Christine Kuhirt: Eine Weltklasse-Voltigiererin lebt in Werne

+
Christine Kuhirt und ihr Sportkollege Fuzzy – zwei Rheinländer haben sich gefunden.

Werne - Die Werner Pferdesportszene ist reich an großen internationalen Erfolgen – durch Lutz Gripshöver im Springen, Anna Richter und Maike Moormann in der Vielseitigkeit oder die Tecklenborg-Brüder Bertram und Markus in der Dressur. Nun hat eine Weltklasse-Voltigiererin hier ihre (Wahl-)Heimat gefunden: Christine Kuhirt. Die 26-Jährige wurde jetzt vom Fachausschuss des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) auf die Longlist für die Europameisterschaft in Aachen (20. bis 23. August) gesetzt.

Das Treffen zum lockeren Gespräch findet an einem eher ungewohnten Ort statt – im Zentrum der Arbeiterwohlfahrt für therapeutisches Reiten in Lünen-Gahmen. Hier ist Kuhirts Longenführer und Trainer Stefan Lotzmann pädagogischer Mitarbeiter. Und hier hat ihr Sportkamerad Fuzzy (sprich: Futzi) seine Heimat. „Er ist ja hauptberuflich ein Therapiepferd und nur nebenberuflich ein erfolgreicher Sportler“, sagt Christine Kuhirt.

An diesem Abend macht Fuzzy deutlich, dass er nur eines sein will: Privatier. Einzig unter gutem Zureden („Du musst nicht arbeiten“) und unter dem massiven Einsatz von Leckerlis ist er für ein Foto zu haben. Völlig tiefenentspannt schlurft er in Richtung Reitplatz. „Der hat Nerven wie Drahtseile, den stört nichts“, weiß Christine Kuhirt aus Erfahrung. Wirklich nichts? „Doch, Fliegen und Mücken, da wird er unbequem.“

„Es war Liebe auf den ersten Blick“

Fuzzy trat Anfang 2012 in ihr Leben. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Da ist der Rheinländer schon 17 Jahre alt und die Erwartung deshalb nicht allzu hoch. Aber es passt. Der Dunkelbraune bringt jene lockere Galoppade mit, über der es sich ausdrucksstark turnen lässt. Kuhirt wird in Alsfeld Deutsche Meisterin – völlig überraschend.

Begonnen hat sie mit diesem Sport im Jahr 2001: „Andere gehen erst zum Voltigieren und wechseln dann zum Reiten, ich hab’s umgekehrt gemacht.“ Ende 2005 wechselt sie von Haan nach Köln und schafft den Sprung in den Bundeskader (Mannschaft). Ihr Trainer dort: Welt- und Europameister Kai Vorberg. 2007 wird sie mit der Gruppe nationale Vizemeisterin, ein Jahr später nimmt sich Christine Kuhirt eine Auszeit. Das Studium in Bochum und das nette Leben nebenher ohne den Druck des Leistungssports, „das war mal was Neues“, sagt sie.

Ende 2009 geht’s weiter – bei Stefan Lotzmann im Verein Sankt Hubertus Herne/Bochum-Gerthe. „Ich bin zunächst in der Gruppe mitgelaufen“, sagt Kuhirt – bis Fuzzy kam.

Mit ihm bestätigt sie 2013 und 2014 als DM-Dritte ihre Top-Leistungen und fährt im vergangenen Jahr trotz der Bronzemedaille nicht mit zur Weltmeisterschaft in die Normandie. Bitterer Grund: „Bei ihm wurde ein Einschuss falsch behandelt und stand damit im Doping. Er war fit und drei Monate im Stall.“

Nun setzt die Weltranglisten-Neunte alles auf die Europameisterschaft in der Soers. In zwei Wochen findet die entscheidende Sichtung beim Nationenpreisturnier in Verden statt. Die EM soll der letzte große Höhepunkt im Leistungsbereich werden. „Ich habe den Anspruch, meinen Standard zu halten oder möglichst besser zu werden, aber das ist mit 45 bis 50 Arbeitsstunden in der Woche nicht zu schaffen“, sagt Christine Kuhirt.

Marilyn Monroe das Thema der Kür

Zwei bis drei Einheiten Krafttraining je Woche, dehnen und proben auf dem Holzpferd, zwei- bis dreimal Training auf dem Pferderücken und drei Abende Laufen – so sieht das sportliche Wochenprogramm aus. Aktuell pendelt sie von Werne aus täglich zum elterlichen Betrieb nach Haan – meistens schon in aller Frühe vor Sechs, denn: „Die A43 ist ein Nadelöhr. Ich fahre dann gerne vor dem Stau her.“

Für die Sichtung traut sie sich und Fuzzy eine Menge zu. „Ich habe ein schönes Thema für die Kür“, sagt sie – und strahlt. Marilyn Monroe und die Musik zu ihren Filmen hat sie inspiriert.

Christine Kuhirt zeigt auf dem Smartphone ein Bild vom neuen Turnieroutfit in Anlehnung an ein Kleid aus dem Film „Blondinen bevorzugt“ (1954/Regie: Howard Hawks). Es folgt ein Video von der Trainingspremiere am Dienstag. Die Bilder aus der tristen Reithalle lassen erahnen, dass sie es noch einmal wissen will. Nur eines wird es nicht mehr geben: „Einen Salto als Abgang.“

„Gibt nichts schöneres als diesen Sport“

Warum, das zeigt ein weiteres Foto: Christines Knöchel, angeschwollen fast auf Honigmelonen-Größe, eingefärbt in Rot und Blau. Gottlob ist nichts gerissen. Es ist ein „Andenken“, das sie sich vom Pfingstturnier in Wiesbaden mitgebracht hat. Trotz des Handicaps ist sie optimistisch, dass die Kür bis Verden „sitzen“ wird und sie antreten kann. „Unser Bundes-Physio hat sich das angeguckt und sein Okay gegeben“, sagt Kuhirt.

Sie wird nach dieser Saison wieder mit einer Gruppe antreten – ganz entspannt und zum Spaß, ohne gleich ganz aufhören zu müssen, denn: „Es gibt nun einmal nichts schöneres als diesen Sport.“ Aber sie will einen passenden Abgang vom Spitzensport haben und „nicht denken müssen, hättest du mal besser im letzten Jahr aufgehört.“ Einmal noch soll’s klappen: „Ich bin jetzt das dritte Mal für ein großes Championat nominiert. Und aller guten Dinge sind ja schließlich drei.“ - gu

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare