Schalke-Manager im exklusiven Interview

Heidel: "... dann würde Schalke im Mittelmaß versinken"

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Christian Heidel ist seit der aktuellen Saison Manager von Schalke 04.

Benidorm - Christian Heidel, Manager von Schalke 04, erklärt im Interview, warum er trotz Platz elf eine positive Entwicklung erkennt und er kritisiert die immer kürzer werdenden Pausen wegen unsinniger Turniere.

In einem halben Jahr bei Schalke 04 hat Sportvorstand Christian Heidel schon viel bewegt. Auch wenn es in der Liga sportlich mit Platz elf nicht danach aussieht. Im Interview mit Marcel Guboff erklärt der Manager, warum er trotzdem eine positive Entwicklung bei den Königsblauen erkennt, und er kritisiert die immer kürzer werdenden Pausen für Spieler wegen unsinniger Turniere.

Herr Heidel, in Benidorm ließ es sich in allen Belangen gut aushalten, oder?

Christian Heidel: Die Bedingungen waren super, eine Steigerung ist kaum möglich. Das Wichtigste sind ohnehin nur zwei Dinge: der Trainingsplatz und das Essen. Die Platzverhältnisse sind bestens. Der Trainer ist auch zufrieden. Und ich habe das Gefühl, dass die Fans begeistert sind, weil sie so nah dran sein konnten.

Es könnte also ein Wiedersehen geben?

Heidel: Es könnte durchaus sein, dass wir nicht zum letzten Mal hier waren. Nach dem Trainingslager setzen wir uns immer zu einer Analyse zusammen und schauen, was gut und was schlecht war. Dann entscheiden wir.

Sie konnten hier für sich arbeiten, in Marbella etwa grenzte ja förmlich Mannschaft an Mannschaft.

Heidel: Das ist dann immer so ein Rummelplatz für Spekulationen. Plötzlich werden Berater gesehen, die von Klub zu Klub gehen. Das möchte ich nicht. In Benidorm waren wir ein bisschen abseits, aber das ist absolut okay.

Wie war in den Tagen Ihr Eindruck von der Mannschaft?

Heidel: Gut. Aber mein Eindruck ist nicht so wichtig, sondern der des Trainers. Und der sagt, dass die Jungs sehr engagiert und konzentriert bei der Sache sind. Wenn der Trainer zufrieden ist, bin ich das auch.

Auch die Jungen haben einen guten Eindruck hinterlassen, allen voran Donis Avdijaj. Teilen Sie diese Meinung?

Heidel: Er ist momentan auf dem besten Weg hier auf Schalke. Donis ist ein spezieller Typ und ich mag solche Typen. Bevor ich zu Schalke gekommen bin, habe ich mich intensiv mit ihm beschäftigt und ihn getroffen.. Es war immer viel zu hören, aber mir war es wichtig, einen persönlichen Eindruck von ihm zu bekommen. Er ist ein Typ Straßenfußballer, den man noch führen muss, der aber sicherlich ein überdurchschnittliches Talent hat. Jetzt gilt es, das auf den Platz zu bringen. Er will immer ein bisschen der Spaßvogel sein – soll er auch, so lange er ernsthaft auf dem Rasen arbeitet. Und genau diesen Eindruck habe ich von ihm.

Weil Höwedes und Nastasic fehlten, übernahm Phil Neumann in einem Trainingsspiel den rechten Part in der Dreierkette – unter anderem zur Zufriedenheit von Keeper Ralf Fährmann. Sind sie das auch?

Heidel: Ich muss sagen, dass alle Jungen einen guten Eindruck machen. Phil Neumann ist auch auf einem guten Weg. Wir haben einfach das Problem, dass der Abstand zur zweiten Mannschaft zu groß ist. Da hätte ich gerne mehr Qualität, weil das den Jungs am Ende mehr bringt. Es ist immer schlecht, wenn ein 19-Jähriger auf einem guten Level ist, ihm auf diesem Niveau dann aber die Spielpraxis fehlt.

Umarmung für Konoplyanka - Bilder vom Schalke-Test gegen Oostende

Sie selbst sind jetzt ein halbes Jahr auf Schalke. Wie fällt Ihr persönliches Zwischen-Fazit aus?

