Eddy Chart im Interview: „Ich bin noch zu sehr Trainer“

Eddy Chart Foto: Eickmann

Hamm/STOCKUM - Er kennt die Seitenlinien an den Fußball-Plätzen in Hamm und Umgebung wie kaum ein Zweiter. Doch seit fast genau zwölf Monaten ist Eddy Chart, der jahrelang als Coach in Heessen und beim SVA Bockum-Hövel gearbeitet hat, nach seiner Trennung vom A-Ligisten SV Stockum ohne Trainerjob.

Wie der 55-Jährige damit leben kann und ob es ihm in den Fingern und Füßen juckt, wieder ins Fußball-Geschäft einzusteigen, verriet er in einem Gespräch mit Patrick Droste.

Herr Chart, acht Jahre als Trainer in Heessen, dann 13 Jahre beim SVA, anschließend erneut drei Spielzeiten beim SVE und zum Schluss der SV Stockum – da sind doch viele Dinge passiert, die Ihnen jetzt irgendwie fehlen?

Chart: Auf jeden Fall. Vor allem an die vielen Derbys in der Landes- und Bezirksliga denkt man gerne zurück. So etwas vergisst man nicht. Diese Zeit hat mich geprägt. Ich habe das 27 Jahre lang gemacht, das ist daher ein Teil meines Lebens.

Und jetzt ist dieser Teil des Lebens nicht mehr da. Fällt das schwer oder ist es vielleicht sogar angenehm, mehr Zeit für private Dinge zu haben und nicht immer jede Woche unter dem Stress des Gewinnenmüssens zu stehen?

Chart: Beides. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich auch nur einen Tag ohne Fußball auskommen kann. Ich war, um es vorsichtig auszudrücken, ein bisschen Fußball verrückt. Sicher gibt es jetzt auch noch Tage, an den viele Erinnerungen und ein wenig Wehmut hochkommen, wenn ich auf einem Fußballplatz bin. Aber andererseits ist der Stress auch weniger geworden, ich habe mehr Zeit für andere Dinge.

Aber die Erinnerungen sind nicht alle gut, oder?

Chart: Die meisten schon. Vor allem an die ersten zwölf Jahre in Bockum-Hövel denke ich gerne zurück, das war die schönste Zeit. Der Abstieg mit dem SVA in meinem letzten Jahr in Bockum-Hövel mit seinen Begleiterscheinungen war allerdings sehr bitter. Das dritte Jahr bei meiner zweiten Amtszeit in Heessen war auch nicht so schön. Und auch das Ende in Stockum war frustrierend. Ich will da nicht näher drauf eingehen. Da ist aber einiges kaputt gegangen, was jetzt noch weh tut.

Aber ganz loslassen können Sie dennoch nicht. Sie verfolgen jedes Spiel von Ihrem Sohn Andre, der in der Bezirksliga für den TuS Wiescherhöfen aufläuft. Sie sind also noch eng dran am Geschehen, wissen, was auf den Fußball-Plätzen los ist?

Chart: Ich fahre sogar bei jedem Auswärtsspiel mit. Wobei ich die Partien sicherlich anders und vor allem intensiver verfolge als die meisten anderen Zuschauer. Da bin ich dann doch noch zu sehr Trainer. Man spricht über gewisse Spielsituationen, analysiert, was der Spieler X oder Y hätte besser machen können. Ich bin also noch nah dran.

So nah, dass Sie gerne wieder als Trainer einsteigen würden?

Chart: Erst einmal muss man sagen, dass sich die Einstellung bei vielen Spielern im Vergleich zu früher geändert hat. Früher stand der Fußball bei allen Jungs an erster Stelle. Jetzt haben die Spieler immer wieder Ausflüchte, warum sie nicht zum Training kommen können. Da ist die Beteiligung drastisch gesunken. Wenn ich mich für Fußball entscheide, mache ich das ganz oder gar nicht. Wenn ich nur mit halbem Herzen dabei bin, dann kann ich auch in einer Thekenmannschaft spielen. Selbst in der Kreisliga A muss man zwei- oder dreimal pro Woche trainieren und einen gewissen Aufwand betreiben, wenn man Ambitionen hat. Zurück zur Frage: Natürlich genieße ich die Zeit, die mir jetzt mehr für private Dinge zur Verfügung steht. Aber wenn ein Verein anfragt, der gewisse Ziele verfolgt, dann bin ich auf jeden Fall gesprächsbereit. Die Liga wäre dabei egal, es muss aber ein Klub sein, der etwas erreichen möchte, der etwas aufbauen und oben mitspielen will. Darauf hätte ich Lust.

Aber die Zahl der möglichen Interessenten, die einen Trainer suchen, ist nicht gerade groß.

Chart: Das stimmt, es wird immer schwieriger. Aber vielleicht ist auch irgendwann der Punkt erreicht, wo man sagt: Jetzt reicht es, jetzt muss ich nicht mehr. Ich werde in diesem Jahr ja auch schon 56 Jahre alt. Ich habe das ja 27 Jahre lang gemacht. Als ich 28 Jahre alt war und in Heessen Fußball gespielt habe, hatte ich damals einen Muskelbündelriss. Erich Halle hatte es mir dann ermöglicht, als Trainer einzusteigen. Ich bin da quasi reingerutscht. Zuerst habe ich dann vier Jahre die zweite, dann vier Jahre lang die erste Mannschaft gecoacht. Fußballerisch war ich nie eine Leuchte, ich musste mir mein Trainerwissen also erarbeiten. Das ist mir im Nachhinein ganz gut gelungen. Und egal, was noch kommt, die vielen schönen Erinnerungen kann mir keiner nehmen.

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