DFB-Ausbildungsentschädigung

Die kleinen Vereine gehen leer aus

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Stefan Schreiber (links), Jugendleiter des SuS Rünthe, und Jugendkassierer Dennis Füllenbach ärgern sich über das Verhalten größerer Klubs ihrem Verein gegenüber. 

Rünthe- Stefan Schreiber und Dennis Füllenbach vom Jugendvorstand des SuS Rünthe möchten auf einen Missstand hinweisen, der aus ihrer Sicht für die kleineren Fußballvereine untragbar ist. Immer wieder verlassen den Verein talentierte Nachwuchsspieler, um sich bei namhaften Vereinen zu beweisen – und der SuS geht leer aus.

Denn auf die dafür vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) vorgesehene Ausbildungsentschädigung muss der Stadtteilklub verzichten, da viele der aufnehmenden Vereine nicht bereit sind, diese zu bezahlen. „Dabei geht es uns nicht um das Geld, sondern um die Spieler. Wir haben sowieso schon große Probleme, alle Jahrgänge zu stellen. 

Würden die großen Vereine vom DFB verpflichtet, die Ausbildungsentschädigung an die kleinen Vereine zu bezahlen, würden diese wesentlich selektiver bei der Abwerbung und Auswahl der Jugendspieler vorgehen“ erklärt Schreiber. 

Hintergrund: Vor zwei Jahren wechselten vier D-Jugendliche zur Hammer SpVg, vor einem Jahr ein weiterer zu Westfalia Rhynern und in diesem Sommer eine B-Juniorin zum VfL Bochum. 

Anschuldigungen von den Eltern 

Die Summen, die pro Spieler/Spielerin im Raum stehen, belaufen sich auf etwa 250 bis 450 Euro im ersten Jahr für Spieler und Spielerinnen, die mindestens 18 Monate beim abgebenden Verein aktiv waren.

 „Der DFB hat die Ausbildungsentschädigung zum Schutz der kleinen Vereine eingeführt. Wir hatten ja auch den Aufwand und müssen uns dem Verein gegenüber rechtfertigen, der mit Sponsorengeldern unser Förderkonzept unterstützt“, sagt Dennis Füllenbach, Kassierer der Jugendabteilung. Diese Regelung kann dadurch umgangen werden, dass Spieler nicht „freigemacht“ werden und bis zum 1. November zuschauen müssen.

 „Eigentlich fehlt ein Schutzmechanismus. Mit diesem Instrument kann man nichts erzwingen“, kritisiert Füllenbach die Ausführung der DFB-Regelung. Auch bekommen die abgebenden Vereine Probleme mit den Eltern: „Es kann ja nicht sein, dass wir für die Eltern die Schuldigen sind. Da wird es richtig böse und man wird beschimpft, dass man den Kindern Steine in den Weg legen würde. Dabei halten wir uns nur an die Ausbildungstabelle des 

DFB“, sagt Stefan Schreiber. Denn für die Eltern sei die Ausbildungsentschädigung gleichbedeutend mit einer Ablösesumme. „Oft wollen diese die Eltern selber bezahlen. Aber darum geht es doch eben nicht“, sagt Schreiber. Und falls es die Spieler bei dem neuen Verein nicht schaffen, würden diese auch nicht zurückkehren. „Von den Vieren, die zur Hammer SpVg gewechselt sind, hat es nur einer geschafft. Die anderen drei sind natürlich nicht zurückgekommen“, hat Schreiber ein Beispiel parat. Im Fall der Rünther B-Juniorin, die zum VfL Bochum gewechselt ist, hat Timo Saviano, Geschäftsführer der VfL-Nachwuchsabteilung, seine Meinung. Er hält es für „unfassbar ungewöhnlich“, dass ein Klub auf die Ausbildungsentschädigung beharre. Denn von den etwa 80 Neuzugängen in diesem Sommer habe exakt einer keine Freigabe erhalten – und das ist die Spielerin aus Rünthe.

 „Im Mädchenfußball erteilen etwa die Hälfte der Vereine die Freigabe. Mit den anderen Vereinen gibt es auf Basis der festgelegten Ausbildungsentschädigungen Kompromisse, wo man sich etwa in der Mitte trifft“, sagt Saviano. In dem speziellen Fall geht es um 250 Euro. „Das ist für eine einzelne Spielerin viel Geld, auch für den VfL Bochum. Denn der Etat im Frauen- und Mädchenbereich ist nicht sehr hoch“, sagt Saviano. Schreiber erwidert: „Der SuS Rünthe zahlt für eine Spielerin, die er vom Werner SC geholt hat, 75 Euro. Da ist der VfL Bochum nicht in der Lage, 250 Euro zu bezahlen?“

 Und die Praxis, dass ein Großverein wie der VfL Bochum in einer Transferperiode 80 neue Nachwuchsspieler hole, sieht Schreiber kritisch: „Sie saugen damit bei den kleineren Vereinen ab.“ Willi Wernick, Koordinator für den Mädchen- und Frauenfußball beim VfL Bochum, sagt: „Im Mädchenfußball fließt kaum Geld. 

