UN-Sonderbeauftragter im Interview

Lemke: "Das sind keine Putin-Spiele"

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Hat während der Olympischen Spiele nur den sport und nicht die Politik im Blick: Willi Lemke. 

Sotschi - Von Björn Knips. Willi Lemke ist begeistert. Die Olympischen Winterspiele machen dem UN-Sonderbeauftragten Sport richtig viel Spaß. Wenn da nur die Politik nicht wäre.

Die Kritik an Russland hält der 67-jährige Bremer im Moment für unangebracht, denn in Sotschi soll der Sport im Vordergrund stehen. Im Interview verrät der ehrenamtliche Vertreter der Vereinten Nationen auch, was er an Winterspielen ändern würde.

Herr Lemke, wenn man Sie bei den Olympischen Spielen im Fernsehen sieht, dann haben Sie oft Ihr Smartphone in der Hand und filmen. Was machen Sie eigentlich mit den ganzen Filmchen?

Willi Lemke: Ich filme nicht, ich fotografiere. Das ist ein kleines Hobby von mir. Ich kann mich gut an die Szene erinnern, die Sie ansprechen: Da war ich so begeistert, als unser Felix Loch nach seiner Siegfahrt seine Freundin direkt vor meinen Augen küssen wollte. Diesen wunderbaren Glücksmoment musste ich einfach festhalten.

Was ist Ihre Hauptaufgabe als UN-Sonderbeauftragter Sport in Sotschi?

Lemke: In den ersten Tagen war ich Teil der Delegation des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon, der unter anderem an der Sitzung des IOC, dem Fackellauf und der Eröffnung der Spiele teilgenommen hat. Das waren sehr intensive Tage mit vielen Gesprächen mit hochrangigen Vertretern aus Sport und Politik. Jetzt sammle ich weiter Eindrücke und setze diese Gespräche fort. Die Vereinten Nationen arbeiten eng mit dem IOC zusammen und ich freue mich sehr, dass ich dazu beitragen konnte, dass diese Kooperation ausgebaut wurde. Ban Ki-moon ist der erste Generalsekretär der Vereinten Nationen, der bei einer offiziellen Sitzung des IOC gesprochen hat. Das ist schon bemerkenswert.

Auf dem IOC-Kongress hat sich Ban Ki-moon ziemlich deutlich zum Thema Homophobie geäußert und damit die Diskriminierung und Verfolgung von Schwulen und Lesben in Russland angeprangert. Wie ist diese Kritik in Russland angekommen?

Lemke: Das ist beim IOC sehr positiv aufgenommen worden und wurde von niemandem in Frage gestellt – auch von russischer Seite nicht. Wir sind hier bei einem sportlichen Großereignis, niemand wird vor einem Wettkampf gefragt, welcher Religion, welcher Rasse er angehört oder welche sexuellen Vorlieben er hat.

Wenn nicht gerade Olympische Spiele sind, wird das in Russland allerdings anders gelebt.

Lemke: Ja, es gibt ein Gesetz, das Werbung verbietet. Ja, es gibt eine stärkere Homophobie in diesem Land. Aber ich möchte daran erinnern, dass wir in Deutschland auch erst 1994 offiziell den Paragraphen 175 abgeschafft haben. Der hat viele Menschen in Deutschland sehr beeinträchtigt, und das ist nicht lange her. Deswegen finde ich, dass es nicht die richtige Herangehensweise ist, andere Länder für etwas zu verurteilen, was auch im eigenen Land einen langen öffentlichen Prozess benötigt hat. Sport hat die Kraft, positive Werte zu vermitteln und Brücken zu bauen. Er kann ein starkes Instrument zum Kampf gegen Diskriminierung sein. Ich finde es jedoch nicht richtig, wenn sportliche Großereignisse dafür instrumentalisiert werden, einer politischen Agenda zu dienen.

Heißt das: Wo die Spiele stattfinden, zählt nur der Sport, alles andere muss für diesen Zeitraum ausgeblendet werden?

Lemke: Es gibt ganz, ganz viele Länder, auch viele westliche, zu denen mir einige Missstände einfällen. In vielen Sport-Nationen, in denen auch immer wieder große Sportveranstaltungen stattfinden, gibt es Menschenrechtsverstöße. Auch in Deutschland gibt es Probleme, die wir noch verbessern können. Aber die politische Debatten sollen da gehalten werden, wo sie hingehören – zum Beispiel in politischen Foren, Wahlkämpfen, der UN-Generalversammlung oder der Menschenrechtskommission. Der Sport darf dafür nicht benutzt werden. Da habe ich eine ganz klare Position – und die ist identisch mit der des IOC.

Sind es trotzdem nicht die Putin-Spiele geworden, die befürchtet worden sind?

Lemke: Nein, das sind keine Putin-Spiele, sondern ganz tolle, perfekt organisierte Olympische Spiele. Alles, was ich von den Sportlern höre, ist positiv.

Ist der Olympische Geist noch zu spüren oder hat seinen Platz bereits der Kommerz eingenommen?

Lemke: Den Geist spürt man überall – gerade unter den Sportlern. Die Eröffnungsfeier war schon klasse, als die Nationen einliefen, sich später alle umarmten. Die Sportler kommunizieren hier wirklich viel und trösten sich gegenseitig. Das ist einfach toll.

Wenn Sie etwas an Winterspielen ändern könnten, was wäre das?

Lemke: Vielleicht die Entfernung zwischen den Veranstaltungsorten. Vor vier Jahren in Vancouver waren die alpinen Wettbewerbe zwar noch weiter weg, aber auch hier sind es 80, 90 Minuten. Ich würde auch versuchen, an der Kostenschraube zu drehen. Es muss nicht immer alles noch größer, noch aufwendiger sein. Wir brauchen keine Weltrekorde bei den Bauten. Die Sportstätten hier sind gigantisch, aber vielleicht geht es in Zukunft auch etwas einfacher.

Würden Sie sich Olympische Spiele in Deutschland wünschen?

Lemke:  Das Thema Winterspiele ist bei uns ja erst einmal nicht mehr auf der Tagesordnung. Ich war sehr enttäuscht über den Bürgerentscheid in Bayern, aber wir leben in einer Demokratie, da entscheidet die Mehrheit. Aber ich erinnere mal daran: Wir hatten eine grandiose Fußball-Weltmeisterschaft. Das war eine hervorragende Werbung für Deutschland. Ich mag gar nicht daran denken, dass es so etwas hier nicht mehr geben soll. Aber vielleicht finden sich bald mutige Menschen, die die besten Sportler der Welt nach Hamburg oder Berlin einladen wollen.

Schlussfrage: Welches Foto wollen Sie in Sotschi noch schießen?

Lemke (lacht):  Ich habe wirklich schon viele Fotos gemacht, nicht nur von Sportlern, auch von den vielen freiwilligen Helfern. Aber das Fotografieren ist nun wirklich nicht meine Hauptaufgabe, da liegen mir andere Dinge viel mehr am Herzen.

Wie die Annäherung von Südkorea und Nordkorea, die Sie schon länger aktiv vorantreiben?

Lemke: Das ist ein Grund, warum ich hier bin. Hier treffe ich die wichtigsten 200 Sportfunktionäre der Welt. Ich habe schon mit hochrangigen Sportführern aus Nordkorea und Südkorea gesprochen – und ich bin guter Hoffnung, dass wir durch den Sport auf niedriger Ebene einen Dialog vorantreiben können, der Vertrauen für weitere, positive, politische Entwicklungen schafft. Menschen zusammen zu bringen – das ist doch die Olympische Idee.

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