Laufkolumne von anne-Katrin Mertens

Ganz schnell ganz alt ausgesehen

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Anne-Kathrin Mertens

Losgeprescht wie eine junge Göttin bin ich am Samstag auf meinem „Heimspiel-Lauf“ in Werne. Herrlich, endlich wieder in Werne laufen.

Und eine neue Strecke hatte Dirk angepriesen. Die wollte ich dann auch mal vier Runden lang genauer ansehen und entschied mich für die zehn Kilometer. 

Dass ich so viel Zeit dafür haben würde, war natürlich nicht geplant. Ich lief erstmal schnell los. Zu schnell. Und so ging das grandiose Feeling der „jungen Göttin“ auch direkt in Runde zwei flöten. 

Der Mann mit dem Hammer, von dem man beim Marathon immer so spricht, kam bei mir bei Kilometer drei und haute mich um. Pusten, schnauben. Bitter. Wo kann ich hier denn mal aussteigen? Und merkt das einer?

 Ja, spätestens an der Saline, wo die Großeltern die Kinderbespaßung machten. Meine drei kleinen Fans wollte ich ja nicht enttäuschen: „Mama, warum gehst du denn? Du musst laufen!“ 

Und dann hörte ich, wie Frida kurz hinter mir rief: „Papa, Julian, super. Da vorne ist Mama!“ Bäm. Es sollte auch noch in meiner Heimatstadt Werne sein, mein Mann überholte mich zum ersten Mal. 

Und dann auch noch mit seinem Bruder Julian zusammen. Vor dem ich noch eine Woche vorher beim Schützenfest große Klappe hatte: „Du schneller als ich? Das wird nie passieren.“ 

Tja, die junge Göttin wurde jetzt ganz schnell ganz alt – und ganz leise. Die Stelle am schönen Stadtsee, als sie an mir vorbei liefen, vergesse ich nicht: „Anne, alles okay?“ Ein Blick von mir reichte und die beiden rannten schnell weiter. Männer können schon blöde Fragen stellen. Murrend lief ich weiter. Vorne stiegen zwei Damen aus. 

Ne, aufgeben tu ich hier nicht. In der Stadt stehen ja alle und warten auf mich. Also Anne, lauf einfach locker weiter. Ich fing schon an mit mir selbst zu reden. Zum Glück wurde mir das eine oder andere „isotonische“ Kaltgetränk einmal bei Peter gereicht und dann nochmal beim lieben Ingo, der am Museum stand und mir mitleidig die Flasche hingehalten hat. 

Prost. Und weiter ging es. Wieder die Burgstraße hoch. Aufmunternde Zuschauer. Oh je, man sah mir das Leid wohl auch schon an. Vor einer Woche noch die Schützen-Lisl von Capelle, das war jetzt die Quittung. Schwere Beine vom Tanzen. Wieder am Salinenpark her. Am Kreisel stand Silvia, die auch nur noch mitleidig klatschte. Mensch. Was ist denn los, Anne? 

Zum dritten Mal an der Saline her. Die Kinder waren zum Glück mit Wippen beschäftigt. Die neue Strecke ist gerade in diesem Moment sehr zu empfehlen, denn am idyllischen Stadtsee hörte niemand mein Jammern. Eine Mutter breitete gerade ihre Picknickdecke aus und machte es sich mit ihrem Kind bequem. Ja, man kann den Samstag auch schön verbringen. 

19.Werner Stadtlauf: Firmenlauf 

Eine Braut lief mit Mann und Fotograf an der Brücke vorbei – tja, zum Heiraten war das Wetter ja genau richtig, zum Laufen war es mir zu warm. Wieder bei der rettenden Rita zwei Becher Wasser abholen und weiterlaufen. 

An der Eisdiele und am Marktplatz musste ich nochmal gequält lächeln, da saßen viele Bekannte. Rum um die Kurve und in die letzte Runde. Gleichzeitig durfte schon einer in die Zielgerade abbiegen. Mich ließ Günter noch nicht rein. 

19.Werner Stadtlauf: 5 und 10 km

Okay Anne, letzte Runde. Es ist ja bezahlt. Klatschende Fans an der Volksbank und ein letzter Schluck von Ingos Kaltgetränk (es hat mich gerettet) und in die Endrunde. Noch kurz an der Saline alte Lauffreunde gedrückt, war ja nun auch egal und die hatte ich lange nicht gesehen. Und dann weiter. Bis ich endlich, endlich ins Ziel durfte. 

Stolz, nicht aufgegeben zu haben, und einfach nur kaputt, wurde ich von meinem Mann mit einem breiten Grinsen empfangen, der schön mit seinem Bruder ein Bierchen schlürfte: „So, jetzt können wir unsere Karriere ja beenden. Unser Ziel, dich mal zu überholen, haben wir erreicht.“ 

Tja, Familie. Die kann man sich nicht aussuchen. Was soll ich sagen. Aber mit mir kann man es ja machen, ich hab ja auch immer große Klappe.

Die Autorin 

Die gebürtige Wernerin Anne-Kathrin Mertens (38) schreibt an dieser Stelle in loser Folge über ihre Trainings- und Lauferlebnisse. Die dreifache Mutter von Frida, Fiete und Oskar wohnt mit Ehemann David in Capelle und läuft für den SV Herbern.

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