"Nichts schönreden"

Schalker lassen sich Gladbach vorführen

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GELSENKIRCHEN/MÖNCHENGLADBACH - Benedikt Höwedes kam wegen einer zu absolvierenden Doping-Probe als letzter Profi erst gegen 22.10 Uhr aus der Schalker Kabine und schaute ziemlich verwundert, dass immer noch einige Journalisten vor der Tür standen.

Von Jens Greinke

„Wie? Habt Ihr auf mich gewartet?“, fragte der Nationalspieler zunächst verwundert. Sah dann aber schnell ein, dass nach so einem Spiel die Einschätzung des Mannschaftskapitäns vonnöten ist. Die Analyse von Höwedes war recht nüchtern, aber so messerscharf wie ein Fallbeil. „Wir haben die taktischen Vorgaben katastrophal umgesetzt. Es muss sich jetzt jeder hinterfragen. Das war ein klarer Fehlstart in die Saison, da brauchen wir nichts schönreden. Wir wollen jetzt nicht rumheulen, aber unsere derzeitige Personalsituation mit den vielen Verletzten ist ein Fakt, den wir nicht so einfach wegdiskutieren können“, sagte der Weltmeister nach dem 1:4 (0:1)-Debakel bei Borussia Mönchengladbach, das dazu führte, dass man den FC Schalke 04 nun tatsächlich als Keller-Team bezeichnen kann – und das nicht nur, weil der Trainer so heißt, sondern weil die Knappen mit nur einem Punkt aus drei Spielen weit unten in der Tabelle angekommen sind.

Jens Keller war nach dem Spiel ebenso konsterniert wie die meisten der mitgereisten Schalker Fans. Seine Mannschaft, die sich nach dem 1:1-Remis gegen den FC Bayern München in einem Aufwärtstrend wähnte, zeigte eine der schlechtesten Leistungen seit langem. Zwar weckten die ersten 10, 15 Minuten Hoffnung auf einen vielversprechenden Auftritt der Knappen. Doch spätestens nach dem 0:1 von Andre Hahn war die Illusion vorüber. Angeführt von einem überragenden Raffael, der selbst zum 4:1 (79.) traf, wurden die Schalker eiskalt ausgekontert. Erneut Hahn (50.) und der ebenfalls glänzend aufgelegte Max Kruse (56.) zerlegten das Schalker Team in seine Einzelteile. Der zwischenzeitliche Anschlusstreffer zum 2:1 durch einen verwandelten Elfmeter von Eric-Maxim Choupo-Mouting (52.) war noch nicht einmal ein Schalker Strohfeuer.

Klaas-Jan Huntelaar, der erst in der 63. Minute eingewechselt worden war und letztlich dennoch der Schalker war, der am meisten aufs Gladbacher Tor geschossen hatte (dreimal), wurde nach der Partie recht deutlich. „So eine Niederlage ist sehr schlecht. Die können hier heute auch zehn Stück machen“, knurrte der Niederländer. Auf die Frage, was alles schief gelaufen sei, fragte der „Hunter“ zurück: „Hast du viel Zeit?“ Und forderte letztlich: „Man muss einen Plan haben, dass es sich verbessert.“ Ralf Fährmann, der aufgrund mehrerer Glanzparaden eine noch höhere Niederlage verhindert hatte, war ähnlich angefressen: „Ich könnte jetzt auch ein Loch in die Tür treten. Die Nacht wird beschissen werden.“ Letztlich zitierte der Schalker Keeper aber seinen Ex-Trainer Christoph Daum: „Er hat mal zu mir gesagt: Nach so einem Spiel fühlt man sich wie ein Hund, der ins Wasser gefallen ist. Einen Tag darf man sauer sein, dann muss man sich schütteln und ist wieder trocken.“

„Das ist keine einfache Situation, aber wir müssen sie annehmen“, meinte Schalkes Sportvorstand Horst Heldt, der ebenfalls von einem „Fehlstart“ sprach. Das 1:4 zu Beginn von drei englischen Wochen war ein fataler Start, bereits am Mittwoch (20.45 Uhr/Sky) müssen die Schalker beim englischen Tabellenführer FC Chelsea in der Königsklasse antreten.

