Will mit Schalke in die Champions League

Bentaleb exklusiv: "Keiner kritisiert mich mehr als ich mich selbst"

Nabil Bentaleb beim Training in Mittersill.
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Nabil Bentaleb beim Training in Mittersill.

Nabil Bentaleb spricht im exklusiven WA-Interview über seine Ziele mit Schalke 04, wie wichtig es ist, auf dem Boden zu bleiben und über Selbstkritik.

Nabil Bentaleb erschien leicht lädiert zum Interview. Der 22-Jährige in Diensten des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 habe zuvor im Trainingslager in Mittersill beim Mountainbiken „kurz die Kontrolle verloren“, erklärt der 22-Jähirge lachend: „Aber es ist alles okay.“ Im Gespräch mit Marcel Guboff erläutert er anschließend seine kurz- und mittelfristigen Ziele mit den Königsblauen, wie er mit Kritik umgeht und äußert sich über das Verhalten junger Spieler.

Herr Bentaleb, wie gefiel es Ihnen in Mittersill, nachdem Sie im Vorjahr erst später dazugestoßen sind?

Nabil Bentaleb: Ich genieße es. An den ersten Tagen war es sehr regnerisch, dann wurde es besser. Wir mögen hier zwar etwas isoliert sein, aber so können wir uns besser auf uns selbst fokussieren, auf die Erholung nach den Einheiten und darauf, uns als Gruppe noch besser kennenzulernen und zusammenzuwachsen.

Also ist es durchaus von Vorteil?

Bentaleb: Ja, wir haben eine richtig gute Truppe. Es ist ja nicht so, dass wir für Monate irgendwo isoliert sind. Wir haben ein einwöchiges Trainingslager und arbeiten richtig hart. So, wie es sein soll.

Sie haben bereits das Wetter angesprochen. Vorher hatten Sie noch die harten klimatischen Bedingungen in China. Wie schwierig ist es, sich ständig umzustellen?

Bentaleb: Es war schwierig in China, es war unglaublich heiß. Dann haben wir gegen Baku gespielt, und es war unglaublich regnerisch, der Platz war auch nicht der beste. Aber so etwas macht uns nur stärker. Wenn deine Taktik aufgrund der Witterungsbedingungen zum Teil schwieriger umzusetzen ist, musst du dich anpassen. Du fliehst vor einem Problem, indem du die richtige Lösung findest.

Kommen wir mal zu Ihnen. Sie sind jetzt ein Jahr auf Schalke. Wie lautet Ihr persönliches Zwischenfazit?

Bentaleb: Ich hätte keine bessere Entscheidung treffen können, als zu Schalke zu kommen. Ich habe mich als Spieler weiterentwickelt, habe Facetten in meinem Spiel gezeigt, die vorher noch nie jemand gesehen hat.

Zum Beispiel?

Bentaleb: Den offensiven Aspekt, sei es Tore schießen oder vorbereiten. Ich habe immer noch viel zu verbessern, aber ich denke, der Weg stimmt. Ich kam nach einer Saison in Tottenham mit gerade einmal fünf Einsätzen. Für Schalke stand ich dagegen in fast jeder Partie auf dem Platz. Doch das persönliche Befinden spiegelt sich natürlich auch im Team-Gefühl wider. Da ist es natürlich schwierig nach so einer unbefriedigenden Saison, alles positiv zu sehen. So etwas macht einen aber stärker. Ich versuche dabei, jedes Jahr das nächste Level zu erreichen.

Bentalebs Späße mit dem Ball: Bilder vom Mittwoch-Training

Unter Dauerregen hält Schalke 04 die erste Einheit im Training in Mittersill ab. Bilder vom Mittwoch.
Unter Dauerregen hält Schalke 04 die erste Einheit im Training in Mittersill ab. Bilder vom Mittwoch.
Unter Dauerregen hält Schalke 04 die erste Einheit im Training in Mittersill ab. Bilder vom Mittwoch.
Unter Dauerregen hält Schalke 04 die erste Einheit im Training in Mittersill ab. Bilder vom Mittwoch.
Bentalebs Späße mit dem Ball: Bilder vom Mittwoch-Training
Welche Rolle gefällt Ihnen denn besser, die offensivere oder defensivere?

Bentaleb: Ich mag beides. Ich mag es, zu verteidigen. Und ich mag es, anzugreifen, das Spiel zu machen und den Ball aus der Defensive zu spielen. Ganz gleich, wo ich spiele. Ich werde immer 200 Prozent geben.

Wie sieht das denn der neue Trainer Domenico Tedesco?

