Schalke-Keeper im Interview

Fährmann: Uns ist der Arsch auf Grundeis gegangen

+
Er weiß, wo es auf Schalke lang geht: Ralf Fährmann gehört zu den populärsten Spielern der Königsblauen.

Gelsenkirchen - Schalkes Keeper Ralf Fährmann spricht im Interview über die besondere Mentalität im Ruhrgebiet, den großen Umbruch auf Schalke und die Kritik von Jens Lehmann.

Er ist zwar nicht auf Kohle geboren, doch wird als ehrlicher Malocher schon lange verehrt: Ralf Fährmann stellt sozusagen den Prototypen des idealen Schalke-Profis dar. Der 27-Jährige gilt in Gelsenkirchen als Sympathieträger und im deutschen Fußball als einer der besten Torhüter. Jens Greinke und Marcel Guboff unterhielten sich mit dem gebürtigen Chemnitzer unter anderem über die besondere Mentalität im Ruhrgebiet und den großen Umbruch auf Schalke.

Gerade hält sich die Nationalmannschaft in Italien auf. Wie gerne wären Sie dabei? 

Ralf Fährmann: Natürlich ist das ein Traum, dabei zu sein. Weil es meiner Meinung nach eine absolute Ehre ist, sein Land vertreten zu dürfen. Aber es ist nun mal nicht so, ich bin hier im schönen Gelsenkirchen (Anm. der Red.: Fährmann zeigt auf die Regentropfen am Fenster und grinst). Ich wäre gerne dabei, aber es ist nicht so, dass es mich runterzieht oder traurig macht. Ich werde auch nie einer sein, der versucht, sich in die Nationalmannschaft zu reden. Ich werde einfach bestrebt sein, über einen langen Zeitraum Woche für Woche konstant gute Leistung zu bringen. 

Also haben Sie die Hoffnung auf eine Nominierung noch nicht aufgegeben? 

Fährmann: Nein, auf keinen Fall. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich arbeite täglich dafür, dass sich dieser Traum irgendwann einmal erfüllt. 

Es gab kritische Äußerungen von Ex-Nationalkeeper Jens Lehmann über Sie, der behauptet hatte, Sie seien zu negativ eingestellt, um Manuel Neuer im DFB-Tor Konkurrenz zu machen. Haben Sie das verstanden? 

Fährmann: Mein Bruder hat da spaßeshalber gesagt: Vielleicht solltest du einfach mal mit dem Helikopter zum Training kommen (lacht). Aber im Ernst: Jeder, der mich kennt, der weiß, dass ich nicht negativ bin. Wie Jens Lehmann das genau gemeint hat, weiß ich nicht. Wir haben uns noch nie unter vier Augen unterhalten. Aber es ist sein gutes Recht, sich öffentlich zu äußern. Letztlich habe ich jedoch müde darüber gelächelt. 

Tut Ihnen die Länderspielpause gerade gut? Oder ist es ärgerlich, dass nach der guten Serie von neun Pflichtspielen in Folge ohne Niederlage diese Unterbrechung kam? 

Fährmann: Wir haben zuletzt alle zwei, drei Tage gespielt und waren permanent unter Zugzwang nach dem schlechten Liga-Start. In dieser Zeit hat man wirklich seine Körner gelassen. 

Wie macht sich das bemerkbar? 

Fährmann: Man ist einfach erschöpft. Nicht körperlich. Man ist vom Kopf her ein bisschen platt. Sich jeden Tag aufs Neue zu motivieren, das fällt in so einer Phase manchmal schwer, weil es hart und anstrengend ist. So eine Länderspielpause ist deshalb gut, weil die Nationalspieler aus dem normalen Alltag raus sind und mal etwas anderes sehen. Und die, die da geblieben sind, haben jetzt am Wochenende zum Beispiel frei, können abschalten und den Akku wieder aufladen. Wir haben die ersten Spiele schlichtweg vergeigt und müssen unsere Aufholjagd bis Weihnachten fortsetzen. Dafür brauchen wir Kraft. 

Wie nutzen Sie die freie Zeit? 

Fährmann: Ich werde nach Chemnitz zu meiner Familie fahren. Während der letzten Länderspielpause war ich mit meiner Frau in London. 

Sie kommen aus Chemnitz, gelten aber mittlerweile als echter Schalker. Wie haben Sie das geschafft? 