Nach dem Debakel in Mönchengladbach war Horst Heldt als Feuerwehrmann gefragt. Erst die vermeintliche Kritik von Klaas-Jan Huntelaar an Trainer Jens Keller, dann der Wirbel um einen dämlichen Facebook-Eintrag von Tranquillo Barnetta: Der Sportvorstand von Schalke 04 hatte nach dem 1:4 (0:1) im Borussia-Park alle Hände voll zu tun, um die plötzlichen Brandherde zu löschen.

Als im Stadion längst die Lichter ausgegangen waren, trat Heldt daher ein zweites Mal vor die Mikrofone. Beim ersten Mal hatte er noch Angreifer Huntelaar kritisiert, der nach Schlusspfiff "einen Plan" für den Champions-League-Auftakt am Mittwoch beim FC Chelsea gefordert hatte. Heldt war jedoch der Eindruck vermittelt worden, der Niederländer habe in Gladbach einen Plan vermisst. Entsprechend sauer reagierte der Manager, nahm seine Schelte aber wenig später wieder zurück.

Ungemütlich wurde es nach dem Fehlstart mit nur einem Punkt aus drei Spielen aber auch so, auch wenn Coach Keller um ruhige Töne bemüht war. "Es bringt jetzt nichts, mit der Keule reinzuhauen", sagte der Trainer. Wohl auch, um der Diskussion um seine Position keine neue Nahrung zu geben. Heldt wich dann auch sämtlichen Fragen nach Kellers Zukunft aus. Es gebe "keine Disharmonie", betonte er und warnte vor blindem Aktionismus: "Wir müssen die Situation jetzt in den Griff bekommen und die Nerven bewahren."

Wie das gelingen soll, blieb angesichts der Vorstellung in Gladbach aber offen. Immerhin: Die Mannschaft nahm kein Blatt vor den Mund, redete Tacheles. "Wenn der Gegner zehn Tore machen kann, müssen wir schnell etwas ändern. Sonst wird das eine ganz schwere Saison", sagte Huntelaar. Kapitän Benedikt Höwedes verlangte von jedem Spieler, "sich zu hinterfragen". Torhüter Ralf Fährmann ahnte schon da: "Die nächste Nacht wird beschissen."

Die nächsten Tage möglicherweise auch. Der kommende Gegner Chelsea sei "im Moment sicherlich nicht unsere Augenhöhe", sagte Keller bereits und forderte eine deutliche Steigerung. So wie bei den Gegentoren durch Andre Hahn (17./50.), Max Kruse (57.) und Raffael (79.) sollte sich die Schalker Mannschaft, die nur durch Eric Maxim Choupo-Moting per Handelfmeter (52.) erfolgreich war, in der Tat nicht präsentieren. Als wäre das alles noch nicht genug, sorgte auch noch ein vermeintlicher Facebook-Kommentar von Mittelfeldspieler Barnetta für Wirbel. "3 Wechsel, kein Quillo! Na dann: hopp Gladbach", war auf der offiziellen Seite des Schweizers zu lesen. Barnetta sah sich am Abend zu einer Klarstellung genötigt. Die Pflege der Seite liege "in den Händen eines Freunds. Leider hat dieser aus der Emotion heraus einen Beitrag veröffentlicht, der zu Verwirrung geführt hat."

Aufstecken wollte dennoch niemand. Fährmann holte daher einen alten Spruch seines Ex-Trainers Christoph Daum aus der Schublade: "Er hat mal gesagt: Nach einem verlorenen Spiel muss man sich wie ein Hund verhalten, der ins Wasser gefallen ist", sagte Fährmann und lächelte: "Einen Tag darf man sauer sein, aber dann muss man das abschütteln - und wieder trocknen." - sid

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