Lucas Liß und sein emotionaler Weltmeistertitel

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Lucas Liß jubelt über seinen Weltmeistertitel.

Paris - Schon bei der Siegerehrung hatte Lucas Liß Mühe, die Fassung zu wahren. Als er dann wenig später über seinen verstorbenen Vater sprach, konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Es ist schwer, dass der Papa, der Trainer, der Manager und vor allem der beste Freund nicht mehr da ist“, sagte der 23-jährige Bergkamener, kurz nachdem er bei der Bahnrad-WM vor den Toren von Paris Gold im Scratchrennen gewonnen hatte.

Vor gut drei Wochen, Liß fuhr gerade die Six-Days in Berlin, ereilte ihn die traurige Nachricht. Während er auf dem Rad saß, trug sich daheim ein Drama zu. „Es war sehr schwer und ist eigentlich unvorstellbar, wenn du ein Rennen fährst und dann eine SMS kriegst von der Mama: Ruf’ mich an, es ist was passiert“, erzählte er. Vater Lucjan, der in den 1980er Jahren mit der Familie aus Polen nach Deutschland gekommen war, starb urplötzlich mit erst 64 Jahren – er war eigentlich ein kerngesunder Mann. Der Sohn hatte immer zu ihm aufgeschaut, der Vater war sein Vorbild und einst auch ein herausragender Fahrer gewesen, holte bei Olympia 1972 in München Silber mit dem polnischen Straßenvierer. „Er hat mich elf Jahre gelehrt, wie ich zu trainieren habe“, erzählte Lucas Liß, und so war dieser Titel am Donnerstagabend nicht zuletzt wie ein spätes Dankeschön. „Ich habe vom Papa gelernt, dass man in jedem Rennen 100 Prozent gibt. Auf diesem Weg möchte ich ihm den Sieg widmen“, sagte Liß. Er erwähnte noch, dass Lucjan Lis 1973 genau wie er jetzt mit 23 Jahren erstmals Weltmeister geworden war. „Jetzt haben wir noch ein zweites Weltmeistertrikot zu Hause hängen“, sagte Lucas Liß, dabei versagte ihm fast die Stimme.

Der Papa, er sollte eigentlich auch im Velodrome National auf der Tribüne die Daumen drücken, statt seiner tat dies die Mama. Die Erinnerung an ihn aber fuhr die ganze Zeit über mit – auch optisch. Liß trug einen goldenen Ring, den der Papa 1973 bei der Polen-Rundfahrt in Krakau gewonnen hatte. Dass Liß die Titelkämpfe, bei denen er auch noch im zweitägigen Omnium-Wettbewerb mit Goldchancen antritt, wegen des Verlusts und der tiefen Trauer auslassen könnte, stand nicht zur Debatte. Obwohl Liß zugab, tagelang zu keinem vernünftigen Training imstande gewesen zu sein. „Es war danach kein Training, eher ein Rumdümpeln, ein Spazieren fahren. Ich habe mich dann erinnert, wie ich mit dem Papa die ersten Meter Rad gefahren bin – damals mit elf. Wie wir zusammen gesprintet sind, und ich habe immer gefragt: ,Wann bin ich so alt, dass ich alleine fahren darf?’“, erzählte Liß, und setzte mit feuchten Augen hinzu: „Jetzt denke ich daran zurück und sage: Schade, eigentlich wäre ich gerne noch eine Runde mit ihm gefahren“. - sid

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