Fährmann: Erst war ich Fan vom FC Schalke 04, dann bin ich in den Verein quasi hinein gewachsen. Ich glaube, viele Menschen wissen, dass ich mir darüber im klaren bin, dass vieles im Leben eines Fußballprofis nicht selbstverständlich ist. Dass man dankbar sein muss für das, was man jeden Tag erleben darf. Es war früher immer mein Traum, Profi zu sein. Jetzt bin ich das – und dann noch auf Schalke. Das ist einfach ein wahnsinniges Gefühl. Die Menschen hier aus der Region sind sehr geerdet, wissen auch Kleinigkeiten zu schätzen. Sie verlieren das Positive nicht aus den Augen, selbst wenn die Zeiten schwierig sind. Ich denke, dass ich den Menschen hier vermittelt habe, dass ich diesen Verein wirklich lebe. Deshalb habe ich auch meinen Vertrag vorzeitig bis 2020 verlängert – ohne dabei auf viele Klauseln zu pochen, denn ich weiß einfach, was mich glücklich macht. Ich glaube, das ist das, was die Fans an mir schätzen. Ich bin privat ein ganz Ruhiger und möchte auch zuhause in Recklinghausen am liebsten als ganz normaler Nachbar wahrgenommen werden. Der bin ich nämlich auch. Manchmal ist es für Außenstehende schwer, sich vorzustellen, dass man als Fußballprofi ein normaler Nachbar sein kann. 

Sie verdienen verhältnismäßig sehr viel Geld und genießen viele Privilegien. 

Fährmann: Ja, da stimmt. Aber ich glaube, dass es sehr wichtig ist, welche Menschen man um sich herum hat, weil diese auf dich abfärben. Wenn man sich seine Freunde behutsam aussucht, dann erdet das einfach. Mein Papa war lange Jahre als Maurer und im Straßenbau tätig. Meine Mama hat als Sekretärin und als Putzfrau gearbeitet. Meine Frau kommt aus Herne und ist Physiotherapeutin. Da wird man schnell auf den Boden zurückgeholt, wenn es sein muss. Da gibt es für mich keinen Grund abzuheben. Ich bin ein ganz normaler Mensch, ich esse meine Gummibärchen und trinke auch mal ein Bierchen. 

Sie haben Ihre Frau während einer Ihrer Verletzungsphasen kennengelernt. 

Fährmann: So ist das Leben manchmal. Da fragst du dich erst, womit hast du das verdient? Und dann findest du in so einer Phase das Glück im Unglück. 

Zur sportlichen Situation auf Schalke. Was ist in den ersten fünf Liga-Spielen, die allesamt verloren wurden, schief gelaufen? 

Die WA-Redakteure Jens Greinke (von links) und Marcel Guboff im Gespräch mit Schalkes Keeper Ralf Fährmann.

Fährmann: Wir waren in einer Findungsphase. In der wir übrigens immer noch sind, auch wenn wir gerade einen guten Lauf haben. Wir wurden am Anfang brutal bestraft für die Fehler, die wir gemacht haben. Gefühlt war jede Chance des Gegners auch ein Gegentor. Wir haben uns dann immer mehr verzettelt und den Plan des Trainers nicht immer erfüllt. Und wenn ein, zwei, drei Spiele verloren gehen, dann steckt man in einem Sumpf, aus dem man sich wieder befreien muss. Das ist uns glücklicherweise noch rechtzeitig gelungen, auch wenn uns in dieser Phase – na ja – der Arsch auf Grundeis gegangen ist. Wir müssen jetzt weiter von Spiel zu Spiel schauen, auch wenn das abgedroschen klingt. Wir müssen jetzt jedes Spiel 110 Prozent geben. Jeder von uns wird bis zu seiner letzten Grenze gehen müssen. 

Zumal derzeit ersichtlich wird, wie schwer so eine Aufholjagd ist, oder?

Fährmann: Genau. Das Gute ist, dass wir in der Europa League die K.o.-Runde bereits erreicht haben. Jetzt hat bis Weihnachten die Bundesliga absolute Priorität. Die Spiele gegen Leipzig, Wolfsburg und gegen Leverkusen sind allesamt so genannte Sechs-Punkte-Spiele für uns. Dann spielen wir noch gegen Freiburg, Darmstadt und Hamburg. Das sind alles Partien, in denen wir einfach punkten müssen. 

Hat die Schalker Mannschaft mittlerweile diese erhoffte Malocher-Mentalität, das durchzustehen? Diese wurde ihr in der vergangenen Saison ja noch abgesprochen. 

Fährmann: Ich denke schon. Es ist eine gewisse Entwicklung zu sehen. Vielleicht war es auch gut, dass wir am Anfang erst einmal so richtig was auf den Deckel bekommen haben. Um danach wirklich zu sagen, dass wir von Null anfangen. Wie schnell die Euphorie in diesem Verein wachsen kann, ist ja bekannt. Wenn wir die ersten fünf Spiele gewonnen hätten, wäre es wahrscheinlich eine ganz andere Herangehensweise gewesen. Wir haben ja nun einmal einen wirklich großen Umbruch, nicht nur vom Kader her. Das ist wirklich nicht innerhalb von ein paar Monaten erledigt. Wir haben jetzt einen guten Schritt nach vorne gemacht, sind aber noch lange nicht am Ziel. 

