Laufkolumne von Anne-Kathrin Mertens

"Ich drehe schon seit Stunden..."

Ich drehe schon seit Stunden hier so meine Runden.... Das Lied von Herbert Grönemeyer ging uns oft durch den Kopf. Nicole und ich starteten nämlich beim Sechs-Stunden-Lauf in Warendorf.

Eine 2,8 Kilometer kurze Runde auf dem Gelände der Georg-Leber-Kaserne musste so oft wie möglich gelaufen werden. Und wenn ich es vorher erzählt habe bei Familie oder Freunden: Kopfschütteln. „Wer macht denn sowas?“ 

Ich und noch 599 andere Starter. Ich schaffe es ja eigentlich nicht mal sechs Stunden am Stück wach zu bleiben (kurzes Mittagsnickerchen sitzt immer drin...), geschweige denn sechs Stunden am Stück zu arbeiten oder sechs Stunden zu schweigen, aber sechs Stunden laufen wollt ich wohl mal probieren. 

Und es war gar nicht so schlimm, die selbe Runde ständig zu laufen. Runde für Runde trifft man ja auch immer wieder neue Leute und plaudert nett. Der Untergrund war auch immer wieder neu: Wir hatten Asphalt, Kopfsteinpflaster, Tartanbahn und Finnenbahn. Da wurde den Beinchen richtig was geboten. Bei so einem Lauf geht´s ja, zumindest uns, nicht um das Tempo, sondern einfach darum, durchzuhalten und keine Langeweile zu kriegen. 

Sonst fängt man nachher noch an nachzudenken, warum man das macht. Aber wer mich kennt, weiß, dass keine Langeweile aufkommen kann. Bis doch, einmal kurz, nach etwa eineinhalb Stunden, da wurde mir plötzlich klar: Bist du bekloppt? Sechs Stunden sind doch echt viel. Mein Anne-Tief kam, aber es hatte keine Chance: Denn nach jeder Runde wartete die leckere Verpflegung auf uns. 

Das Team dort erfreute uns immer wieder mit einem grandiosen Empfang im Stadion: Es gab Weingummi, selbst Gebackenes und lecker Getränke. Was will Frau mehr? Einfach toll. Und Zeit hat man ja nun mal auch. Erst einmal in so einen leckeren Kuchen beißen, ein Weingummi (oder zwei) in die Pausbäckchen stopfen und weiter laufen. Außerdem hatten wir noch einen zweiten, heimlichen Verpfleger ausgemacht: Am Eingang der Kaserne standen zwei Sicherheits-Typen: Thorsten oder Carsten? Ich weiß es nicht mehr. Und Kai.

 In jeder Runde bekamen wir da noch ein extra Stück Schokolade und salzige Heringe. Lecker. Service vom Feinsten! Salz soll ja Krämpfen vorbeugen: Konnte uns aber eh nicht passieren, denn wir hauten uns direkt mal in jeder Runde eine Salzkapsel rein, die ebenfalls am offiziellen Stand angeboten wurden. Sicher ist sicher. 

Mitläufer Hoffi meinte nachher, alle 20 Kilometer eine reicht, sonst würden nachher eventuell Salzkristalle aus uns rauskommen. Upps, zu spät. Auf der Tartanbahn im Stadion tönte jedes Mal ein neues Lied durch die Boxen – zum Leidwesen der Mitläufer singe ich gerne laut und tanze auch schon mal dabei: Ich habe dann einfach die anderen Läufer um mich herum animiert, doch mitzumachen: „Leute, singt mit, das lenkt von den Schmerzen in den Beine ab.“ 

Und zack, hatten wir einen kleinen Chor zusammen. Nach fünf Stunden kam ein mega Regenschauer – aber keiner jammerte, denn alle waren froh, bis dahin trocken geblieben zu sein. Ich fing nach 50 Kilometern an, zu meiner Musik im Ohr laut mitzusingen. Ich entschuldige mich hiermit bei allen, die ich genervt habe. So etwas nennt man „Runner´s High“. Und wir schafften es wirklich. 

Wir liefen die sechs Stunden durch und als wir in die letzte Runde gingen, bekamen wir einen kleinen Ballon, mit Sand gefüllt und mit unserer Startnummer dran. Mit Thorsten aus Dortmund, den wir unterwegs zum Weiterlaufen bewegt, ääh, angebrüllt hatten, liefen wir noch einmal ein wenig schneller (jeder Meter zählt) und irgendwann meinte Nicole: „Noch vier Minuten.“ 

Thorsten jaulte nach zwei Minuten: „Wie verdammt lang sind vier Minuten?“ Tja, die konnten echt lang sein. Aber als die Sirene nach sechs Stunden ertönte, ließen wir den kleinen Startnummernballon auf den Boden fallen, wo wir gerade waren (die Restmeter werden so ermittelt) und blieben stehen. Böser Fehler: Denn damit kam plötzlich der Schmerz. Vorher tat irgendwie nix weh, man läuft irgendwie einfach weiter. Aber wehe, man hält an.

 In der Sporthalle nachher eine tolle Überraschung: In den Duschen gab es nicht nur warmes Wasser. Nein, es gab Stühle zum runterklappen! Wir konnten im Sitzen duschen. Geil! Wir wollten nicht mehr drunter weg. Draußen ging ja eh gerade die Welt unter.

Die Autorin 

Die gebürtige Wernerin Anne-Kathrin Mertens (38) schreibt an dieser Stelle in loser Folge über ihre Trainings- und Lauferlebnisse. Die dreifache Mutter von Frida, Fiete und Oskar wohnt mit Ehemann David in Capelle und läuft für den SV Herbern.

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