Interview mit Sprinterin Gina Lückenkemper

"Ich fühle mich in Berlin einfach sehr wohl"

Gemeinsam mit Trainer Uli Kunst absolvierte Gina Lückenkemper ein neuntägiges Trainingslager in Südafrika – bei 25 bis 30 Grad eine willkommene Abwechslung zu den winterlichen Temperaturen in Deutschland.

Soest -  Zum Ende des Jahres wurde es für Gina Lückenkemper noch einmal richtig turbulent: Trainingslager in Südafrika, Felix-Verleihung in Dortmund und Interview mit dem Soester Anzeiger.

Weil der TSV Bayer 04 Leverkusen einen neuen Ausrüster bekam und Lückenkemper so nicht mehr in den Outfits ihres persönlichen Ausrüsters hätte starten dürfen, musste sich die Soesterin innerhalb weniger Tage einen neuen Verein suchen. Ende November unterschrieb die 22-Jährige einen Vertrag beim SCC Berlin. Kurz danach ging es für sie zum Trainingslager nach Stellenbosch in Südafrika. In einer Trainingspause nahm sie sich am Mittwoch Zeit für ein Gespräch mit Anzeiger-Mitarbeiter Sebastian Moritz. Seit Donnerstag ist Lückenkemper wieder zurück in Deutschland - am Freitag wurde sie als Sportlerin des Jahres in NRW mit dem Felix ausgezeichnet. 

Wir haben in Soest fünf Grad und etwas Sonne. Was können Sie dagegenhalten? 

Gina Lückenkemper: Gestern waren es 30 Grad, heute sind es etwa 25 Grad. 

Das klingt nach idealen Trainingsbedingungen. 

Lückenkemper: Auf jeden Fall, deshalb sind wir ja auch hier. Es tut dem Körper auch einfach gut, wenn man mal wieder in der Sonne trainieren kann. Da ist man gleich motivierter, die Muskulatur arbeitet besser. Ich hatte insgesamt neun Trainingstage in Südafrika und da waren wirklich einige sehr gute Einheiten dabei. 

Wie weit sind Sie in Ihrer Saisonvorbereitung? 

Lückenkemper: Ich bin noch nicht so weit wie andere Sprinterinnen. Das liegt daran, dass meine Saison relativ lang ging. Ich bin ja im September noch beim ISTAF in Berlin gestartet und habe daher Anfang November erst mit der Vorbereitung begonnen. Tatsächlich hatte ich auch jetzt im Trainingslager zum ersten Mal wieder meine Spikes an. So richtig schnell bin ich aber noch nicht gerannt, wir sind also noch im Aufbau. 

Bis zum ersten Wettkampf der Hallensaison haben Sie aber ja auch noch etwas Zeit. 

Lückenkemper: Das stimmt. Mein erster Wettkampf soll das ISTAF-Indoor Anfang Februar in Berlin sein. Ansonsten plane ich aber auch keine richtige Hallensaison, denn im Endeffekt muss ich erst Anfang Oktober bei der Weltmeisterschaft richtig fit sein. Außerdem haben wir ja im Mai noch die Staffel-Weltmeisterschaft in Japan und da kommt es halt drauf an. 

Das heißt, die Deutsche Hallenmeisterschaft in Leipzig findet unter Umständen auch ohne Sie statt? 

Lückenkemper: Ja, ich denke, dass wir das nach dem Start beim ISTAF in Berlin irgendwann fix machen werden. Ich bin aber ja auch ohnehin nicht so ein großer Fan der Hallensaison, weil mir die 60 Meter einfach zu kurz sind. 

Sie haben die späte Weltmeisterschaft gerade schon angesprochen. Inwiefern macht das die Saisonplanung schwierig? 

Lückenkemper: Es ist schon nicht ganz so einfach, da muss man wirklich intelligent trainieren und auch genug Pausen mit einbauen, denn normalerweise geht so eine Saison bei uns ja maximal bis Anfang September. Jetzt müssen wir im Oktober Bestleistungen bringen. Das wird schon interessant im kommenden Jahr und ich bin mal gespannt, wie viele Athleten damit klarkommen. 

Sie sind viel unterwegs, trainieren mal zu Hause in Soest, mal in Leverkusen oder Dortmund, mal bei Ihrem Freund in Bamberg. Ist es Ihnen eigentlich völlig egal, auf welchem Sportplatz Sie sprinten? 

