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Hasenhüttl erklärt "Meilenstein BVB" und wie RB die Liga bereichert

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Von: Marcel Guboff

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Trainer Ralph Hasenhüttl wechselte im Sommer vom FC Ingolstadt zu RB Leipzig. © dpa

Leipzig/Gelsenkirchen - Ralph Hasenhüttl spricht im WA-Interview über den Höhenflug von RB Leipzig, die Akzeptanz in der Liga und über den kommenden Gegner Schalke 04.

Von dieser Entwicklung ist selbst Ralph Hasenhüttl überrascht. Der Trainer von RB Leipzig ist aktuell mit seiner Mannschaft das Maß der Dinge in der Bundesliga und steht mit 30 Punkten an der Tabellenspitze. Vor dem Top-Spiel am Samstag gegen Schalke 04 (18.30 Uhr bei uns im Live-Ticker) sprach Marcel Guboff mit dem 49-jährigen Österreicher über den Erfolg des Aufsteigers, Philosophie, Akzeptanz und die kommende Aufgabe.

Herr Hasenhüttl, schon gut eingelebt in Leipzig?

Ralph Hasenhüttl: Ich bin ja schon eine Zeit lang hier, die Phase des Einlebens ist schon vorüber. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Hatten Sie den auch die Möglichkeit, sich die Stadt genauer anzusehen?

Hasenhüttl: Ich kannte Leipzig schon, ich habe hier meinen B-Trainer-Schein gemacht. Aber klar ist es noch einmal ein Unterschied, wenn man hier wohnt.

Gab es denn schon die Gelegenheit, um mal für den passenden Moment nach dem Rathaus-Balkon zu schauen?

Hasenhüttl (lacht): Passend wofür?

Je nachdem, ob im Mai eine gewisse Feier auf Sie zukommt… 

Hasenhüttl: Also ich stand vor einigen Tagen erst darunter, als ich auf dem Weihnachtsmarkt war.

Mal im Ernst: Wie überrascht sind Sie, wenn Sie aktuell auf die Tabelle schauen?

Hasenhüttl: Dass wir das so gut machen, ist schon eine große Überraschung. Wir hören von allen Seiten, was wir für Möglichkeiten haben und dass wir kein normaler Aufsteiger sind – das mag alles stimmen. Aber es ist trotzdem so, dass wir aktuell mit neun Spielern aus der Mannschaft auflaufen, die letztes Jahr in der Zweiten Liga Zweiter geworden ist.

Im Zusammenhang mit Überraschung meinte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl jüngst, dass es eben keine sei, da Leipzig in den vergangenen drei Jahren rund 100 Millionen Euro in den Kader investiert habe.

Hasenhüttl: Das ändert nichts an der Tatsache, dass wir das jüngste Team mit der wenigsten Bundesliga-Erfahrung haben. Zudem haben wir einen klaren Salary Cap und bewegen uns mit den Gehältern im Mittelfeld der Liga. Ich kann mich auch noch an viele Unkenrufe erinnern, die uns prophezeit haben: 'Nur mit jungen Spielern geht es nicht.' Wir haben uns im Sommer sehr gewissenhaft verstärkt, aber keine verrückten Dinge gemacht. Wir wollten junge Spieler haben, bei denen wir das Gefühl haben, dass da noch viel Entwicklungspotenzial vorhanden ist. Dementsprechend versuchen wir einen nachhaltigen Weg zu gehen mit Transfers, die Marktwerte und somit auch Kapital schaffen, indem sie bei uns besser werden.

"Unsere DNA ist deutlich erkennbar"

Ist Timo Werner ein gutes Beispiel für diesen Weg?

Hasenhüttl: Ja. Wir haben eine klare Philosophie im Verein genauso wie eine klare Art, Fußball zu spielen. Die DNA von unserem Stil ist deutlich erkennbar. Ich als Trainer habe immer versucht, meine Mannschaft einen leidenschaftlichen Fußball spielen zu lassen. Dazu kommt nun, dass wir aktuell viel fußballerische Qualität in unseren Reihen haben.

Hat diese größere Qualität bei den Spielern auch etwas in Ihrer Arbeit geändert?

