Mitgliederversammlung

Heldt und Tönnies übernehmen Verantwortung

+

Gelsenkirchen - Nachdem Clemens Tönnies die Mitgliederversammlung noch etwas holprig mit dem Satz „Liebe Mitgliederinnen, liebe Mitglieder“ eröffnet hatte, kam er nur wenige Minuten später sprachlich und inhaltlich deutlicher zur Sache.

Als die A-Jugend des Klubs unter lautem Applaus für den Gewinn der Deutschen Meisterschaft geehrt wurde, ließ Schalkes starker Mann die erste Spitze in Richtung Bundesliga-Team fallen: „Also Profis, so wird das gemacht!“ 

Damit hatte der Aufsichtsratsvorsitzende in gewohnt sicherer Manier den Nerv der Anhängerschaft getroffen, der auch bei der Mitgliederversammlung in der Arena die vergangene verkorkste Saison noch im Magen lag. 

Und die neben den vermeintlich verwöhnten Profis weiterhin vor allem einen im Visier hatte: Sportvorstand Horst Heldt. 

Der 45-Jährige stellte sich dreieinhalb Stunden nach der Eröffnung den 9286 Mitgliedern, die in die Arena gekommen waren. Als Heldt zum Rednerpult schritt, wurde er mit Pfiffen und Buh-Rufen bedacht. Als er seine Rede einige Minuten später beendet hatte, wurde er mit Applaus verabschiedet. 

"Es war eine beschissene Saison"

Heldt glückte dies, indem er in seiner persönlichen Generalbilanz kein Blatt vor den Mund nahm. „Es war eine beschissene Saison“, sagte der Manager, der sich seine Rede von einem externen Kommunikationsberater hatte verfassen lassen. Und er übernahm danach die Verantwortung für alles, was schief gelaufen war: für die Fehleinkäufe, für die so genannte „Wohlfühl-Oase“ der Spieler und für die Verpflichtung von Trainer Roberto Di Matteo, der nach nur acht Monaten Amtszeit krachend gescheitert war. 

„Ich denke weiterhin, dass Di Matteo ein guter Trainer ist, aber er hat hier nicht funktioniert“, so Heldt. Mit André Breitenreiter habe man nun einen „Toptrainer“ verpflichtet, der auf den Teamgedanken setze. Schalkes Manager kündigte Konsequenzen für die kommende Saison an. „Die Mannschaft bekommt eine Blutauffrischung“, sagte Heldt und gab bekannt, dass neben den bisherigen Neuzugängen Johannes Geis und Junior Caicara auch die Nachwuchsspieler Maurice Multhaup, Thilo Kehrer, Leroy Sane, Felix Platte und Marvin Friedrich in den Profikader rücken. 

„Es wird sich noch etwas tun in beide Richtungen“, so Heldt weiter. Zudem werde es einen 15-seitigen Verhaltenskodex für die Profis geben, der konsequent eingehalten werde müsse. „Ich habe in der vergangenen Saison die Balance zwischen Vertrauen und Kontrolle nicht gefunden. Aber das wird mir nicht mehr passieren“, versprach Heldt, der sich auch eine Spitze in Richtung Peter Neururer nicht verkniff. 

Der ehemalige Bochum-Coach hatte sich in einem Interview um den Posten von Heldt beworben: „Sportdirektor auf Schalke, das wäre hochinteressant. Wenn es um den Sport geht und den kommunikativen Bereich, dann sofort. Das wäre genau mein Ding.” Heldt dazu: "An diejenigen wie Neururer, die hoffen, dass ich aufgebe: Das ist nicht meine Auffassung von Verantwortung.“ 

Heldt beendete seine Rede kämpferisch. In Anlehnung an das Spruchband „1,69 Meter Inkompetenz“, das beim letzten Saison-Heimspiel in Bezug auf Heldts Körpergröße aufgehängt worden war, kündigte er für die kommenden Spielzeit an: „1,69 m Arbeit, 1,69 m Leidenschaft, 1,69 m Einsatz macht zusammen 1,69 m Schalke 04.“ 

Auch Tönnies übernimmt Verantwortung

Auch Tönnies übernahm die volle Verantwortung für die sportlich enttäuschende Saison. Vor allem gab der Fleischfabrikant zu: „Im Übereifer habe ich mich viel zu viel in die Tagespolitik von Schalke 04 eingemischt. Aber es macht mich irre, wenn es nicht läuft.“ Tönnies versprach: „Wenn ich Fehler erkenne, dann stelle ich sie ab. Auch bei mir. Ich bin nicht beratungsresistent.“ Tönnies würdigte Heldts Verantwortungsbewusstsein, sagte aber auch: „Horst, daran wirst Du auch gemessen werden.“ 

Tönnies kritisierte auch die Fans: „Wie ihr euch im Spiel gegen Paderborn verhalten habt, das war nicht fair. Vor allem den jungen Spielern gegenüber nicht.“ 

Bei den Wahlen zum Aufsichtsrat wurden Uwe Kemmer (nach sechs Jahren) und Ingolf Müller (nach drei Jahren) durch den Arzt und Unternehmer Dr. Andreas Horn sowie durch den Unnaer Unternehmer Thomas Wiese ersetzt. 

Einen Rückschlag mussten die zuständigen Gremien unterdessen auch bei den geplanten Satzungsänderungen hinnehmen. Die Satzungsänderungsanträge wurden von der Versammlung allesamt abgelehnt. Vor allem störten sich viele Mitglieder daran, dass die Neuerungen de facto en bloc abgenickt werden sollten und sie nicht über jeden Aspekt einzeln hatten entscheiden dürfen. 

Auch der Umstand, dass die umstrittene Erhöhung der Sonderumlage auf den dreifachen Satz in einer separaten Abstimmung durchgeführt wurde, half dabei letztlich nicht. Die Sonderumlage wurde mit deutlichen 80,7 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Die Versammlung honorierte das Ergebnis mit einem lauten „Attacke“-Ruf. 

Auch der „große“ Satzungsänderungsantrag erhielt nur 63,2 Prozent der Ja-Stimmen und verpasste damit die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit knapp.

Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies gab auf der Mitgliederversammlung unter frenetischem Applaus bekannt, dass der Verein drei ehemalige Klub-Ikonen für einen „Sportlichen Beirat“ gewinnen konnte. Diesem Gremium, dass dem Aufsichtsrat künftig als Kompetenz-Team zur Seite stehen soll, gehören „Jahrhundert-Trainer“ Huub Stevens sowie die beiden Ex-Spieler Ebbe Sand und Mike Büskens an.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare