Gebremste Vorfreude

Sotschi-Probleme überschatten Einkleidung

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Claudia Nystad (l.) bei der offiziellen Einkleidung der Olympia-Mannschaft

Erding - Terrordrohungen, Horrorszenarien und endlose politische Diskussionen drückten bei der Einkleidung der Olympia-Athleten in Erding auf die Stimmung. DOSB-Boss Hörmann lieferte die bislang heftigste Sotschi-Kritik seiner Amtszeit dazu.

Gebremste Aufbruchstimmung, getrübte Vorfreude und jede Menge Kritik: Auch bei der großen Einkleidung der deutschen Olympia-Athleten drei Wochen vor der Eröffnungsfeier waren die Probleme von Sotschi im tristen Erdinger Fliegerhorst ein beherrschendes Thema.

Neu aufgetauchte Terrordrohungen, frische Horrorszenarien und die endlosen politischen Diskussionen über Wladimir Putins Winterspiele drückten vor den Toren Münchens zusätzlich auf die Stimmung - daran änderte selbst das unter dem Strich aus Athletensicht überaus erfolgreiche Wochenende nichts. Auch Alfons Hörmann vermochte die Stimmung nicht aufzuhellen. Im Gegenteil: Der neue Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) lieferte auf der Veranstaltung die deutlichste Sotschi-Kritik seiner bisherigen Amtszeit.

„Ich kann klar und deutlich sagen: Dass wir aus deutschem Verständnis mit einer solchen Form der Umsetzung von Olympischen Spielen Probleme haben, ist unzweifelhaft“, sagte Hörmann. In Sotschi seien „viele Dinge in einer Art und Weise umgesetzt worden und abgelaufen, die nicht mit unserer Wertevorstellung übereinstimmt“. Sotschi sei „mit westlichen Maßstäben nicht zu messen“.

Mit München 2022 habe man „den Gegenentwurf zu Sotschi“ bieten wollen, „weil wir der festen Überzeugung sind, dass Olympische Spiele in Zukunft anders aussehen müssen“. Eine angestrebte Bewerbung der bayerischen Landeshauptstadt war im vergangenen November aber schon in der Planungsphase an einem negativen Bürgervotum gescheitert. Die Planungen von Sotschi hätte eine Münchner Bewerbung ohnehin nicht mehr beeinflusst. Mit einem Etat von annähernd 40 Milliarden Euro werden die Spiele am Schwarzen Meer (7. bis 23. Februar) die teuersten der Olympiageschichte - Sommerspiele inklusive.

Und sie sind mehr denn je vom Terror bedroht. Die beiden mutmaßlichen Attentäter von Wolgograd kündigten vor ihren Selbstmordanschlägen in einem auf einem bekannten Dschihadisten-Forum veröffentlichten Video Attacken auf die Sportveranstaltung an. Das teilte das auf die Überwachung islamistischer Internetseiten spezialisierte US-Unternehmen SITE mit. „Wir haben ein Geschenk für euch und alle Touristen vorbereitet, die herüberkommen“, heißt es laut SITE in dem Video: „Wenn ihr die Olympischen Spiele abhaltet, werdet ihr ein Geschenk von uns bekommen für das Blut der Muslime, das vergossen wurde.“ US-Spezialisten werteten die Bedrohung als ernst.

Auch der russische Regimekritiker Boris Nemzow steuerte ein weiteres Horrorszenario bei. Pfusch am Bau durch unterbezahlte Arbeiter ist seiner Meinung nach das Hauptproblem. „Ich halte das Risiko, das die Bauwerke darstellen, für größer als die terroristische Bedrohung“, sagte Nemzow der FAZ: „Wenn alle Besucher überleben, ist das ein großer Erfolg. Dies ist kein Scherz. `

Hörmann, der bislang noch nicht vor Ort war, betonte, er werde `vorurteilsfrei, aber mit kritischem Blick“ nach Sotschi reisen. „Äußere Faktoren“ wie Sicherheit oder die Rechtesituation von Homosexuellen seien „für uns alle sensibel wahrzunehmen“. Diese Themen will der DOSB vor Ort „kritisch begleiten“. Im Deutschen Haus in der Bergregion werde man „die Türen für kritische Diskussionen öffnen“.

Die Sportler ließen in Erding die schwierigen Themen am Montag so gut es ging links liegen. „Wir nehmen die ganzen Themen wahr, aber ich bin in erster Linie Sportler und muss mich auf meine Leistung konzentrieren. Ich habe mich vier Jahre lang darauf vorbereitet“, sagte Langläufer Tobias Angerer, der sich am Sonntag quasi in letzter Sekunde für seine vierten Spiele qualifiziert hatte.

Paarläuferin Aljona Savchenko, die mit ihrem Partner Robin Szolkowy trotz der verpatzten Generalprobe bei der EM in Budapest (Kür-Absage wegen Krankheit) in Sotschi Gold gewinnen will, formulierte es noch drastischer: „Was im Hintergrund ist, ist unwichtig.“

Ihr Partner Szolkowy versuchte in der düsteren Fliegerhorst-Halle, die auch die quietschbunten Athletenkleider nicht erhellen konnten, Optimismus zu verbreiten. „Was soll ich mir Gedanken machen. Nach Hause zu fahren, weil ich Angst habe, macht ja keinen Sinn“, sagte der Chemnitzer: „So schlimm wird es schon nicht werden. Es geht um den Sport. Das ist es, was uns interessiert.“

sid

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