Hasenhüttl: Die Arbeit gegen den Ball ist nach wie vor im Mittelpunkt unseres Handelns. Das war schon in Ingolstadt so und dort mit ein Grund unseres Erfolgs. Aber im Ballbesitz haben wir hier natürlich viel mehr Möglichkeiten.

Sie standen schon immer für harte Arbeit und Bodenständigkeit. Das passt trotz aller vorhandenen Mittel auch zu Leipzig?

Hasenhüttl: Absolut. Wir versuchen, nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz dafür zu sorgen, dass die jungen Spieler eine tolle Entwicklung nehmen. Wir gehen mit unseren Ressourcen sehr nachhaltig um und geben den Jungs mit, wie wichtig es ist, nicht laut zu tönen, sondern am besten mit guten Leistungen auf sich aufmerksam zu machen. Darüber schaffst du dir am meisten Identität. Die Spieler, die bei uns sind, leben und verinnerlichen das.

"Akzeptanz wird bundesweit immer größer"

Trotzdem hat Ihr Klub mit Akzeptanz zu kämpfen. Es gibt immer wieder Boykotts oder Proteste. Die Schalker Fans reisen am Samstag etwa in Regenjacken mit der Aufschrift „Kumpel- und Malocherklub“ an. Sie sind demnach also kein „Kumpel- und Malocherklub“?

Hasenhüttl: Erst einmal freue ich mich, dass der Fan-Block komplett ausverkauft ist, da wir in unserem Stadion bislang immer Fußball-Feste hatten – auch mit den gegnerischen Fans. Ich kann versprechen, dass unsere Fans alle sehr herzlich empfangen werden und nach dem Spiel alle zusammen feiern. So wie das gegen Dortmund der Fall war, war das schon sehr beeindruckend. Die Akzeptanz ist ab

Das Leipziger Erfolgs-Duo: Sportdirektor Ralf Rangnick und Trainer Ralph Hasenhüttl.
Das Leipziger Erfolgs-Duo: Sportdirektor Ralf Rangnick und Trainer Ralph Hasenhüttl. © dpa

solut da. Mittlerweile hat man schon gemerkt, was wir für ein Verein sind und dass wir versuchen, mit allen respektvoll umzugehen und mit unserem Auftreten auf und neben dem Platz auch immer mehr Sympathien gewinnen. Uns müssen nicht alle lieben, das ist sowieso nicht möglich und auch nicht unsere Intention. Aber uns Respekt entgegenzubringen und eine Rivalität auf eine sportliche Ebene zu reduzieren ist das, was weiterhin im Vordergrund stehen sollte.

Täuscht der Eindruck, dass Sie mit Ihrer Art, Fußball zu spielen, schon ein bisschen mehr Akzeptanz gewonnen haben?

Hasenhüttl: Ein 'bisschen' finde ich fast ein bisschen untertrieben, weil wir in den letzten Wochen so viel positiven Zuspruch bekommen haben, dass wir eine absolute Bereicherung für die Bundesliga darstellen. Die Negativ-Äußerungen werden immer weniger, die Akzeptanz bundesweit immer größer.

Trotzdem wird dem Klub immer wieder mit fehlender Tradition konfrontiert.

Hasenhüttl: Stimmt. Aber es gibt in der Bundesliga tatsächlich Vereine, die wenig Tradition haben. Ich kam von einem, der genauso wenig hatte. Doch gerade das macht die Bundesliga so bunt, dass man eben nicht nur Alteingesessenes hat. Es ist wichtig, dass auch mal ein bisschen frisches Blut dazukommt. Das macht die Liga noch eine Spur interessanter und abwechslungsreicher. Es sind sportlich alle gefordert, ans Maximum zu gehen. Das kann nur gut sein.

Leipzig schreibt neue Fußball-Geschichte

Und Tradition lässt sich ja aufbauen.

Hasenhüttl: Wir sind gerade dabei, in Leipzig eine neue Fußball-Geschichte zu schreiben. Wir hatten hier eine Generation, die fast überhaupt nichts mit Bundesliga-Fußball zu tun hatte. Jetzt wächst eine neue Generation mit RB Leipzig auf, und die Menschen hier sind sehr stolz, dass es endlich mal wieder ein Verein aus dem Osten geschafft hat, in die Bundesliga aufzusteigen und dort mitzuhalten.

