200 Kilometer in zwei Tagen

Beinamputierter Stand-up-Paddler Matthias Wagner will gesamte Lippe befahren: „Ganz frisch bin ich echt nicht“

Der beinamputierte Stand-up-Paddler Matthias Wagner will an zwei Tagen die komplette Lippe befahren.
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Der beinamputierte Stand-up-Paddler Matthias Wagner will an zwei Tagen die komplette Lippe befahren.

Für Matthias Wagner ist keine Herausforderung auf seinem Stand-up-Paddle zu groß. Dieses Mal nimmt er sich die Lippe vor. Und er hat viel mehr geplant. Das Besondere dabei: Er hat nur ein Bein.

Wesel – Das Kribbeln war schon viele Tage vorher zu spüren. Es ist so viel, woran Matthias Wagner vor seiner großen Tour denken muss. „Ich habe schon eine Woche vorher zweimal davon geträumt und bin meine Checkliste im Kopf durchgegangen“, erzählt der 38-Jährige. Freudig aufgeregt, nennt er diesen Status. Wie bei einem kleinen Kind vor Weihnachten.

Was sich auf dem ersten Blick vielleicht nach einer großen Reise anhören mag, ist in Wahrheit viel spektakulärer: Wagner fährt mit einem Stand-up-Paddle (SUP) über die Lippe, von der Quelle bis zur Mündung. „Das sind 220 Kilometer, etwa 200 davon sind für mich fahrbar“, erklärt Wagner.

Wer ihn auf dem Wasser beobachtet, dürfte staunen. Denn Wagner hat nur ein Bein, ihm fehlt der linke Unterschenkel. Im Alter von 18 Jahren zog er sich einen simplen Meniskusriss zu. Doch die Schmerzen blieben.

Nach 30 OPs enschied sich Matthias Wagner zur Amputation: „Es war eine Befreiung“

Nach über 30 Operationen und der Diagnose Arthrofibrose, ein unkontrollierter Wuchs des Narbengewebes, entschied sich er sich nach über 15-jähriger Leidenszeit: Das Bein kommt ab. „Als ich nach der Amputation wach geworden bin und die Schmerzen weg waren, habe ich geheult – vor Freude, weil es eine Befreiung war“, sagt Wagner. „Es ist besser als vorher.“ Im Februar 2016 konnte er – mit Spezial-Prothese – wieder laufen, im August ging er wieder arbeiten. Wagner ist Qualitätsmanager und Schweißaufsicht.

Mit der Erkenntnis, besser laufen zu können als vorher, kam auch der Drang, seine neue Leistungsfähigkeit ausnutzen zu wollen. „Viele Menschen richten sich damit ein, behindert zu sein. Dann wird man von Tag zu Tag fauler und bequemer“, sagt der 38-Jährige: „Dagegen möchte ich ankämpfen.“

Viele Menschen richten sich damit ein, behindert zu sein. Dagegen möchte ich ankämpfen.

Matthias Wagner

Was er mit Stand-up-Paddling tut. Täglich trainiert er auf der Lippe in seinem Heimatort Wesel. Dabei stellt er sich immer wieder neuen Herausforderungen: Vor rund zwei Jahren sicherte er sich einen Weltrekord, stand über 24 Stunden am Stück auf dem Brett und sammelte dabei Spenden für ein Sommercamp für Kinder und Jugendliche mit Amputationen.

Mit dem Stand-up-Paddle über die Lippe: Matthias Wagner erhält die Befreiung vom Verbot

Nun also die Lippe. Rund drei Monate dauerte die Vorbereitung. Die größte Herausforderung sei dabei aber nicht das Training gewesen. „Ich habe als Erster überhaupt von allen Landkreisen die Befreiung vom Verbot zur Befahrung der Lippe mit dem SUP erhalten“, erzählt Wagner stolz. Diese Genehmigungen zu bekommen, sei gar nicht so einfach gewesen. Der Bürokratie sei Dank. „Dagegen ist das Training entspannt“, sagt der 38-Jährige lachend.

Matthias Wagner ist auf der Suche nach seinen Grenzen.

Es wird aber viel Neues auf ihn zukommen. Klar, den Teil seiner Trainingsstrecke kennt er. Der Rest ist weitgehend eine große Unbekannte. „Ich habe mich mit Leuten auseinandergesetzt, die dort täglich SUPen und mir Videos von den Abschnitten angeschaut“, erzählt Wagner. Entsprechend habe er Karten dabei, auf denen die Hindernisstellen ersichtlich sind und diese auf sein GPS programmiert. Auf alles könne er sich ohnehin nicht vorbereiten: „Keine Fahrt auf einem Fluss ist wie die vorherige. Es gibt zu viele Faktoren, die sich täglich ändern können.“

Matthias Wagner fährt mit dem SUP über die Lippe: Start in Paderborn

Um 4.30 Uhr soll es am Samstag von Paderborn aus losgehen. Im Raum Lünen an einer Umtragestelle werde er „ein paar Stunden“ schlafen, um am Sonntag zur gleichen Zeit wieder „nach Hause“ aufzubrechen. Die letzten 30 Kilometer sind seine tägliche Trainingsstrecke. „Vom Kreis Unna habe ich die wenigsten Informationen über den Fluss bekommen“, sagt Wagner: „Da ist auf meiner Karte ein großer, schwarzer Fleck, da bin ich total gespannt.“

Warum er das Ganze macht? „Weil ich einen an der Waffel habe, ganz frisch bin ich wahrscheinlich echt nicht“, sagt er lachend. Dabei verfolgt er auch einen ernsten Hintergrund: „Ich möchte einfach zeigen, dass man sich als Mensch mit Handicap nicht verstecken muss.“

Dazu ist es für den 38-Jährigen ein Versuch, seine eigenen Grenzen mit der Behinderung auszutesten. „Die habe ich noch nicht gefunden“, erklärt er. Allein im Bereich Stand-up-Paddling reizen ihn noch zwei Dinge: die 11 City Tour in den Niederlanden und das Yukon River Quest, das wohl härteste Wassersportrennen der Welt. „Das“, sagt Wagner, „wäre die ultimative Herausforderung.“

Doch damit nicht genug. Für das kommende Jahr will er sich im Basejumpen versuchen. Dazu laufen bereits die aerodynamischen Berechnungen an der Prothese. Angst? Nein, die kennt er dabei nicht. „Ich habe noch nie etwas wegen ‚geht nicht‘ abgebrochen“, erzählt Wagner. Sein Motto, auch groß auf seiner Homepage zu lesen: „No limits, no excuses.“: Sprich: Keine Limits, keine Entschuldigungen. Auch die Angst vor tiefem Wasser hält ihn von Aktionen wie der Tour auf der Lippe nicht ab. „Wenn ich nicht reinfalle“, sagt er, „brauche ich keine Angst zu haben.“ Ganz simpel also. 

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