Schalke bleibt das Team mit den zwei Gesichtern

MÜNCHEN ▪ Natürlich wusste Felix Magath, dass dieser überraschende Triumph beim großen Favoriten FC Bayern München gleich mehrere strategisch wertvolle Aspekte beinhaltete.

Der 57-jährige Trainer des FC Schalke 04 kostete das 1:0 und damit das Erreichen des DFB-Pokalfinales am 21. Mai im Berliner Olympiastadion dann auch genüsslich aus – auf seine Art. Hatte er sich in den vergangenen Tagen und Wochen nach den vielfach enttäuschenden Auftritten in der Bundesliga und der wachsenden öffentlichen Kritik dünnhäutig gezeigt, sprudelte es nun nur so aus ihm heraus. Magath antwortete auch dem wohl 100. Fragesteller, ohne den Eindruck zu vermitteln, alles gesagt zu haben. „Ich bin erleichtert, dass wir es geschafft haben, und froh, dass wir nach Berlin fahren“, sagte Magath immer wieder. Schließlich sei er in den vergangenen Jahren mit Wolfsburg und den Schalkern stets vor dem Endspiel gescheitert.

Auch die Tatsache, dass er ausgerechnet bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, der ihn nach zwei aufeinanderfolgenden Double-Siegen mit Pokal und Meisterschaft beurlaubt hatte, triumphierte, dürfte bei Magath nicht gerade zu Gewissenskonflikten geführt haben. Die innerliche Verzückung über diesen bemerkenswerten sportlichen Erfolg, der nach einem Treffer von Raúl nach 15 Minuten und einer intelligenten sowie taktisch durchdachten Mannschaftsleistung zustande gekommen war, dürfte bei Magath aber noch deutlich größer gewesen sein, als er es ausdrückte. Mit diesem ebenso verdienten wie unerwarteten Schalker Sieg hat sich Magath erst einmal neuen Freiraum im Umfeld aber auch im Klub verschafft, seinen Weg des vollständigen Umbruchs fortzuführen. Nicht wenige Beobachter hatten vorausgesagt, dass sich bei einer Niederlage der interne Gegenwind durch den Aufsichtsrat deutlich verschärfen würde. Diese Entwicklung hat Magath nun erst einmal verhindert. Erfolg ist kaum kritisierbar.

„Wir wollen nun auch in der Bundesliga zeigen, dass wir in der Tabelle noch höher klettern wollen“, sagte Magath – wohl wissend, dass genau hier die Krux liegt. Denn nach positiven Auftritten in den Pokalwettbewerben folgten in der Meisterschaft meist uninspirierte Partien – und Niederlagen. „Man sollte eine Saison nicht voreilig abschreiben, bevor nicht der letzte Schlusspfiff erklungen ist“, sagte Innenverteidiger Christoph Metzelder. Doch weshalb es ihm und seinen Kollegen immer nur außerhalb der Bundesliga gelingt, ihre volle Leistungsfähigkeit zu erreichen, wusste auch er nicht zu beantworten. Die Verwunderung des 30-Jährigen über die zwei völlig unterschiedlichen Gesichter dieser Mannschaft ist ebenfalls groß. Jedenfalls bescheinigte er seinem schon aussortiert geglaubten Kollegen Hans Sarpei, der von Magath überraschend auf der linken Verteidigerposition aufgeboten worden war und Arjen Robben nahezu ausschaltete, „das Comeback des Jahres“.

Die Schalker haben sich noch nach dem Spiel auf den Weg in Richtung Stuttgart gemacht, wo sie morgen gegen den VfB antreten werden. Dort geht es dann für Magath darum, das Eintreten in den Abstiegskampf zu verhindern. Doch er wird sich von seiner Mannschaft wieder einmal überraschen lassen müssen.

JÖRG STROHSCHEIN

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