Das scheint auch bei den Spielern anzukommen. Timo Werner soll auf angebliches Interesse von Lazio Rom oder dem FC Bayern gesagt haben, dass er ja blöd wäre, woanders hinzugehen, weil sich ein Spieler nirgendwo anders besser fühlen würde.

Hasenhüttl: Das spricht für sich. Viele andere Spieler würden sicherlich ähnlich antworten. Sie wissen, was sie an uns haben un

Timo Werner ist mit sieben Treffern aktuell erfolgreichster Torschütze bei RB Leipzig.
Timo Werner ist mit sieben Treffern aktuell erfolgreichster Torschütze bei RB Leipzig. © dpa

d welche Atmosphäre hier herrscht. Deswegen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass jetzt irgendeiner sagt: 'Es war schön hier, aber ich suche mir jetzt etwas anderes.' Viel besser als bei uns geht es aktuell kaum und wir sind ein Verein der Zukunft.

Was macht es denn so besonders?

Hasenhüttl: Zunächst einmal haben wir eine tolle Truppe, der es wahnsinnig viel Spaß macht zuzuschauen. Und dann haben wir eine Mannschaft hinter dieser Mannschaft, die alles dafür tut, um erfolgreich zu sein und den Jungs jede Unterstützung gibt, die sie brauchen. Die jungen Spieler sind bereit, mit uns die nächsten Schritte zu gehen. Unsere Entwicklungsgeschichte ist für mich derzeit mit das Spannendste, was es in der Bundesliga gibt. Und sie ist hoffentlich noch lange nicht zu Ende.

Aber Erfolg weckt bekanntlich Begehrlichkeiten. Da besteht auch mal die Gefahr, dass einige Top-Klubs auf Ihre Spieler aufmerksam werden.

Hasenhüttl: Die Gefahr sehe ich aktuell nicht, da wir nicht gezwungen sind, Spieler verkaufen zu müssen. Generell wäre aber auch das nicht so schlimm, weil wir unserer Philosophie immer treu bleiben und nur junge, entwicklungsfähige Spieler verpflichten werden. Wir holen keine Spieler, die utopisch teuer sind. Wenn irgendjemand der Meinung ist, er muss woanders hin, dann werden wir versuchen, den Abgang mit einem neuen jungen Spieler zu kompensieren. Dann werden wir wieder versuchen, die Hardware mit der nötigen Software, die hier vorherrscht, zu bespielen, damit er eine ähnliche Entwicklung nimmt.

"Will mit Leipzig international spielen"

Wie sehen denn Ihre persönlichen Ziele mit Leipzig aus?

Hasenhüttl: Ich will den Verein in der Bundesliga etablieren. Dann schauen wir weiter, in welche Richtung es geht. Natürlich wollen wir irgendwann mal mit Leipzig international spielen. Ob das in diesem Jahr schon gelingt, wissen wir nicht. Ich habe hier in Leipzig einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben und möchte die Mannschaft weiterentwickeln und mit ihr in der Region viel Freude vermitteln.

Sie haben bereits am 2. Spieltag gegen den BVB, eine Top-Mannschaft der Liga, einen Sieg eingefahren. Inwiefern gab Ihnen das noch einmal wichtige Impulse für die Entwicklung?

Hasenhüttl: Es war mehr als ein kleiner Reiz. Es war die erste richtige Bestätigung dafür, dass das, was wir spielen wollen, auch gegen Top-Mannschaften in der Bundesliga funktioniert. Es war ein immens wichtiger Sieg, um den Jungs das zu verdeutlichen. Nach diesem Meilenstein wurde die Mannschaft selbstsicherer. Aber wir sind nicht die einzigen in der Saison, die es gut machen. Köln, Hertha, Hoffenheim oder Frankfurt sind aktuell ein bisschen in unserem Windschatten, weil die Aufmerksamkeit aufgrund der Tabellenführung zu großen Teilen auf uns gerichtet wird. Aber wir sollten nicht vergessen, dass auch woanders sehr gut gearbeitet wird.

Sie sind neben Hoffenheim das einzige Team, das noch ungeschlagen ist. Wer kann RB stoppen?