Wie wichtig war es, dass die Fans ruhig geblieben sind in der schwierigen Anfangsphase der Saison? 

Fährmann: Das hat auch viel mit dem neuen Trainer und dem neuen Manager zu tun. Markus Weinzierl hat uns diese Ruhe gegeben. Und Christian Heidel hat in der Führungsebene dafür gesorgt, dass Ruhe herrscht. Wenn die beiden diese Souveränität ausstrahlen, ist das auch gut für das Spiel der Mannschaft. Viele meiner Freunde sind ja auch Schalke-Fans. Die kamen früher zu mir und fragten: Ralf, was ist denn da wieder los? Jetzt sagen sie, dass es richtig klasse sei, dass hier mal Ruhe herrscht. Ich denke, danach sehnt sich jeder Schalke-Fan. Es wird auch in Zukunft wieder Rückschläge geben, aber die Tendenz muss die bleiben, dass es weiter nach oben geht. 

Sie haben als Torwart eine gute Sicht auf Ihre Vorderleute. Wie sehen Sie das 3-5-2-System, das Markus Weinzierl derzeit vornehmlich spielen lässt? 

Fährmann: Ich bin ja kein Freund von Statistiken, außer sie sind zu unseren Gunsten (lacht). Aber es ist eben so, dass unsere Gegner ihre Chancen am Anfang einfach eiskalt genutzt haben. Es war auch für mich eine sehr interessante und schwierige Zeit. Ich habe zwar keinen Treffer verschuldet, aber ich konnte einfach nichts machen bei den Gegentoren. Jetzt hat sich das Blatt ein wenig gewendet. Wir sind in unserer Chancenverwertung effektiver und haben hinten auch das nötige Glück, das wir uns erarbeitet haben. Und die Dreierkette hinten – da sind durch Matija Nastasic, Naldo und Benedikt Höwedes absolute Zweikampfstärke, Lufthoheit, Aggressivität und Engagement vorhanden. Wenn man diese drei Spieler vor sich weiß, gibt einem das als Torwart ein beruhigendes Gefühl. Und es dürfte auch ihren Vorderleuten ein gutes Gefühl geben, wenn diese wissen, dass sie diese Maschinen hinter sich haben. 

Markus Weinzierl ist Anhänger der großen Rotation, fast bei jedem Spiel ändert er die Startformation auf fünf oder sechs Positionen. Stimmt der Eindruck, dass auch dieser Umstand eine große Ruhe in die Mannschaft bringt? 

Fährmann: Auf jeden Fall. Es ist immer schwierig, alle bei Laune zu halten. Das macht der Trainer super. Jeder hat bei uns das Gefühl, dass er dazu gehört. Deshalb entsteht bei uns derzeit auch so ein Teamspirit. Und dadurch, dass jeder Spielpraxis hat, ist es auch einfacher, jede Position sofort eins zu eins auszufüllen. Ich habe auch noch nie mit einer Mannschaft gespielt, in der so viel rotiert wird. Da muss man dem Trainer wirklich ein großes Lob aussprechen. 

Aber Sie selbst sind vor der Rotation sicher, oder? 

Fährmann (lacht): Ich muss ja zum Glück nicht ganz so viel laufen wie die anderen. 

Noch etwas Privates: Sie sind bereits zwei Mal in der Berichterstattung aufgetaucht, weil Sie mit Ihrem Auto falsch geparkt haben. Inwieweit haben die Sozialen Medien das Leben eines Fußball-Profis verändert? 

Fährmann: Ich gehöre mit meinen 27 Jahren ja quasi schon zur alten Generation. Heute kaum mehr vorstellbar, aber ich hatte früher noch ein Handy, mit dem man nur SMS schreiben und telefonieren konnte. Viele junge Profis belächeln mich, wenn ich das erzähle. Seitdem haben sich die Zeiten stark geändert. Ob das jetzt Fotos sind, wenn du mal falsch parkst oder die ganzen Selfies, die offenbar das Autogramm ablösen. Es ist schon Wahnsinn, welche Reichweite die Sozialen Medien haben. Dort geht es vermehrt um Sachen, die mit dem Fußball nichts zu tun haben. Wo hat man geparkt? Was hat man für Sachen an? Ich bin manchmal selbst erschrocken, welche Wirkung man in der Öffentlichkeit hat. Das Leben schien ohne diese Begleiterscheinungen etwas ruhiger, aber das gehört heute einfach dazu. Wenn ich zuhause bin, habe ich meinen Rückzugsort. Da will ich manchmal auch vom Fußball nichts wissen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare