Große Gesten, kleine Schritte

Defensiv-Rezept hilft dem Patienten in blauweiß

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Da brach einiges hervor: Schalkes Torschütze Klaas-Jan Huntelaar. J

GELSENKIRCHEN - Wenige Sekunden nach seinem ersten Spiel als Cheftrainer des FC Schalke 04 musste Roberto Di Matteo Trost spenden. Der 44-Jährige nahm Salomon Kalou in den Arm, sprach ihm ein paar aufmunternde Worte zu und tätschelte ihn zum Abschluss. Danach blickte Di Matteo hinüber zur Nordkurve, wo seine neuen Spieler ihren 2:0 (1:0)-Sieg über Hertha BSC feierten.

Von Jens Greinke

Dass Di Matteo den Ivorer Kalou, den er vor über zwei Jahren beim FC Chelsea trainiert hatte, derart aufbaute, als stünde er immer noch in seinem eigenen Kader, dürfte viel über den Charakter dieses Mannes aussagen. Es war ein recht große Geste in einer Situation, in der der Italiener genauso gut mit seinen eigenen Spielern den ersten Sieg in seiner ersten Partie als Cheftrainer hätte feiern können. Ein Moment, der den Ruf untermauerte, der dem neuen Schalker Coach voraus geeilt war: Dass er nicht nur „ein guter Trainer, sondern auch ein großartiger Mensch“ sei. Ein Zitat, das übrigens von Kalou selbst stammt.

Clemens Tönnies, Schalkes impulsiver Aufsichtsratsvorsitzender, eilte nach der Partie mit zackigem Schritt von der Ehrentribüne direkt hinunter in die Schalker Mannschaftskabine und tat das, was ein Aufsichtstratsvorsitzender seiner Meinung nach an einem solchen Abend tun sollte: „Ich habe alle abgeklatscht, den Trainer in den Arm genommen und gesagt: Super, weiter so!“

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Tönnies hatte zwar wie jeder andere der 61 973 Augenzeugen von Di Matteos Premiere auf Schalke beobachtet, dass „noch viel Arbeit vor uns liegt, das konnte man sehen“. Gleichzeitig befand der 59-Jährige: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Statistik

FC Schalke 04: Fährmann – Uchida, Höwedes, Ayhan, Fuchs – Neustädter, Aogo – Choupo-Moting (85. Obasi), Boateng (78. Meyer), Draxler (89. Kirchhoff) – Huntelaar

Hertha BSC:  Kraft – Pekarik, Heitinga, Lustenberger (70. Brooks), Schulz – Skjelbred, Hosogai – Beerens, Stocker (72. Haraguchi), Ben–Hatira (60. Wagner) – Kalou

Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg)

Zuschauer:  61 973 (ausverkauft)

Tore:  1:0 Huntelaar (19.), 2:0 Draxler (65.)

Gelbe Karten: Uchida (1) / Ben-Hatira (1)

Ballbesitz in %:  44,8 - 55,2

Torschüsse:  7 - 15

gew. Zweikämpfe in %:  53 - 47

Fouls:  21 - 21 Ecken: 0 - 5

Es war tatsächlich kein berauschender Premierenabend gewesen, doch am Ende zählte erst einmal nur das Ergebnis. „Wir durften heute keine Wunder erwarten. Wir haben einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht“, befand Mannschaftskapitän Benedikt Höwedes, der als Chef einer extrem kompakten Defensive eine äußerst ansprechende Leistung gezeigt hatte, berichtete, dass Di Matteo vor der Partie vor allem die Führungsspieler in die Verantwortung genommen habe.

Dies funktionierte nicht nur bei Höwedes, der seit der WM in Brasilien immer mehr sein Talent und Potenzial ausreizt, sondern auch bei Spielern, wie dem launenhaften Kevin-Prince Boateng oder dem juvenilen Julian Draxler. Boateng zeigte gegen die Hertha eine sehr ansprechende Performance. Und Draxler feierte sogar seinen ersten Pflichtspielerfolg in dieser Saison. Bislang war der 21-jährige sowohl im Klub- als auch im DFB-Trikot sieglos geblieben.

Aus Gründen der Pietät verbaten sich die Schalker Spieler am Samstagabend jedweden Vergleich zwischen ihrem ehemaligen Vorgesetzten Jens Keller und seinem Nachfolger Di Matteo. Doch wie schon in den zurückliegenden Tagen wurde immer wieder deutlich, dass der Neue die Akzente anders und vor allem besser setzt.

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Höwedes sagte, dass die Mannschaft „sehr vielschichtig“ trainiert habe. Die meistgebrauchte Vokabel der Schalker Spieler lautete: kompakt. Das Team hatte sich tatsächlich sehr defensiv präsentiert. In der Rückwärtsbewegung hatten zwei tief stehende Viererketten versucht, Unbill fern zu halten. In der Vorwärtsbewegung schaltete das Team in ein 4-2-3-1-System um. Nicht immer klappte dies reibungslos. Doch die Hertha aus Berlin, die durchaus ambitioniert in Gelsenkirchen antrat, hatte in der Offensive allzu große Mängel, um das Tor von Schalkes Schlussmann Ralf Fährmann ernsthaft in Gefahr zur bringen.

So reichten letztlich ein traumhafter Kopfball von Klaas-Jan Huntelaar (19.) sowie ein abgefälschter Schuss von Julian Draxler (65.), um Roberto Di Matteo den Einstand zu bescheren, den sich auf Schalke alle gewünscht hatten.

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