Sportwetten: Deswegen ist das Geschäft mit Fußball-Fans so lukrativ

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Ein Profifußballer vor einer Bandenwerbung für den Sportwettenanbieter "bwin".

Bald beginnt die neue Saison in der Fußball-Bundesliga. Abertausende Menschen werden dann wieder auf die Ergebnisse ihrer Klubs tippen oder darauf, welcher Spieler die nächste gelbe Karte bekommt. Das Problem: Nicht nur, dass die Gefahr für Suchterkrankungen durch Sportwetten weiter ansteigt – diese Wetten sind derzeit eigentlich auch illegal.

Bielefeld – Ilona Füchtenschnieder hat als junge Frau ein wenig für Ewald Lienen geschwärmt. Vielleicht ist der Ex-Profi, der in den späten 1970er Jahren mit seinen langen Haaren und seinem Spitzbart aussah wie eines der drei Musketiere, auch ein Grund dafür, dass die 63-Jährige heute im Besitz einer Dauerkarte von Arminia Bielefeld ist. Dem Verein, bei dem der als intellektuell und rebellisch geltende Lienen einst unter Vertrag gestanden hatte. Die Zeiten von langhaarigen Fußballern, die gegen die Atomkraft protestierten und sich politisch an den linken Rand wagten, sind in diesem Geschäft zwar schon lange vorbei. Doch Ilona Füchtenschnieder geht immer noch gerne zum Fußball. Nicht nur als Fan. Sondern auch in ihrer Funktion als Vorsitzende des Fachverbandes Glücksspielsucht und leitenden Mitarbeiterin der Landeskoordinierungsstelle Glückspielsucht NRW.

Arne Rüger von der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW

Bei einem ihrer Besuche auf der Bielefelder Alm, die jetzt Schüco-Arena heißt und für einen Fensterproduzenten wirbt, sah Füchtenschnieder ein paar junge Männer, die von der Wettfirma „XTiP“ engagiert worden waren und Altersgenossen ansprachen. „Ich habe dann mal auf dummes Blondchen gemacht und gefragt, ob man bei denen was gewinnen kann“, erzählt Füchtenschnieder, eine Frau mit sehr wachen Augen. Wenig später hatte sie jede Menge persönliche Daten abgeliefert und ein Wettkonto aktiviert. Als Dank erhielt sie eine Würstchen-Dauerkarte von „XTiP“, mit der sie im Verlauf der Saison 17 Bratwürste umsonst erhalten hätte. Die Karte liegt jetzt unbenutzt in ihrem Portemonnaie. Dafür meldete Füchtenschnieder die Aktion beim Innenministerium. „Dort fand man das auch nicht lustig“, erzählt sie. Derzeit werde noch ermittelt, ob diese Werbeaktion erlaubt war.

Die Zielgruppe, die die Sportwettenanbieter im Auge haben, ist ziemlich eindeutig: jung, männlich, ein eher geringes Bildungsniveau und gerne auch einen Migrationshintergrund. „Das ist der perfekte Kunde“, sagt Füchtenschnieders Kollege in der Landeskoordinierungsstelle, Arne Rüger: „Das sind die Menschen, die am ehesten Sportwetten-Probleme entwickeln.“

Füchtenschnieder fand nicht nur das Beuteschema der Werber auf der Bielefelder Alm erstaunlich abgeklärt. Gleichzeitig sah sie sich in ihrer These bestätigt, dass diese Menschen von den Wettanbietern gezielt angesprochen werden.

Tipp und Kick: Ilona Füchtenschnieder von der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW.

Das Geschäft mit den Sportwetten boomt in Deutschland, obwohl es immer noch keine juristisch fundierte Grundlage dafür gibt. Streng genommen sind die Tipps in Deutschland noch verboten. Doch können die Firmen seit Jahren in einer Art Grauzone agieren. Insider sprechen von paradiesischen Zuständen für die Wettfirmen.

