Matthias Herzog über Königsblau

Sportpsychologe analysiert: Schalke gibt den Spielern Alibis

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Frust auf Schalke: Königsblau befindet sich mittem im Abstiegskampf.

Der Trainer steht auf Schalke unter Druck, die Spieler werden öffentlich geschützt. Warum das kontraproduktiv ist, erklärt Sportpsychologe und Mentaltrainer Matthias Herzog.

Schalke 04 steckt mitten in der Krise. Statt Kampf um Europa geht es für Königsblau in der Bundesliga nur noch um den Klassenerhalt. Doch wie konnte es so weit kommen? Im Gespräch mit Marcel Guboff analysiert Sportpsychologe und Mentaltrainer Matthias Herzog das Verhalten und die Aussagen der Schalker Protagonisten.

Vor nicht mal einem Jahr feierte Schalke die Vize-Meisterschaft, jetzt ist Abstiegskampf angesagt. Wie kann so etwas passieren?

Matthias Herzog: Das hängt oft mit einer gewissen Überheblichkeit und Arroganz zusammen. Erfolg macht satt, behäbig und vor allem faul. Diese Anzeichen sind bei den Spielern zu sehen. Anfangs nimmt man das nicht so ernst, wenn die Erfolge ausbleiben. Irgendwann ist man dann mitten im Strudel, nachdem man dachte, 60, 70 Prozent würden reichen, um irgendwie zu gewinnen. Die Spieler meinen, dann Vollgas geben zu können, wenn es darauf ankommt. Aber das funktioniert nicht, weil sie den Schalter nicht einfach umlegen können. Hinzu kommt, dass einige Spieler angefressen sind, weil sie selbst Gas geben, andere aber nur Dienst nach Vorschrift oder noch weniger machen. Das geht natürlich auf die Team-Stimmung.

Und der Erfolg bleibt aus…

Herzog: Ganz genau. Das war bei den Bayern ja auch zu beobachten: Wenn das Team zerbrochen ist, muss es wieder vernünftig zusammengeführt werden. Da ist Domenico Tedesco als Trainer gefordert. Er kommt bei den Spielern wohl oft über das Rationale, gilt als absoluter Perfektionist. Die meisten Spieler kommen aber über die menschliche Ebene – und wenn du die da nicht erreichst, kannst du sie sehr schnell verlieren. Hinzu kommt, dass er diesen Stress aufgrund der fehlenden Erfahrung nicht kennt. Da kann ein Spieler auch mal schnell den Bezug und das Vertrauen verlieren. Das spiegelt sich dann in der Leistung wider.

Heißt es auch, dass viel Theorie, zu viel Korsett die Spieler erdrücken können?

Herzog: Das ist das Guardiola-Phänomen bei Bayern: Du hast den besten Trainer der Welt, gewinnst aber nicht alle drei Titel. Wenn du gerade kreativen Spielern ein Korsett überziehst und sie dann keine spielerische Freiheit haben, weil der Trainer sagt, er denkt für sie, können die Spieler nur ein Bruchteil ihrer möglichen Leistung abrufen. So können sie ihre Stärken vielleicht komplett verlieren. Gerade in Druck-Situationen müssen Fußballer ihre Kreativität entfalten dürfen. Wenn dann noch Angst dazu kommt, zerbricht das gesamte Kartenhaus.

Sportpsychologe und Mentaltrainer Matthias Herzog.

Bei Königsblau muss in dieser Saison zwischen Liga und den Pokal-Wettbewerben einigermaßen differenziert werden. Sollte das Kern-Geschäft Bundesliga nicht motivierend genug sein?

Herzog: Normalerweise sollten Spieler immer von innen heraus motiviert sein, weil sie ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Gut bezahlt werden sie auch noch. Für die Millionen, die sie bekommen, müssten sie sich dreimal die Lunge aus dem Hals kotzen. Das tun sie nicht. Viele Spieler werden mit ihren Profi-Verträgen gemütlich, weil sie zu sehr dem Geld hinterherlaufen anstatt weiter mit Spaß und Freude dabei zu sein. In Pokal und Champions League ist die Motivation eine andere, weil du nach der Vize-Meisterschaft ohnehin nicht mehr erreichen kannst. Und schon gibst du nicht mehr so viel Gas – vor allem wenn du siehst, dass es in der Bundesliga aussichtslos ist.

Schalke hat in den vergangenen Jahren einige Führungsspieler verloren. Wie wichtig sind solche Leader?

Herzog: Es ist extrem wichtig, jemanden zu haben, der einerseits etwas unangenehm für das Team ist, anderseits gerade dann den Kopf hinhält, wenn es mal nicht läuft und die Mannschaft aufweckt. Solche Typen wurden komplett eliminiert, aber diese Typen brauchst du. Gerade die Introvertierten machen ihren Mund nicht auf, weil sie nicht anecken wollen oder sehr harmoniebedürftig sind. Dann zerbricht das komplette Team.

Jochen Schneider hat bei seiner Vorstellung als neuer Sportvorstand den Trainer in die Pflicht genommen und den Druck auf ihn mit der Forderung nach einer Trendwende erhöht, die Mannschaft dabei aber nahezu komplett außen vor gelassen und beinahe geschützt. Der richtige Weg?

Herzog: Du musst die Stimmung bei den Spielern natürlich in gewisser Weise hoch halten, aber in diesem Sinne ist es ja wieder komplett entspannt für sie, weil sie wissen, dass sie keine Verantwortung übernehmen müssen. Schalke gibt ihnen ein Alibi. Sie können sagen, dass es an anderen liege. Da muss ein neuer Manager ganz klar auch die Spieler in die Pflicht nehmen. Es ist gefährlich, wenn es so formuliert wird.

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Man darf und sollte sich Spieler also auch mal öffentlich zur Brust nehmen?

Herzog: Du musst ihnen vermitteln, dass Vertrauen da ist. Aber öffentlich ein bisschen draufhauen und ihren Ehrgeiz zu wecken ist durchaus sinnvoll. Aber man muss es ja nicht so machen wie Thomas Doll in Hannover, der gleich die ganze Mannschaft zerlegt. Das ist dann wiederum kontraproduktiv. Zu erzählen, dass es in der Mannschaft stimmt, jeder aber sieht, dass es nicht so ist, ist fast schon lächerlich. Da muss man echt aufpassen.

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