Laufkolumne von Anne-Katrin Mertens

„Eine andere Welt, nur 40 Minuten weg“

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Anne-Kathrin Mertens

Am Wochenende war ich in einer anderen Welt. Obwohl diese nur 40 Minuten weg ist. Ich war beim Vivawest Marathon – Start und Ziel in Gelsenkirchen. Wie es sich standesgemäß prollig gehört, haben wir an der Veltins Arena geparkt, wo noch einige Überreste der Feier, dass der BVB nicht Meister geworden ist, rumlungerten.

Sehr schönes Willkommen, sonntags um 7.30 Uhr. Dann mit der Bahn zum Start und los ging die Tour der Hölle. Ohne großes Training habe ich, nett wie ich bin, Andi dorthin begleitet und den kleinen Laufzwerg Nicole haben wir auch mitgeschleppt. Und ich wollte meinen 14. Marathon auch gern hinter mich bringen. Das hier wurde versprochen auf der Internetseite: 

„42,195 Kilometer durchs Revier, durch Gelsenkirchen, Essen, Gladbeck und Bottrop. Durch Zechensiedlungen, alten Fördertürmen und Industriekultur – eben durch den Pott.“ Ja, und so war es auch. Die ersten vier Kilometer waren auch wirklich schön: Zeche Zollverein, und ein schöner Park, genauso wie die letzten vier Kilometer, die identisch waren mit den ersten vier. 

Dazwischen allerdings: Wirklich durch den tiefsten Pott. Wir waren in Katernberg, dann so’ne lange Trasse entlang, wo uns netterweise Fleischwurst angeboten wurde. Ach, das ist doch mein Niveau. Aber ohne Senf? Ohne mich. Weiter ging es. Wir waren in „Boy“. Wirklich Zechensiedlungen und nicht so schöne Ecken. 

Da weiß man wieder, wie gut man es eigentlich hat. Und trotzdem hingen die Menschen glücklich mit dem Kissen vorm Bauch im Fenster und winkten uns zu, während die Kinder begeistert die Hände abgeklatscht haben wollten. Andi hat uns nach 20 Kilometern weggeschickt, unser Gesabbel ging ihr auf die Nerven. Und dazu noch die Hitze. Mal wieder kam die Frage auf: „Warum nicht einfach zuhause im Garten sitzen?“

 Dumm ist der, der Dummes tut, heißt es doch so schön. Aber: Endlich war ich auch mal bei diesem riesen Möbelhaus in Bottrop. Mein Mann wollte nie so weit mit mir fahren. Dann sind wir mal wieder ein Stück gegangen und wieder gelaufen, wie Stop-and-Go auf der Autobahn. Und so kam es, dass wir oft die selben Läufer immer wieder überholten. Die uns dann wieder überholten, als wie mal wieder ein Stück gegangen sind. „Wie oft wollt ihr mich noch überholen?“, lachte Manni. 

Es waren da hinten, wo wir liefen, wirklich kaum mehr Läufer und so sah man sich immer und immer wieder. Es war wirklich ein anstrengender Lauf und schön war es da auch nicht. So ein Lauf, bei m dem man hin- und hergerissen ist zwischen gehen, weil alles wehtut und weiter laufen, weil man ja weiß, dass gehen noch viel länger dauert und man doch einfach nur nach Hause will. Oder immerhin auf die Hüpfburg, die im Ziel aufgebaut war.

 Aber nette Menschen, die tragen das Herz ja am rechten Fleck. Vor einer Kirche saß eine (vielleicht kfd-) Gruppe Damen, die alle Pfarrheimmöbel raus in den Schatten der Kirche gestellt und dort erstmal schön gefrühstückt haben, während sie uns zujubelten. Und überall vor den grauen Zechenhäusern Gruppen von Menschen mit Bier. Danke, jetzt nocht nicht. An den Verpflegungsstellen gab es... Bananen.

 Alle drei Kilometer: Bananen. Ich hab jetzt eine Bananen-Sperre die nächsten Jahre. Bei Kilometer 38 hat uns eine Dame, auf der Mauer vor ihrem Haus sitzend, Wasser gegeben. Und Nicole und ich haben laut gejammert, wie schön doch jetzt ein Stück Schokolade wäre. Da wurde die alte Dame flott und ist in ihr Häuschen und wir haben Schokolade bekommen. 

Ach, was war das schön da. Aber wir mussten weiter, denn Manni kam wieder angelaufen. Und der wollte ja nicht mehr überholt weden. Der Zieleinlauf war dermaßen unspektakulär. Die paar Menschen, die noch da waren, klatschten nicht; der Sprecher mit dem Mikrofon machte wohl gerade Mittagsschlaf und wir waren einfach nur froh, dass es vorbei war. 

Ich muss ja sagen, in Münster ist noch länger was los. Und da hängen Fähnchen und es ist ein Teppich ausgerollt, egal wie viele Stunden man braucht. Da gibt’s Wein zum Schluss bei Kilometer 41. Es sind nun mal wirklich zwei Welten. Andi kam auch irgendwann ins Ziel und freute sich, dass sie „nie, nie wieder“ Marathon laufen wird. Aber das haben wir alle schon einmal gesagt. Warten wir’s mal ab. Der Schmerz geht, der Stolz bleibt.

Die Autorin 

Die gebürtige Wernerin Anne-Kathrin Mertens (38) schreibt an dieser Stelle in loser Folge über ihre Trainings- und Lauferlebnisse. Die dreifache Mutter von Frida, Fiete und Oskar wohnt mit Ehemann David in Capelle und läuft für den SV Herbern.

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