Im neuen Glücksspiel-Staatsvertrag ab dem kommenden Januar sollen die Sportwetten dann bundesweit zugelassen werden. „Aber nur die Sportwetten“, sagt Füchtenschnieder. Die Diplom-Pädagogin befürchtet allerdings, dass auch bald die Online-Casinos liberalisiert werden. „Das ist aus der Sicht der Sucht-Prävention eine Katastrophe“, sagt sie: „Weil die Strukturen noch nicht aufgebaut sind, die Menschen zu schützen.“

Die Lobby für die Glücksspielindustrie und die Sportwetten-Anbieter ist mittlerweile groß. Unterstützung kommt unter anderem von der deutschen Werbebranche, weil es „für die ein Wahnsinns-Geschäft ist“, wie Füchtenschnieder sagt. Die unzähligen TV-Spots, die seit Jahren zu sehen sind, sind dafür ein Beleg.

Zudem verspreche sich der Staat mehr Steuereinnahmen. 2018 lag das Steueraufkommen aus Sportwetten bundesweit bei 384 Millionen Euro. Ein Anstieg von fast 25 Prozent gegenüber dem Jahr 2016. Zur Zeit zahlen die Wettanbieter einen Steuersatz von fünf Prozent. Der Nutzen für den Staat ist also zunächst einmal enorm. Welchen volkswirtschaftlichen Schaden die Sportwetten anrichten, ist laut Ingo Fiedler, Glücksspielexperte von der Uni Hamburg, nicht exakt zu beziffern. „Das Thema der sozialen Kosten ist derart komplex, dass nicht einfach eine einfache Zahl in den Raum geworfen werden kann“, sagt er auf Anfrage. Dass die Steuereinnahmen und die Schaffung von Arbeitsplätzen den Schaden durch Glücksspiel deckt, muss bezweifelt werden. „Dabei geht es ja nicht nur um die Verschuldung“, sagt Füchtenschnieder: „Bei den betroffenen Menschen gehen Ehen kaputt, es gehen Wohnungen oder Häuser verloren. Die Behandlungskosten sind noch das Geringste.“

„Wir sehen hier manchmal Spielerkonten, da könnte ich nicht mehr ruhig schlafen“, sagt Füchtenschnieder. Letztens habe jemand innerhalb von wenigen Wochen 60 000 Euro verspielt. Online. Und ein Student habe in einer Nacht 8000 Euro verspielt und den verlorenen Einsatz über den Finanzdienstleister Paypal finanziert. „Das sind Schwachstellen, die behoben werden müssen, bevor das Online-Glücksspiel weiter liberalisiert wird“, sagt Füchtenschnieder.

Der Versuch, mit „Oddset“ einen staatlichen Wettanbieter zu etablieren, darf als gescheitert betrachtet werden. „Die Konkurrenz macht den Job einfach besser“, sagt Arne Rüger mit ironischen Unterton. Während „Oddset“ nur Ergebniswetten und vergleichsweise magere Gewinnquoten im Angebot hat, fesseln „Tipico“ und Co. ihre Kunden geradezu vor dem Bildschirm. Man kann auf die nächste Gelbe Karte oder auf den nächsten Einwurf wetten. „Der Spieler ist ständig eingebunden und wird richtig reingezogen“, sagt Rüger. Wenn Füchtenschnieder einen Werbesport von „Tipico“ sieht, in dem der ehemalige National-Torhüter Oliver Kahn verspricht „Hier ist ihr Geld in sicheren Händen“, kann sie nur mit dem Kopf schütteln. Dass sich ausgerechnet ein ehemaliger deutscher Volksheld, der als „Titan“ tituliert wird, für diese Werbung hergibt, leuchtet ihr nicht ein. „Ich finde das ganz traurig. Und ich frage mich, warum hat ein so wohlhabender Mann das nötig, Menschen so in die Irre zu leiten. Menschen, die ihm als Fan folgen.“ Kahn werbe ihrer Meinung nach für einen Anbieter, „der vielen Menschen Elend verursacht“. „Tipico“ sei auf dem Markt sehr aktiv und nicht unproblematisch. Ihr seien aus dem Online-Bereich Spieler bekannt, die dort „in einem Monat ‘zig tausend Euro verspielt hätten“. Und wie schnell kann man in die Sucht abgleiten? „Je jünger, desto schneller“, sagt Rüger: „Bis sich eine regelrechte Suchterkrankung manifestiert, kann das schon fünf oder sechs Jahre dauern. Das ist dann ähnlich wie die Alkoholsucht: Es ist chronisch, man wird es nicht wieder los.“