Bentaleb: Wir haben darüber noch nicht so konkret gesprochen. In einigen Testspielen hatte ich etwas weniger Offensiv-Freiheiten, um das Mittelfeld mehr zu kontrollieren. Gegen Baku war es dann wieder offensiver. Ich genieße beide Arten. Sofern ich auf dem Platz stehe, werde ich sicher mal mehr attackieren dürfen, in anderen Partien dann eher die Drecksarbeit machen, wie es einige Leute nennen. Aber ich sehe es gar nicht als Drecksarbeit. Ich mag das.

Werden Sie im neuen System etwas an Ihrer Spielart ändern müssen?

Bentaleb: Wir müssen uns alle umstellen, weil wir anders angreifen wollen. Wir wollen aggressiver sein. Die Basis ist nicht das System, sondern wie wir Gegner unter Druck setzen wollen und wie wir uns selbst vom Druck befreien können.

Und wo müssen Sie sich noch verbessern, wie Sie es selbst formuliert haben?

Bentaleb: Alles kann besser sein: mein Dribbling, meine Wege in den Strafraum, meine Art zu verteidigen, meine Pässe, Distanzschüsse, meine Bewegungen, das Reagieren auf bestimmte Situationen. Meine Art, das Team zu führen. Ich bin ein Perfektionist. Auch wenn ich ein gutes Spiel gemacht habe, sehe ich stets das Negative. Keiner würde mich mehr kritisieren als ich mich selbst. Markus Weinzierl kam nach guten Spielen zu mir und sagte, ich solle mal lächeln. Aber ich habe nur geantwortet, woran ich noch zu arbeiten habe. Oft hieß es dann, dass ich noch Zeit hätte. Aber für mich ist Zeit keine Entschuldigung. Ich bin jung, aber ich werde nicht immer jung sein. Je schneller ich auf das Level komme, das ich erreichen möchte, umso schneller bin ich zufrieden.

Sie wollen das Team führen. Welche Aufgaben muss ein Führungsspieler denn übernehmen?

Bentaleb: In großen Momenten geht er voran. Er versteckt sich nicht vor dem Ball. Ich verstecke mich nie. Ganz egal, ob wir gegen Ingolstadt oder Bayern spielen: Es ist immer der gleiche Ball. Ich möchte für mein Team gut sein und habe auch keine Angst davor, mich für die Mannschaft selbst in schwierige Situationen zu bringen. In Tottenham hat der Trainer mir immer gesagt, dass ich ein technischer Führungsspieler sei. Ich bin nicht derjenige, der große Ansprachen hält. Ich fokussiere mich darauf, wie wir die drei Punkte bekommen und den Gegner vor Probleme stellen. Es bringt nichts, sich gegenseitig anzugreifen.

Aber manchmal können doch auch Worte etwas bewirken?

Bentaleb: Ich bin nicht so ein Schreier. Aber wenn ich es muss, tue ich es. So wie in der Halbzeit des Achtelfinal-Rückspiels in der Europa League gegen Mönchengladbach. Es war das erste Mal, dass ich in der Kabine zu allen gesprochen hab. Wir lagen 0:2 hinten. Ich habe gesagt: ‚Das Ergebnis ist kein Problem, wir müssen nur richtig darauf reagieren. Wir haben in diesem Wettbewerb nur diese eine Chance, und die müssen wir nutzen.‘ Sich gegenseitig anzuschreien, funktioniert nicht. Dann haben wir tatsächlich zwei Tore erzielt und waren weiter.

Nabil Bentaleb (r.) zeigt WA-Reporter Marcel Guboff das Ergebnis seines kleinen Malheurs beim Mountainbiken.
Schalke hat eine junge Mannschaft. Könnte das unter Umständen zu einem Problem werden?

Bentaleb: Wir haben ein junges Team, ja. Aber Spieler wie Max Meyer, Leon Goretzka oder auch ich haben trotzdem schon durch einige internationale Turniere Erfahrung. Das hilft. Aber klar, auch wir können uns noch weiterentwickeln. Du lernst stets weiter und wirst als Spieler wie auch als Mensch wachsen.

Wo wir bei jungen Spielern sind: Naldo hat sich jüngst geäußert, dass es für sie wichtig ist, auf dem Boden zu bleiben und nicht nach drei, vier guten Spielen gleich zu denken, sie seien die Größten. Können Sie nachvollziehen, was er meint?

Bentaleb: Natürlich, da stimme ich ihm voll zu. Wenn einer von uns nicht auf dem Boden bleibt, spielt er nicht. Wenn du erfahrenere Profis siehst, die richtig hart arbeiten mit all ihrer Erfahrung, musst du ihnen Respekt erweisen und dich hinterfragen, wie es sein kann, dass sie mehr arbeiten können als du. Du musst immer das Doppelte geben.

Ist es denn so einfach, wenn in der heutigen Zeit so schnell ein Hype daraus werden kann?