Hasenhüttl: Jeder. Wenn wir es nicht gut machen und nur einen Millimeter nachlassen, werden vor allem enge Spiele auch mal auf die andere Seite kippen. Das wollen wir mit aller Macht verhindern. Deswegen gilt es, bis zum 34. Spieltag dranzubleiben.

Wie können Sie denn verhindern, dass der Mannschaft durch all die Euphorie eine gewisse Leichtigkeit abhanden kommt?

Hasenhüttl: Wenn ich etwas kann, dann auf die Euphorie-Bremse zu treten. Daher habe ich keine Angst, dass wir in irgendwelche Sphären abheben. Wir sind nach wie vor sehr kritisch mit unserer Leistung. Wir versuchen, aus jedem Spiel die richtigen Schlüsse zu ziehen, um besser zu werden. Gelobt werden wir momentan von Außen genug, deswegen ist es für uns Verantwortliche enorm wichtig, dass wir die Spiele nüchtern und auch losgelöst vom Ergebnis betrachten. Wir können nicht wegdiskutieren, dass vieles gut läuft. Wir müssen uns aber auch an den Dingen, die noch nicht ganz so gut laufen, orientieren.

"Das perfekte Spiel gibt es nicht"

Sie sehen also noch viel Luft nach oben?

Hasenhüttl: Das perfekte Spiel gibt es nicht. Wir dürfen eines nicht vergessen: Fußball-Mannschaften funktionieren nicht wie Maschinen. Nur weil sie einmal laufen, laufen sie nicht ewig. Wenn man nicht ständig korrigiert und die Mannschaft auf den Weg bringt, den wir wollen, dann hat ein Fußballer immer die Tendenz, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.

Ihr nächster Gegner Schalke 04 ist anders als Sie schlecht in die Saison gestartet. Waren Sie überrascht?

Hasenhüttl: Das hat uns alle überrascht. Es war sehr unglücklich, wie das eine oder andere Spiel gelaufen ist. Der neue Trainer war dadurch sehr schnell in der Kritik, aber man braucht immer auch etwas Zeit, um sich zurechtzufinden. Das hätte uns genauso treffen können: Mal angenommen, wir hätten das erste Spiel in Hoffenheim verloren. Das folgende Heimspiel gegen Dortmund musst du auch nicht unbedingt gewinnen - und plötzlich stehst du mit null Punkten da. Das ist ein ganz schmaler Grat. Man hat trotzdem immer gesehen, dass Markus Weinzierl ein hervorragender Trainer ist. Zu Beginn ist die Mannschaft da unter Wert verkauft worden. Jetzt hat sie gezeigt, was in ihr steckt und hat eine beeindruckende Serie hingelegt.

Wie wichtig ist es für Trainer und Spieler in einer solchen Situation, dass im Klub Ruhe herrscht?

Hasenhüttl: Das ist mit das Wichtigste. Ohne Ruhe ist keine nachhaltige Entwicklung möglich. Das ist auch eine Verantwortung, die die sportliche Führung hat: dafür zu sorgen, dass das Trainerteam auch bei einer kurzen Misserfolgsphase in Ruhe weiterarbeiten kann.

Im direkten Duell kommt jetzt darauf an, wer den besseren Lauf hat?

Hasenhüttl: In diesem absoluten Top-Spiel kommt es darauf an, wer es besser macht, ein bisschen mehr von seinem Spiel auf den Platz bekommt und mit mehr Willen den Sieg auf seine Seite zieht. Das wollen mit aller Macht wir sein.

Was macht das Schalker Spiel aus, worauf Sie besonders achten müssen?

Hasenhüttl: Sie haben ein gutes Umschaltspiel und zuletzt gegen Darmstadt einen Rückstand gedreht. Schalke hat viel individuelle Qualität in seinen Reihen. Defensiv stehen sie auch gut, von daher wird es ein richtig dickes Brett, das wir bohren müssen. Wir brauchen eine absolute Top-Leistung.

Was trauen Sie Schalke in diesem Jahr generell noch zu?

Hasenhüttl: Diese 15 Punkte, die sie zu Beginn verloren haben, tun natürlich weh. Aber wenn sie so weiter machen, werden sie ihre Ziele erreichen und im nächsten Jahr wieder international spielen.

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