelpunkt seines Lebens, schon seit klein auf. Auch hat die klassische Karriere als Kicker auf Brasiliens Straßen hinter sich. „Mit sechs oder sieben Jahren habe ich mit meinen Kumpels auf der Straße gespielt“, erinnert sich der 31-Jährige. In der A-Jugend spielte er dann bei einem der größeren Klubs in Sao Paulo – als Torwart. „Ich fand das irgendwie spannend“, sagt er und schmunzelt.

In Deutschland startete er als Stürmer durch. Erst bei Münster 08, dann in Ascheberg und über die Stationen SV Herbern, Germania Hauenhorst und Drensteinfurt kam er zurück zum TuS. Hier traf er wieder auf Holger Möllers, mit dem er seit seiner Ankunft in Deutschland 2005 verbunden ist.

„Bei ihm habe ich meine Ausbildung zum Werktechniker gemacht, heute ist er mein Chef“, erklärt de Sousa mit einem Grinsen. Dieses Grinsen weicht selten von seinem Gesicht, er ist ein positiver Typ, dem keiner in der Mannschaft etwas übel nehmen kann. Auch nicht, dass er Deutschland nicht als WM-Favorit sieht.

„Deutschland war zwischen den Weltmeisterschaften gut, aber hatte jetzt zu viele Verletzte“, gibt er zu bedenken. Auf seiner Favoritenliste stehen – wie auch sonst – Brasilien, aber auch Spanien und Argentinien ganz oben. Als Geheimfavorit sieht er Belgien an.

Als er vor neun Jahren nach Deutschland kam, kam er zunächst bei seiner Tante unter, bei der er in Brasilien aufgewachsen war. Sie ging irgendwann nach Deutschland und er folgte ihr später aufgrund einer besseren Perspektive.

Stichwort Perspektive: Als es um das Thema Weltmeisterschaft in seinem Heimatland geht, wird er ernst. Man merkt seine Betroffenheit, er spricht mit Nachdruck über die angespannte Situation in Brasilien. „Das Land hat eigentlich andere Probleme, die Infrastruktur ist sehr schlecht. Wir haben keine guten Krankenhäuser, alle Schulen sind kaputt und der Verkehr ist eine Katastrophe“, bringt er die Dinge klar zur Sprache. „Ich kann die Proteste auf jeden Fall verstehen“. Er liest regelmäßig die Nachrichten über Brasilien und weiß: „Es gibt so viel Korruption, es profitieren nur die Leute, die eh schon genug Geld haben.“ Natürlich würden die Leute, die benachteiligt sind, jetzt diese Plattform nutzen. Deswegen ist er ziemlich sicher: „Das wird noch richtig eskalieren“.

Für seine Verwandten, die noch in seinem Heimatort Vitoria nahe Rio de Janeiro wohnen, sind WM-Tickets nicht bezahlbar. Er selbst fliegt erst im Oktober nach Brasilien, um Urlaub zu machen.

Die WM wird er hier verfolgen, dann aber im kleinen Kreis mit ein paar Freunden. Beim Stichwort Public Viewing winkt er ab. „Nicht mein Ding“, sagt er. Zu viele Leute auf einmal, da scheint er das brasilianische Klischee mit Samba und Party nicht zu erfüllen. Er ist, wie er ist – bescheiden und sympathisch.

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