Heidel: Man darf nicht alles am Tabellenstand ablesen. Ich habe das Gefühl, dass ich die Leute hier recht schnell verstanden habe. Und ich glaube auch, dass sie mich verstanden haben. Ich fühle mich total wohl. Vorher haben mich alle gewarnt, doch ich habe versucht, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen und bin absolut positiv überrascht worden. Schalke ist ein sehr familiärer Klub, genau wie Mainz 05. Und Schalke ist ein sehr gut organisierter Klub. Die Infrastruktur im Fußball habe ich mir allerdings anders vorgestellt, deswegen verändern wir sie dementsprechend. Was die sportliche Qualität angeht, war mir klar, dass es ein Umbruch ist und eine Entwicklung sein wird. Ich habe niemandem versprochen, dass wir innerhalb von vier Wochen an der Tabellenspitze stehen werden. Umbruch heißt nicht nur, dass Spieler kommen und gehen. Es ist von der gesamten Herangehensweise ein Umbruch. Wir haben neue Trainer, ein neues Ärzte- und ein gesamt neues Management -Team. Auch das sind Dinge, die greifen müssen. Da sind wir trotz Platz elf auf einem guten Weg. Wir haben immer noch alle Chancen, aus dieser Saison eine gute zu machen. 

Was macht Sie so optimistisch, dass es noch ein gutes Ende geben wird?

Heidel: Das, was ich sehe und spüre. Innerhalb des Klubs herrscht eine absolute Ruhe. Auf Schalke ist es extrem wichtig, dass alles stabil und gefestigt ist und dass man sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Auch bei Rückschlägen darf man nicht sofort immer alles anzweifeln und direkt verändern. Wenn man auf Schalke fünf Spiele verliert, diese innere Stabilität aber immer noch da ist, zeigt es, dass wir auf einem guten Weg sind. Wenn all unsere Ideen und Pläne schlecht wären, wäre nichts dabei herausgekommen. Das Interessante ist ja: Trotz Platz elf haben alle dieses gute Gefühl. Das unterscheidet sich zur Vergangenheit. Auch außerhalb des Klubs ist diese Ruhe da, was natürlich nicht dazu führen sollen, dass jeder sagt, alles sei gut trotz dieses elften Platzes. Vielleicht wollte es der liebe Gott so, dass wir mit diesem Start gleich mal auf die Probe gestellt werden. Es ist der Beginn einer guten Entwicklung

Wie haben Sie das geschafft, dass es auf Schalke plötzlich nicht mehr sofort brodelt?

Heidel: Die Unruhe kommt immer von innen. Wenn aus dem Klub etwas nach außen gelangt, wird sofort etwas geschrieben – und dann geht’s los. Daher war es mir ganz wichtig, im Klub das Ohr dafür zu finden, was wir eigentlich vorhaben. Das geht vom Aufsichtsrat über den Vorstand bis hin zu den Mitarbeitern in der Geschäftsstelle und der Mannschaft. Jeder muss ein Gefühl für die Sache bekommen. Wenn aus dem Kreis des Klubs nichts nach außen dringt, haben die Journalisten nichts zu schreiben. Der zweite Aspekt ist Überzeugung. Es hat mich schon ein wenig überrascht, dass nach dem dritten oder vierten verlorenen Spiel selbst die Spieler gesagt haben, diesen Weg weitergehen zu wollen. Sie wollen anders Fußball spielen. Sie wollen gegen den Ball verteidigen und sich nicht mehr bloß zurückziehen. Wir werden Blessuren bekommen, das ist klar. Aber trotzdem fühlen sich die Spieler damit besser als früher. Das alles führte dazu, dass es intern ruhig blieb und draußen nicht unruhig wurde. Die Fans haben ebenfalls dieses Gefühl und offenbar keine Lust mehr, immer alles zu hinterfragen.

Caicara stemmt Avdijaj - Bilder vom Freitag in Benidorm

Die Frage ist, wie lange sich das noch so hält.

Heidel: Dass wir nicht die nächsten fünf Jahre erzählen können, dass wir uns weiterentwickeln wollen, um dann irgendwo im Mittelfeld der Tabelle herumkrebsen, geht natürlich nicht. Dessen sind wir uns bewusst.

Wie viel Zeit braucht so etwas?

Heidel: Wir haben ja Dinge verändert, die kurz- und mittelfristig greifen sollen. Das Kurzfristige ist das Sportliche. Die infrastrukturellen Sachen sind alles mittelfristige Dinge. Wenn wir diese Schritte nicht gemacht hätten, würde Schalke irgendwann im Mittelmaß versinken. Wenn alle anderen Klubs besser aufgestellt sind, wird man das nicht mit höheren Gehaltskosten ausgleichen können. Und das ist keine Kritik an meinen Vorgängern, das war die Einstellung des Klubs. Schalke hat sich immer nur mit der Frage beschäftigt: ‚Wo stehen wir am Ende der Saison?‘ Dabei haben sie aber nicht gemerkt, dass man auch Dinge machen muss, die vielleicht erst zwei, drei Jahre später spürbar sind. Man muss eine Basis legen, das tun wir gerade. 