Lückenkemper: Ich brauche einfach eine Kunststoffbahn, den Startblock habe ich sowieso immer im Kofferraum dabei und dann kann ich auch sehr gut alleine trainieren. Das ist aber auch eine Typ-Frage. Für mich ist es kein Problem, mir auch selbst mal in den Hintern zu treten. Und, wenn es Probleme geben sollte oder ich das Training umstellen möchte, dann rufe ich Uli eben an und spreche mit ihm. Uli Kunst ist Ihr Trainer. 

Wie muss man sich die Leistungskontrolle im Training vorstellen, wenn der Trainer oft gar nicht dabei ist.

Lückenkemper: Für technische Geschichten kann ich immer noch mein Handy hinstellen, die Übung filmen und das Video dann an Uli schicken. Das machen wir relativ häufig so. Ab dem kommenden Jahr starten Sie für den SCC Berlin. 

Ändert sich dadurch etwas an Ihrem Alltag?

Lückenkemper: Nein, für meinen Alltag ändert sich dadurch gar nichts. Im Endeffekt habe ich jetzt nur wieder die gleiche Trikotfarbe wie früher schon in Soest. Ich werde jetzt aber nicht dafür nach Berlin ziehen, das ist derzeit nicht geplant. Wer weiß, wie es in ein paar Jahren aussieht. Ich hoffe aber einfach nur, dass ich in Berlin jetzt meine vereinstechnische Endstation erreicht habe.
Gerne wäre ich auch in Leverkusen geblieben. In dem Umfeld habe ich mich super wohlgefühlt, aber als dort der Ausrüsterwechsel anstand, musste ich eine Lösung finden und die einzige Lösung, die für mich sinnvoll erschein, war eben der SCC Berlin. 

Warum? 

Lückenkemper: Ich fühle mich in Berlin einfach sehr wohl. Die Stadt war im Jahr 2015 unter anderem der Kickoff für meine Profi-Karriere. Und außerdem gefällt mir die Außendarstellung des Vereins, damit kann ich mich gut identifizieren, das war für mich eine Grundvoraussetzung. 

Wie läuft so etwas ab, wenn die schnellste Frau Deutschlands einen neuen Verein sucht? 

Lückenkemper: Ich habe einfach überlegt, welche Vereine es in Deutschland gibt, die erstens zu mir passen und sich das zweitens auch finanziell leisten können. Da war der SCC Berlin der einzige Verein, bei dem ich gesagt habe: „Jawoll, das könnte passen.“ Und dann haben wir das Ganze wirklich innerhalb von zehn Tagen klar gemacht. 

Der SCC Berlin ist die Zukunft, lassen Sie uns noch einmal zurückschauen. Was nehmen Sie mit aus dem Jahr 2018? 

Lückenkemper: 2018 war für mich ein sehr turbulentes Jahr, das sehr viel von meiner Substanz gefordert hat und ich glaube, dass mich das Jahr als Athletin in meinem Auftreten und in meiner ganzen Arbeit einfach noch etwas professioneller gemacht hat. 

Wie macht sich das bemerkbar? 

Lückenkemper: Zum Beispiel in der Medienarbeit. Das Medieninteresse an mir war ja immer schon etwas größer als bei anderen Athleten, aber in diesem Jahr war es echt extrem. Gerade was nach den Medaillen in Berlin los war, das war schon nicht ohne. Ich merke schon, dass ich da mehr in den Fokus gerückt bin. Es interessiert immer mehr Menschen, was ich denn so denke. Das fasziniert mich immer noch, weil ich persönlich immer noch der Meinung bin, dass ich derselbe Mensch bin wie vorher – mit dem Unterschied, dass ich halt etwas schneller renne. 

Was hätte denn in diesem Jahr besser laufen können? 

Lückenkemper: Größtenteils war 2018 glaube ich wirklich ein perfektes Jahr. Wir haben schon viel richtig gemacht. Ich denke, dass wir im kommenden Jahr schon noch einmal eine Verbesserung an meinem Start sehen werden, das haben ja viele Leute nach der Europameisterschaft in Berlin kritisiert. Inzwischen habe ich mir das Video nochmal angeschaut und ich würde sagen: Ich bin nicht schlecht gestartet, sondern einfach nur spät gestartet. Das einzige, das in diesem Jahr nicht so gut lief ist, dass ich schon wieder den Verein wechseln musste.

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