Für alle Spielerinnen im U15- und U13-Bereich haben wir keine Ablösesumme bezahlt. Und die Spielerinnen dürfen uns auch ohne Ausbildungsentschädigung wieder verlassen. Auch die Spielerin vom SuS Rünthe wird den Verein wieder ablösefrei verlassen können. Sie musste ja auch einiges in Kauf nehmen.“ 

Wernick, der von einem kleineren Verein zum VfL Bochum kam, sagt aber auch: „Ich weiß, was kleine Vereine leisten und für schwierige Bedingungen haben. Die Gespräche mit dem SuS Rünthe waren einwandfrei.“ Und für Spielerinnen, die vom VfL Bochum zu den Frauen-Bundesligisten MSV Duisburg oder SGS Essen wechseln würden, „bekommen wir keine Ausbildungsentschädigung. Wir geben die frei, weil wir ohnehin nichts bekommen oder wir einigen uns“, erklärt VfL-Jugendgeschäftsführer Saviano, wie es in die andere Richtung geht. 

Ob Bochum auf eine Ausbildungsentschädigung verzichten würde, wenn ein Mädchen zu einem Spitzenverein wie Turbine Potsdam oder VfL Wolfburg wechseln würde, das glaubt Schreiber hingegen nicht.

 Natürlich sei es legitim und nachvollziehbar, dass ein Talent den nächsten Schritt machen möchte. „Aber ich bin der Meinung, wenn ein Verein einen Spieler wirklich haben will, wird dieser auch freigemacht“, sagt Schreiber. „Es gibt Vereine, die sind weniger bereit, eine Ausbildungsentschädigung zu bezahlen“, bestätigt Carsten Drücker, Jugendleiter des Werner SC. 

Wollen Nachwuchsspieler den WSC verlassen, „erhalten sie grundsätzlich keine Freigabe. Das erklären wir auch den Eltern. Dann kommt es drauf an, wie die Gespräche mit den aufnehmenden Vereinen laufen. Mit dem SuS Rünthe, SV Herbern und Eintracht Werne kann man sich gut unterhalten“, sagt Drücker. Falls es zu keiner Einigung komme, sei es wichtig, dass schriftlich zugesichert wird, dass ein Spieler „jederzeit zu den gleichen Bedingungen zurückkommen kann – und das auch im Seniorenbereich“, zeigt sich Drücker kompromissbereit. 

Spieler werden häufig nicht freigemacht

 Drücker hat aber auch erlebt, dass sich „Vereine erst gar nicht melden und die Kinder bis November zuschauen lassen.“ So würden die Trainer höherklassig spielender Vereine zu ihrem Vorstand gehen und sagen, wen er sorfort brauche. 

WSC-Jugendleiter Carsten Drücker

Das bestätigt Jürgen Benecke, Jugendleiter von Westfalia Rhynern. „Bei einigen Vereinen werden Spieler kategorisiert. Spieler die etwa in der Kategorie C eingeteilt sind, bleiben bis November sitzen.“ Dass sein Verein die Ausbildungsentschädigung nicht bezahlt, begründet Benecke so: „Die vom DFB aufgerufenen Beträge stehen in keinem Verhältnis. Wenn ein Verein die Summe x haben will, ist das meines Erachtens realitätsfern.“ 

Ob der Oberligist Rhynern denn auch auf eine Entschädigung verzichten würde, wenn ein eigener Spieler zu einem Bundesligisten wechselt? Benecke sagt: „Die haben nicht den Etat, um etwa acht neue Spieler auszulösen. Die drücken auf die Bremse.“ Zudem würde es für Nachwuchsteams der Bundesligisten Sonderrunden geben, die den Status von regelmäßigen Freundschaftsspielen haben – und in denen dürfen die Neuzugänge eingesetzt werden. So gibt es genügend Schlupflöcher, das Zahlen der Ausbidlungsentschädigung zu umgehen.

Die DFB-Ausbildungsentschädigung

Grundlegend für die Ausbildungsentschädigung ist die Jugendordnung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die Landesverbände setzen diese Vorgaben um. Verbindlich ist sie aber nicht. So heißt es in Paragraf 12, Absatz 2, der Jugendspielordnung des Westdeutschen Fußball-Verbandes bezüglich der D- bis A-Jugend: „Die Regelung bedeutet nicht, dass eine Freigabe zum Vereinswechsel nur bei Bezahlung der Beträge erfolgen kann. (...)Es bleibt auch jedem Verein überlassen, einen Junior direkt freizugeben.“ 

Es handelt sich also um eine Kann-Bestimmung. Der abgebende Club kann auf einer Ausbildungsentschädigung bestehen, muss es aber nicht. Maßgeblich für die Höhe dieser Summe ist allein „die Spielklassenzugehörigkeit der ersten Mannschaft.“ Dazu können Grundbeträge pro Saison kommen, die der wechselnde Spieler in seinem alten Club verbracht hat. Konkret gefasst wird das Ganze in einer Tabelle. Holt ein Oberligist, zum Beispiel die Hammer SpVg, einen U13-Spieler (D-Jugend), werden 450 Euro Ausbildungsentschädigung fällig.

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