Laufkolumne von Anne Mertens: „Mein Herz läuft Marathon“

Alle Anstrengung ist vergessen. Freude bei Anne nach ihrem zehnten Marathon über die Finishermedaille. qSelfie: Mertens

Montag morgen, 3.50 Uhr. Oskar ist wach geworden! Ich will aus dem Bett springen und merke: Autsch, Oberschenkel! Ach ja, gestern war ja Marathon! Also schick ich lieber meinen Mann und bleibe liegen.

Der Münster Marathon 2017– er war super! Sonntag bestes Laufwetter. Alles hibbelte und schnabbelte umher, bis es endlich losging! Ansgar und ich liefen erstmal zusammen, hatten eine lustige Truppe vom Marathon Steinfurt getroffen: Tom lief wohl seinen 50. plus -xten Marathon und meinte, er habe aufgehört zu zählen. Ich überlegte kurz, so uralt sah der noch gar nicht aus. Aber man kann sich ja auch täuschen. Die Stimmung war super, wir quatschten viel, denn die ersten Kilometer läuft man ja eher „lockeres“ Tempo – damit man nachher nicht einbricht: „Mal sehen, wie lange du noch so quasseln kannst“, meinte Kai aus der Truppe – und lachte.

Ja, da war ich auch gespannt. Etliche Herren gingen in die Büsche – meinen Zuruf – „Hände waschen nicht vergessen!“ – ignorierten sie alle. Kilometer 16 ging ich mal aufs Dixie, da war aber auch nicht viel los. Also weiter. Ansgar wieder einsammeln – der war, gar nicht gentlemanlike, einfach weitergelaufen.

Die Tempomacher mit den orangenen 3:45-Stunden-Ballons um mich rum. Zur Info: Sie sorgen dafür, dass man das Tempo hält, wenn man eine gewisse Zeit erreichen will. Die Zeit war mir relativ egal, aber irgendwie waren die immer in meiner Nähe. Manche Läufer „kleben“ förmlich an diesen Zugläufern; würden wohl am liebsten Hand in Hand mit ihnen laufen. Sieht dann lustig aus: Drei Läufer mit Ballons und eine riesen Traube Leute um sie rum, die nicht mehr als einen Meter von ihnen weichen wollen; egal, ob sie ständig durch den Wind die Ballons vors Gesicht gedonnert kriegen.

Ansgar habe ich bei Kilometer 27 wiedergetroffen – das ist in Münster so der Streckenbereich, in dem es hart wird. Irgendwie wurde mir da auch bewusst: „Au Mann, das sind noch 15 Kilometer – einmal der ganze Silvesterlauf!“ Ich stopfte meine Kopfhörer gegen schlechte Laune rein; aber nur kurz, weil da gerade Anna Maria Zimmermann und Helene Fischer lief; auf diese Musik hatte ich nun gerade so gar keine Lust und überhaupt: wie kommen die auf meine Playlist? Naja, es ist zwischen Kilometer 28 und 35 immer so ein verhaltenes Laufen: alle traben dann mit sich selbst kämpfend herum, kaum jemand spricht mehr! Bei jedem fängt irgendwas an zu schmerzen, aber man weiß: den anderen geht’s auch gerade so.

Also: einfach weitermachen. Der Krankenwagen, der mit lauter Sirene über den Landschaftsweg fuhr, rüttelte uns etwas wach, das schockt doch immer sehr. Kilometer-32-Schild: „Noch ´n Zehner Anne, dann hast du es!“ Ja, ich fange an mit mir selbst zu sprechen, wenn um mich herum keiner mehr quatschen will.

Ab Kilometer 35 wurde es wieder geselliger. Ich konnte die Erleichterung vieler um mich herum richtig spüren: „Wir schaffen das!!!“ Ich sah wieder bei vielen ein Lächeln. Das Kilometer-40-Schild sehe ich immer so gern, ab da wird man ja eh von den Zuschauern und den Endorphinen getragen. Aus der Ferne sah ich hinter Kilometer 41 die blau gekleideten Fans vom SV Herbern, die immer am Weinstand stehen.

Ja, es gibt einen Weinstand, das hat Münsteraner Stil! Ich blieb stehen und trank einen ordentlichen Schluck Weißwein. Übrigens ein leckeres Tröpfchen, ich order wohl fünf Kisten. Dann aber weiter, den Einlauf genießen! Im Ziel habe ich alle umarmt: die Frau, die mir die Medaille überreichte, die, die mir die Wärmefolie gegen die Kälte umhing. Die, die mir die Orangen schnitt und auch die Frau, die mir leckere Cola gab. Dann meinen Cousin Basti, der mir in die Arme lief, und auch den Typen, der mir von der Bank wieder hoch half (nicht hinsetzen nach dem Zieleinlauf!!), und endlich auch Ansgar, der glücklich kurz nach mir ins Ziel lief.

Und überhaupt alle Leute, die nix gegen schweißige Umarmungen hatten. Meine Überlegung, doch mal die kostenlosen Massagen im Zelt zu nutzen, verwarf ich, während ich das Zelt betrat. Darin stand die schwitzige Marathonläufer-Luft! Nö, sooo weh taten die Beine dann auch nicht mehr... Ja, es war mein zehnter und, ich glaube, mein bisher schönster Marathon...

Die gebürtige Wernerin Anne-Kathrin Mertens (36) schreibt an dieser Stelle in loser Folge über ihre Trainings- und Lauferlebnisse. Die dreifache Mutter von Frida (8), Fiete (6) und Oskar (4) wohnt mit Ehemann David in Capelle und läuft für den SV Herbern.

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