Laufkolumne von Anne-Kathrin Mertens

Nichts wie hin zum Haltener Stausee

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Die Aktiven des SV Herbern in Haltern mit Anne-Kathrin Mertens (2 von links).

In Haltern war Jubiläumslauf – zum zehnten Mal fand der statt – und ich war noch nie da. Gibts doch nicht. Also nix wie hin.

Es war zwar rattenkaltes, aber superschönes Wetter. Im letzten Jahr hat so ‘ne zickige Sturmfrau dafür gesorgt, dass der Lauf ausfiel. Diesmal war ich froh, dass er stattfand. Ich musste zuhause raus. Meine bösen Mutterpflichten mit „Mach ein paar Matheaufgaben, sonst ist die Konsole weg...“ oder „Naheiiin – es gibt um 7.30 Uhr noch keinen Schokoriegel“, hatte ich mehr als erfüllt. 

Mein vom Kegeln gebeutelter Ehemann nahm ab 11.30 Uhr auch mal am Leben teil und durfte die motzende Meute übernehmen. Wer saufen kann, der kann auch Memory spielen. So. 

Auf dem Weg konnten wir schon den Halterner See vom Auto aus sehen. Den galt es zu umrunden. Hä? Der ist doch viel größer? Frauen-Größen-Denken. Für mich sah das eher nach Halbmarathon aus. Naja. Wird schon stimmen. In einer großen Halle tummelten sich alle Laufverrückten. 

Der Chip war schnell und scheinbar sicher am geil glänzenden Schnürsenkel angebracht. Zum Start hin war es ein kurzes Stück, na gut, heute mal mit Einlaufen. 750 Meter. Menschenskind. Dann noch ein Stück weiter, weil wir zu früh los sind und es zu kalt war, um lange auf den Startschuss zu warten. 

Und beim Einlaufen sieht man Leute. Einer hatte einen aerodynamisch megamäßig eng anliegenden Anzug an. Sehr eng. Sehr hochgezogen. Wir wollen doch so etwas nicht sehen. Und er kam sich richtig cool vor und demonstrierte uns in seinem weißen Einteiler, wie man auf und ab rennt und dabei nix verrutscht. Toller Typ. Ich hatte aber andere Sorgen, denn ich hatte Husten. 

Mein Sowi-Lehrer, Herr Schaumann, nannte ihn damals liebevoll den „Ebola-Boshammer-Brüllhusten“, bevor er mich aus Klasse schmiss, damit ich mich aushusten konnte. Meine Mama hätte mich zum Laufen nicht weggelassen – nur gut, dass ich letztens ausgezogen bin. Aber Lauffreundin Andi schüttelte auch nur den Kopf. Jaja, ich weiß. Aber das Wetter war doch so schön. 

Startschuss und weg vom Muddi-Ersatz. Gut, dass ich vor ihr davonlaufen kann. Hust. Nach drei Kilometern im Eiltempo merkte ich selbst: Hör-auf-Mutti. Die Luft war kalt und mit Husten tat das Atmen ganz schön weh. Und zu schnell los gerannt war ich auch. Ach, was ich mir auch immer einbilde. 

Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Es ist mein letztes Jahr in der Altersklasse W28. Glaub ich. Oder W35? Das war gerade auch egal, denn ich kam mir gerade vor wie W103. Also musste mich die Strecke aufheitern – und das tat sie! Als ich mich erst einmal damit abgefunden hatte, dass ich mal nicht, wie sonst, wie eine junge Göttin die erste Frauenposition erlaufen werde, hatte ich auch wieder ein Auge für die netten Mitläufer und vor allem für den tollen See. 

Wirklich schöne Strecke. Warum war ich hier noch nie? An so einem Restaurant direkt am See sind wir auch her und da roch es schön nach Pommes. Na toll... Zu meiner trägen Laufeinheit gesellte sich noch der Hunger. Und das ist eine ganz schlechte Kombi. Auch nette Sprüche von so einem Tätowierten konnten mich nicht wirklich aufheitern. 

Endlich: das Ziel war nahe. Noch einen Kilometer. „Nu reiß dich mal zusammen.“ Und dann? Schuhband offen. Na toll. Stehenbleiben, bücken, langsam zubinden, wieder hoch und... der Tätowierte hat gewartet. Was für ein Ehrenmann. 100 Meter weiter gelaufen – Schuhband wieder auf. Ein lautes, anscheinend sehr lautes, nicht für eine seriöse Zeitung geeignetes Wort brüllte ich in die Läufertruppe. Einer, der mich überholte, meinte nur: „Kannste keinen Doppelknoten?“

 Boah. Männer, wisst ihr nicht, wann ihr schweigen sollt? Aber noch einmal bück’ ich mich nicht. Ich rannte daher auch schneller, weil ich ja nicht stolpern wollte. Der Husten war vergessen, ich hatte jetzt andere Probleme. Schuhprobleme. Noch 700 Meter bis ins Ziel. Und der Schuh wurde immer lockerer. 

Mir blieb nix anderes übrig als große, schnelle Schritte zu machen. Und dabei kam ein guter Endspurt raus. Mensch, wär das Schuhband mal eher aufgegangen, das wär eine Bestzeit geworden. Nun ja, der Schuh hielt den Endspurt über, der Ehrenmann nicht. Er überholte mich wie irre kurz vor dem Ziel. Männer. Ehre. Männerehre. 

Aber auf Jochen, meinen Lieblings-Moderator, war Verlass. Er kündigte mich standesgemäß an, ich erhielt eine La Ola-Welle von Cheerleader- Mädels im Zielkanal und wollte stehen blieben, bis ein Zuschauer rief: „Mädchen, du musst schon noch bis zur Ziellinie durchrennen.“ Okay, ich hab alle Anfängerfehler gemacht. Dafür gab es nachher Zitronentee vom tätowierten Nicht-Ehrenmann. Wollte der sich wieder einschleimen?

 Im Zielbereich ging es übrigens um Handball. Alle sind ja im Fieber derzeit. Ich finde ja, dass es viel spannender und kurzweiliger als Fußball ist. Und mir ist sympathisch, dass die Handballer auch eher normalgewichtig sind, nicht wie manche drahtigen Läufer, je weniger Gewicht, je schneller der Läufer. Bei den Handballern egal, die dürfen ja auch nicht direkt umfallen, wenn sie angerempelt werden. 

Ich glaub, ich wechsel die Sportart. Zum Laufen zu fett, weil keine athletische Figur, aber zum Handball gerade gut. Aber ich hab kein Bock, ständig angerempelt zu werden. Ich will dann doch lieber in Ruhe laufen.

Die gebürtige Wernerin Anne-Kathrin Mertens (38) schreibt an dieser Stelle in loser Folge über ihre Trainings- und Lauferlebnisse. Die dreifache Mutter von Frida, Fiete und Oskar wohnt mit Ehemann David in Capelle und läuft für den SV Herbern.

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