Problematisch sei auch die Verfügbarkeit der Online-Sportwetten, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche abgeschlossen werden können. „Ich kann im Wartezimmer von meinem Arzt sitzen und noch schnell eine Wette auf ein Volleyball-Spiel in Tadschikistan abschließen“, sagt Rüger. Hinzu komme die so genannte Ereignisfrequenz. „Also die Frage: Wie oft passiert da was?“, so Rüger. Gerade bei Livewetten könne man über das gesamte Spiel Wetten abschließen. Das beeinflusse das Suchtpotenzial enorm.

Wenig plausibel ist für Füchtenschnieder, dass viele der deutschen Profiklubs teilweise lukrative Werbeverträge mit diesen Firmen abgeschlossen haben. So wirbt der Anbieter „Bwin“ in seinen Spots mit Borussia Dortmund, Union Berlin, dem 1. FC Köln und St. Pauli als Partnern. Die Bilder in diesem Spot sind verwackelt, die Farben vergilbt. Vermeintliche Amateuraufnahmen, die die Authentizität und Bodenständigkeit dieses Sports vorgaukeln sollen. Eine Authentizität und Bodenständigkeit, die es heutzutage allerdings nur noch im Amateurbereich des Fußballs gibt.

Viele Profi-Fußballer zocken selbst äußerst gerne. Szenen, in denen die Spieler bei Europapokalreisen am Kofferband am Flughafen hohe Summen darauf wetten, wessen Koffer als erster aus der Luke kommt, sind in der Szene bekannt. Genauso wie andere absurde Wetten. Oft sieht man die Profis auch bei Pokerturnieren. Wenn dann mal eine Geldtasche mit 75 000 Euro aus Versehen im Taxi vergessen wird – wie im Fall des ehemaligen Nationalspielers Max Kruse –, macht das kurz Schlagzeilen. Danach wird der sorglose Umgang mit dem Geld nicht weiter thematisiert. Gerade Leistungssportler neigen sehr stark dazu, Glücksspiel-Probleme zu entwickeln. Das hat damit zu tun, dass sie immer auf Leistung und den Wettbewerb fokussiert sind. „Eine Art von Männlichkeit“, wie Rüger meint.

Für Füchtenschnieder und Rüger ist es so kein Wunder, wenn auch schon mal ein Jugendtrainer für seine Nachwuchsspieler ein paar Online-Wetten abschließt, wie sie es selbst schon erlebt haben. „Eigentlich sollten Sportler gerade für junge Menschen ja eine Vorbildfunktion haben“, sagt Füchtenschnieder. „Aber was ist das für ein Bild, das die Klubs da für junge Menschen abgegeben?“, fragt Füchtenschnieder: „Es entsteht das Gefühl, als handele es sich um ein ganz normales Freizeitangebot. Das es aber nicht ist.“

Der Sport gebe dem Ganzen noch einmal den Anstrich, dass das alles okay sei. „Wenn ein Klub wie der FC Bayern München diese Kooperationen eingeht, dann muss der Fan erst einmal davon ausgehen, dass das so in Ordnung ist. Dann bekommt das ganze Geschäft so einen Saubermann-Anstrich“, sagt Rüger.

So fällt eine Forderung für Ilona Füchtenschnieder und Arne Rüger letztlich recht deutlich aus. Sie sagen: „Wir sind für ein komplettes Werbeverbot für Glücksspiele. Auch das Sportsponsoring muss aufhören. Anders kann man der Situation nicht Herr werden.“ - Jens Greinke

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