Bentaleb: Für mich ist das eine Frage der Erziehung. Ich würde mich nie für Superman halten. Manchmal mache ich vielleicht ein super Spiel und schieße Tore, aber wenn ich nach Hause komme, sagt mein Bruder: ‚Du spiest nur Fußball, du rettest keine Leben.‘ So arrogant darfst du nicht sein. Du darfst nie vergessen, wo du herkommst.

Sie haben also die richtigen Leute um sich?

Bentaleb: Ja, für mich ist das extrem wichtig. Wenn ich sie sehe, lassen sie mich auch mal an andere Sachen denken als an Fußball.

Leon Goretzka gilt als Schlüsselspieler. Wie wichtig ist er für Schalke?

Bentaleb: Sehr wichtig. Er ist ein großartiger Spieler mit einer großen Qualität und Mentalität. Es ist eine Ehre, mit ihm im gleichen Team zu spielen. Er ist auch sehr wichtig für uns. Er hat trotz seines jungen Alters schon eine gewisse Erfahrung, macht viele positive Dinge. Er ist ein Gewinner-Typ.

Sie verstehen sich offensichtlich gut mit Amine Harit, der mit vielen Vorschusslorbeeren zu Schalke kam. Wie tickt er denn als Spieler und Mensch?

Bentaleb: Er ist sehr kreativ. Er ist die Art von Spieler, dem vielleicht dreimal etwas misslingt. Aber er wird es ein viertes Mal versuchen, und beim vierten Mal erzielen wir dann ein Tor. Wir brauchen aber alle Geduld mit ihm. Wenn er jedoch so weiter an sich arbeitet wie aktuell, kann er auf dem Platz sehr viel bewirken. Er hat Zeit, sich zu verbessern. Er ist schon ein guter Spieler, deswegen hat Schalke ihn gekauft. Aber er kann natürlich viel besser werden – und das wird er, denn er hat eine gute Mentalität.

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Und menschlich?

Bentaleb: Als Mensch ist er manchmal ein Freak (lacht). Er ist wie mein kleiner Bruder. Ich kümmere mich stets um ihn, er ist ein lustiger Zeitgenosse.

Was ist denn für Schalke im nächsten Jahr möglich?

Bentaleb: Nur Schalke weiß das. Die vergangene Saison war nur Durchschnitt, jetzt haben wir eine neue Herangehensweise. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Denken wir weiter: Bis 2021 stehen Sie noch auf Schalke unter Vertrag. Was möchten Sie mit dem Klub bis dahin erreichen?

Bentaleb: Die Champions League. Das ist mein großes Ziel, mit Schalke 04 da hin zu kommen, wo es hingehört. Und dieser Klub gehört für mich in die Königsklasse. Aber wir wissen, dass es hart und schwierig wird. Schauen wir erst einmal, was in der kommenden Spielzeit drin ist.

Was würden Sie eigentlich machen, wenn Sie kein Profi-Fußballer geworden wären? 

Bentaleb (pfeift): Puh. Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich müsste dann einen Weg finden, um meine Familie zu ernähren. Mein Lehrer hat damals gesagt: ‚Du hast vielleicht eine einprozentige Chance, um Profi-Fußballer zu werden.‘ Ich habe nur geantwortet: ‚Das ist mir egal, ich werde trotzdem alles dafür tun.‘ Ich habe Fußball zu meinem Leben gemacht.

Tekpetey lässt Schalke gegen Baku jubeln: Bilder vom Testspiel

Schalke 04 gewinnt das Testspiel in Neukirchen gegen Neftchi Baku.
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Wie schalten Sie vom Fußball ab?

Bentaleb: Erholung, Zeit mit meiner Familie, Tennis spielen, Filme oder Serien schauen oder mit Videospielen.

Zu den Videospielen gehört sicher auch FIFA, worauf einige Bilder bei Instagram hindeuten.

Bentaleb: Ja, natürlich. Bei uns im Team bin ich der beste, das können Sie so aufschreiben (lacht).

Wirklich?

Bentaleb: Derzeit führe ich gegen Breel Embolo, Amine Harit und Weston McKennie. Daher denke ich, dass es stimmt (lacht). Aber wenn Sie Amine fragen würden, würde er sicher sagen, er sei es.

Ich werde es versuchen.

Bentaleb: Kein Problem. Ich bezweifle aber, dass er die Wahrheit sagen wird, wenn ich nicht daneben sitze, weil er ein Schlitzohr ist (lacht).

Fußball-Profis genießen sicher viele Privilegien, einige jetten sogar mal eben nach Paris, um sich die Haare schneiden zu lassen. Ist für Sie so etwas denkbar?

Bentaleb: Jeder kann sein Geld nutzen, wie er will. Für mich gehört das zu den Sachen, die ich nie machen würde. Ich habe zu viel Respekt vor meiner Familie. Wenn ich das machen würde, würden meine Eltern mir den Kopf abreißen.

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