Nach Leukämie-Erkrankung nun Start beim Berlin-Marathon

Miriam Vogt schafft den Berlin-Marathon

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Miriam Vogt aus Werne startet beim Berlin-Marathon.

Werne - Und jetzt erst einmal ein Bier: Nach fünf Stunden und 46 Minuten hat es Miriam Vogt (34) von den LippeRunners Werne nach einer Leukämie-Erkrankung ins Ziel des Berlin-Marathons geschafft. 

„Das Ende mit dem Brandenburger Tor im Blick ist echt nicht zu toppen“, sagte sie nach dem Lauf. Vogt war im T-Shirt der Stiftung Junge Erwachsene mit Krebs unterwegs. 

„Wie die Leute mich angefeuert haben, das hat mich beflügelt“, sagte sie. „Auf meine Medaille bin ich mächtig stolz.“

 Vogt erkrankte vor acht Jahren an Leukämie. Die Krankheit wurde so spät entdeckt, dass sie beinahe daran gestorben wäre. Durch die Chemotherapie bekam sie als Komplikation eine Herzmuskelschwäche und konnte sich kaum noch bewegen. 

Ganz langsam begann sie nach der Therapie mit Spaziergängen und kam nach der Erholung ihres Herzens zum Joggen. Berlin war in diesem Jahr nach Hamburg bereits ihr zweiter Marathon.

Krebs und Marathon – geht das? Läuferin Miriam Vogt aus Werne hat nun am Sonntag beim Berlin-Marathon gezeigt, was nach Leukämie alles möglich ist. Damit will die 34-Jährige anderen Patienten Mut machen.

Wenn Miriam Vogt laufen geht, ist es sofort da: Das gute Gefühl. „Ich kann das. Mein Körper ist stark“, sagt sie. 45 Kilometer sind es gerade in der Woche, zur Vorbereitung auf den Berlin-Marathon. 

Für die junge Frau ist das alles andere als selbstverständlich. Vor acht Jahren erkrankte sie an Leukämie. 

„Ich war so langsam und schwach, dass sogar eine alte Frau mit Rollator an mir vorbeigezischt ist“, erinnert sich Vogt, die in Unna geboren wurde. 

Dass sie nun Marathon läuft, versteht sie auch als Botschaft an andere Patienten: „Sie sollen sehen, was alles möglich ist nach Krebs. Mir hätte das damals Mut gemacht.“ Miriam Vogt läuft und läuft und läuft. 

Durch den Wald in Werne, am Kanal entlang, an Kraftwerken und Schornsteinen vorbei. „Beim Laufen kann ich abschalten, das kann ich sonst nicht“, sagt sie. Oft sei auch ein Gefühl von Dankbarkeit dabei. Sie denkt dann an die vier Monate im Krankenhaus – als sie kaum aufstehen konnte. Sie denkt an ihre Beine, an denen sich durch das lange Liegen in der Klinik die Muskeln zurückgebildet hatten. „Das konnte ich nicht akzeptieren“, sagt sie.

 Sie beschreibt sich selbst als positiven Menschen, humorvoll und sehr willensstark. Noch in der Klinik begann sie zu üben. Eine halbe Treppe steigen, eine ganze Treppe. Fünf Meter gehen, zehn Meter gehen. Ein kurzer Spaziergang im Schneckentempo, längere Spaziergänge. „Irgendwann hat mir das nicht mehr gereicht“, erinnert sie sich. Sie beginnt, langsam zu joggen. 

"Dabei habe ich Laufen früher echt gehasst"

„Dabei habe ich Laufen früher echt gehasst“, gibt sie zu. Doch die Angst lief am Anfang immer mit. Ist das zu viel für das Herz? Vogt fragt Mediziner. Doch die ermunterten sie. Ein Satz ihres Onkologen bleibt ihr im Gedächtnis: „Machen Sie einfach weiter. Einen Marathon wollen Sie ja sicher nicht laufen.“ Nein, das hatte sie nicht vor. Cool fand sie vor vier Jahren eine halbe Stunde joggen am Stück.

Mitglied bei den LippeRunners Werne

 „Aber ich konnte diesen Satz nicht vergessen.“ Es war die Zeit, als sie wieder als Buchhalterin arbeiten konnte, heiratete und ihr Herz sich vollständig erholte. Das hat sie auch ihrem Ehemann zu verdanken: „Der hat ja so einiges mit mir mitgemacht.“ Sie läuft immer weiter, immer länger.

Miriam Vogt

 „Für mich“, sagt sie. Und weil sie so viel Spaß daran gefunden hat, schloss sich die 34-Jährige einem Verein an – den „LippeRunners“ aus Werne. Sie macht gern Ausdauerläufe, und das am liebsten bei Regenwetter. Das Hobby ist ihre Leidenschaft. „Damit kann ich nicht mehr aufhören.“ Ein weiteres Ziel nach Berlin hat sie aber noch nicht: „Mal schauen, wie es weiter geht und was noch so möglich ist“, sagt sie. 

Vogt unterstützt die Deutsche Stiftung Junge Erwachsene mit Krebs

Pro Jahr erkranken in Deutschland rund 15 000 junge Menschen zwischen 18 und 39 Jahren an Krebs. 2014 hat sich die Deutsche Stiftung Junge Erwachsene mit Krebs gegründet, um sie zu unterstützen, finanziert allein durch Spenden. „Krebs in diesem Alter bedeutet einen gravierenden Einschnitt in die gesamte Lebens- und Zukunftsplanung“, sagt Stiftungschefin Diana Lüftner. „Da geht es um Familiengründung, Kinderwünsche, eine mögliche Unterbrechung der Ausbildung, also auch mögliche wirtschaftliche und soziale Notlagen“. 

Miriam Vogt bei ihrem Training am Kanal.

Die Stiftung macht sich dafür stark, dass jungen Krebspatienten die Kosten für das Einfrieren von Ei- oder Samenzellen von Krankenkassen erstattet werden. Denn Chemo- oder Strahlentherapien können die Fruchtbarkeit zerstören. Nun gibt es einen Gesetzesentwurf für die Kostenerstattung. 

In Berlin lief Miriam Vogt trug sie ein Trikot der Stiftung. „Ich befürworte dieses Gesetz total“, sagt sie. Ihr Blutkrebs war so weit fortgeschritten, dass keine Zeit mehr für eine Kinderwunschbehandlung blieb. „Abgesehen davon hätte ich mir das nicht leisten können“, sagt sie. Die Läuferin ist gerade dabei, für die Stiftung einen Treffpunkt im Ruhrgebiet aufzubauen, eine Lobby. 

Miriam Vogt beim Training im Werner Stadtwald.

„Ich war in der Klinik so ein Exot“, sagt sie. „Um mich herum lagen nur alte Menschen. Die haben ständig erzählt, dass man bald sterben wird.“ In Berlin lief Miriam Vogt, um zu zeigen, dass es auch anders laufen kann.  „Um die Zeit geht es mir überhaupt nicht. Aber ins Ziel zu kommen, das ist mir schon wichtig“ - und das hat sie geschafft... 

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