Laufkolumne von Anne-Kathrin Mertens

Green Bull und Tabs gegen Sportler-Mief

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Anne-Kathrin Mertens

Letzte Woche in der WhatsApp- Gruppe. Kleine Anfrage: „Kommt einer Samstag mit nach Möhnesee-Günne, 15 Kilometer Waldlauf mit Höhenmetern?“

„Ich kann nicht“, hieß es. „Ich auch nicht“, kam danach. Und weiter: „ Ja, ich, aber nur wenn wir die 30-Kilometer-Strecke laufen.“Oder: „Oh Gott, ich war schon mal da, die 15 Kilometer laufen, das ist echt hart! Aber gut, wenn du willst. Von mir aus.“

 Ach, dachte ich, ob 15 oder 30... Also mit der kleinen, hoch motivierten Bergziege Nicole, die schon beim Ultra in Bottrop gezeigt hat, dass sie auf Schmerzen im Wald steht, stand ich nun Samstagmittag am Start. Gegen den Angstschweiß bekamen wir direkt bei der Anmeldung ein gut riechendes Duschgel geschenkt. Einfach so. Ohne Laufen. Ringelpulli-Ingo war auch da. Und hat drei Duschgels bekommen. Er müffelt auch immer etwas. 

Startbereich: So wirklich in die erste Reihe wollte hier niemand. Was ist das sonst immer ein Gedränge und Geschiebe bei den Wettkämpfen. Hier standen jetzt auch nur 30 Leute. Und da konnte es nicht eng werden. Endlich mal da stehen, wo ich hingehöre. Erste Reihe für mich. 

Der Wald war richtig schön. Also wenn man richtig steinig und richtig hügelig richtig schön findet. Es ging immer fiese Anstiege hoch, na gut, aber natürlich auch mal etwas runter. Wir quasselten schön, und im Wald störte es auch keinen, wenn wir mal geflucht haben. 

Es waren auch keine Kinder in Sicht, die Schülerläufe wurden, wohl ahnend, extra woanders her geleitet. Da konnte ich auch mal richtig Schimpfwörter los schreien. Zwischendurch war ich sogar mal ruhig. War echt anstrengend. Zum Glück hatte ich gegen schlechte Laune Leckeres dabei. Ich wollte Nicole ja nicht ihren Tag versauen. Ich hab unterwegs überlegt, dass die Strecke perfekt für unseren kleinen Wüterich Oskar ist. Hier könnte der motzen, meckern, Steine sammeln und werfen, Bäume gucken und sich seinen roten Kopf in der Möhne abkühlen. Und wenn er nicht mehr laufen will, kann er sich auch auf den Boden werfen und schreien. Die Bäume sind da ja schmerzfrei und doof gucken tun die auch nicht, wenn ich ihn da schreiend liegen lasse, bis der Anfall vorbei ist und seine kleine Wut-Ader am Hals wieder abschwillt. 

Am höchsten Punkt nach etwa 600 Höhenmetern angekommen, fluchte ich noch einmal in den Wald hinein und nahm einen großen Schluck grüner Frosch-Kotze (Entschuldigung für diesen Ausdruck) zu mir. Wohl ein Wundergesöff eines Sportgetränke-Anbieters. Na, wenn´s hilft, ich hab nur gewarnt: „Leute, wenn ich von dem Zeug jetzt auch noch Durchfall kriege, will ich mein Startgeld zurück.“ 

Auf dem Weg runter von dem Berg hab ich das aber wieder vor Freude vergessen. Ach war das schön. Grünes Zeug verleiht Flügel. Green Bull, oder was? Ich raste wie irre den Berg runter. Toll. Das hat Spaß gemacht. „Ja“, kam dann die mahnende Stimme vom Laufzwerg von links „dreh mal nicht durch, jetzt geht’s gleich wieder hoch.“ Was für eine Spaßbremse. Die erste Runde sind wir komplett durchgelaufen aber haben schon geplant, welches Stück wir nachher gehen werden. 

Ja, das is die Krux bei dem Lauf. Die 30-Kilometer-Läufer laufen dieselbe (!!!) Strecke zweimal. Aber gut. Ich wusste, dass Ringelpulli-Ingo und der Läufer mit dem schönsten Kopftuch, Heiko, nach 15 Kilometern hinzu kommen würden. Angekommen am Wendepunkt hab ich Heiko erst einmal schön mit einem dicken Drücker mit meinem Schweiß getränkt vor Freude. Und dann ging´s wieder rein in den Wald. Die 15-Kilometer-Läufer rannten alle voll motiviert an uns vorbei. 

Egal: „Ihr könnt zwar schneller, dafür können wir länger“ , rief ich hinterher. Eine ältere Dame, eine von neun Frauen, die die 30-Kilometer-Strecke liefen, kämpfte sich die ganze Zeit weit vor uns die Berge hoch. Und in der zweiten Runde, ich denke, so bei Kilometer 27, an einem echt fiesen Anstieg, da hörte sie auf zu laufen und ging. Und ich so zu Nicole: „Endlich! Wenn sie geht, dann gehen wir auch.“ Hinter uns die zwei Frauen dachten dies wohl auch. Und so gingen wir alle den Knapp hoch und erzählten uns was. Wozu denn auch stressen lassen? 

Endlich im Ziel wurden wir begrüßt von der netten Moderation: „Ach Mädels, da seid ihr ja endlich. Ich hab gehört, ihr habt mehr gesabbelt als dass ihr gelaufen seid.“ Upps, aufgefallen. Das Schöne an so einer kleinen Veranstaltung ist, dass nachher alle noch gemütlich zusammen stehen. Es gibt Bratwurst, Bier und die grüne Plörre, die vom Frosch, ist im Wald geblieben, wo sie hingehört. 

Bei der Siegerehrung hat Laufzwerg Nicole abgesahnt. Dieter Schänzer von der Organiation hat Preise verteilt wie Aale-Dieter auf´m Fischmarkt seine Räucherware in die Menge wirft. Zum Glück warf unser Dieter mit Isozeugs, Geldumschlägen und allerhand Gedönse statt Fisch um sich. Mein Highlight-Geschenk war ein Karton voller kleiner Waschmaschinen-Tabs mit dem Aufdruck: Extra für nach Schweiß riechende Sportbekleidung.

 Ich meine, wonach soll die sonst riechen? Und toll, dass das ein Geschenk bei der Frauen-Siegerehrung war. Wo doch meistens eher die Herren diese 80er-Jahre Old-School-Laufshirts anhaben, die schon vor dem Lauf im Startbereich müffeln. Aber ich bin dankbar und begebe mich mal ans Waschen. Wäsche hab ich wohl genug.

Die gebürtige Wernerin Anne-Kathrin Mertens (37) schreibt an dieser Stelle in loser Folge über ihre Trainings- und Lauferlebnisse. Die dreifache Mutter von Frida (8), Fiete (6) und Oskar (4) wohnt mit Ehemann David in Capelle und läuft für den SV Herbern.

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