Inwieweit beeinflusst und erschwert die Unklarheit darüber, ob Schalke im nächsten Jahr europäisch spielt, Ihre Planungen?

Heidel: Diese Unklarheit gibt es doch in diesem Jahr nicht das erste Mal. Business as usual.

Würden Sie im Nachhinein etwas anders machen?

Heidel: Zunächst einmal muss man sich daran gewöhnen, dass jedes Wort, das man sagt, bundesweit transportiert wird. Das war in Mainz nicht so extrem. Bei der Arbeit im Klub gibt es keinen großen Unterschied. Aber ich werde immer wieder gefragt, ob wir das im Sommer mit dem Transfer von Leroy Sane hätten anders regeln können. Ehrlich gesagt habe ich nur eine Lösung gefunden, aber die hätte Schalke 15 Millionen Euro gekostet. Wir hätten mit Manchester City früher abschließen können. Hätte ich bei 32 Millionen Euro abgeschlossen, hätte ich vielleicht die eine oder andere Personalentscheidung früher treffen können, hätte dann aber wesentlich weniger Geld zur Verfügung gehabt. Wir hätten die Mannschaft früher zusammenbekommen, aber das war wirtschaftlich nicht machbar. Ohne diese Sicherheit, dass das Geld von Manchester City kommt, hatte ich keine Chance.

Bei Sead Kolasinac deutet sich eine Verlängerung seines im Sommer auslaufenden Vertrags an. Bei Eric Maxim Choupo-Moting scheint das wohl noch etwas dauern. 

Heidel: Wir sind im Gespräch. Ich kenne ihn schon sehr lange. Es gab noch nie einen Vertrag, den er verlängert hat – was nicht heißen muss, dass es diesmal auch so passiert. Aber ich bin noch nicht in der Phase, in der ich Druck ausübe. Uns ist die Vertragssituation bewusst. Choupo ist ein guter Typ und ein guter Spieler, aber es gehören immer zwei Parteien dazu.

Die Vorbereitungszeit ist diesmal recht kurz. Kann das auch von Vorteil sein?

Heidel: Eine Pause von vier Wochen würde allen gut tun. Bei der Kürze dieser Pause können die Jungs gar nicht herunterfahren. Viele weisen darauf hin, dass es das in Spanien und England überhaupt nicht gibt. Aber deswegen muss es ja nicht besser sein. Die Fußballer und alle drumherum sollten auch mal zehn, zwölf Tage komplett abschalten können. Ich war auch acht Tage im Urlaub, du musst einfach mal den Kopf freibekommen. Das ist bei jedem so, warum soll das im Fußball-Geschäft nicht genauso sein?

Zumal die Pausen vor allem für die Spieler immer kürzer werden, weil im Grunde jedes Jahr ein Turnier mit den Nationalmannschaften ansteht.. Dieses Jahr ist es der Confed-Cup.

Heidel: Ein völlig überflüssiges Turnier. Wenn mir mal bitte einer mal den Confed-Cup erklären könnte. Das ist ein Vorbereitungsturnier für eine WM. Irgendwann machen wir noch ein Vorbereitungsturnier für den Confed-Cup. Das interessiert wirklich niemanden. Das ist ja eigentlich dafür gedacht um zu schauen, ob das Gastgeberland der nächsten WM organisatorisch alles im Griff hat. Da merkt man mal, wo wir langsam hinkommen. Es testet ja auch niemand im Vorfeld, ob das Oktoberfest funktioniert. Eine WM ist immer das gleiche. In meinen Augen ist so etwas kompletter Unsinn. Die Verbände schicken ja nicht mal ihre ersten Mannschaften zum Confed-Cup, da geht es nur ums Geld verdienen. Auch für die Entscheidung das WM-Teilnehmerfeld aufzustocken, fehlt mir jedes Verständnis. Eine WM ist das Turnier der besten Mannschaften der Welt. Inzwischen sind wir so weit, dass 25 Prozent aller Länder auf unserem Planeten da mitspielen sollen. Da können sie ja gleich alle mitspielen lassen.

Werden die Spieler so nicht auch verheizt?

Heidel: Absolut, aber das betrifft ja nicht nur die Spieler aus Deutschland und Europa. In Afrika spielen sie alle zwei Jahre den Afrika-Cup – und das auch noch mitten im europäischen Winter. Die Jungs sind vier Wochen weg, werden von uns bezahlt und kommen im schlimmsten Fall verletzt zurück. Und dann findet dieses Turnier auch noch alle 24 Monate statt. Das ist ein Unding.

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