Schalker Jugendstil statt Gelsenkirchener Barock

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Kleinere Verstimmung an einem ansonsten gelungenen Nachmittag: Klaas-Jan Huntelaar diskutiert mit Trainer Jens Keller nach seiner Auswechslung.

GELSENKIRCHEN - Kevin-Prince Boateng hatte den obligaten Kopfhörer in vorauseilendem Gehorsam bereits von den Ohren gestreift, als er aus der Schalker Mannschaftskabine trat. Der „Prince“ wusste, dass es einige Fragen an ihn geben würde.

Von Jens Greinke

Weniger zur Partie gegen Braunschweig, schließlich steht am Dienstag ein ganz anderes Kaliber auf dem Spielplan. Ein Duell, in dem laut Boateng „22 Spieler auf dem Platz stehen und sich totlaufen werden“ – das Spiel gegen seinen Ex-Verein Borussia Dortmund. Das Revierderby war am Samstagnachmittag bereits allgegenwärtig, obwohl auch der 3:1 (1:0)-Sieg über Eintracht Braunschweig einige interessante Aspekte zu bieten hatte.

Zum Beispiel den, dass die Gastgeber trotz aller Überlegenheit auch von einem glücklichen Sieg sprechen mussten. Als es für die Schalker nicht so lief in dieser Partie – kurz nach dem Braunschweiger Anschlusstreffer zum 2:1 (82.) durch Elabdellaoui – war auf den Rängen ein interessanter Effekt zu bemerken.

Statt wie üblich bei Fehlpässen oder weiteren Torchancen der Gäste aufzustöhnen, begannen die Schalker Fans ihr Team bedingungslos zu unterstützen. Die Anhänger zeigten einen feinen Instinkt dafür, dass es dem Selbstbewusstsein der Mannschaft wahrscheinlich nicht so zuträglich wäre, nach einem Remis gegen den Tabellenletzten beim Erzrivalen in Dortmund anzutreten.

Eine weitere der mittlerweile zahllosen Glanzparaden von Schalke-Keeper Ralf Fährmann gegen einen Schuss von Elabdellaoui (83.) hatte schließlich dafür gesorgt, dass die Gastgeber an diesem Nachmittag ihren verdienten Lohn erhielten.

Dass Fährmann nach dem ersten Schuss von Elabdellaoui überhaupt hinter sich hatte greifen müssen, war ausschließlich dem Umstand geschuldet, dass der Schuss des Braunschweigers abgefälscht worden war. Der in der 89. Minute für Klaas-Jan Huntelaar eingewechselte Adam Szalai glückte schließlich in der Nachspielzeit (90.+3) ein kurioser Billardtreffer zum 3:1-Endstand.

Schalke schlägt Braunschweig 3:1

Der stark aufspielende Leon Goretzka hatte die Schalker mit seinem ersten Treffer in Führung geschossen (17.). In der 66. Minute erzielte der derzeit offenbar unfehlbare Huntelaar mit einem abgefälschten Freistoß sein sechstes Tor in den vergangenen drei Meisterschaftsspielen. Zuvor hatte er Kaan Ayhan den Ball mit den Worten weg genommen: „Lass’ mich, ich hau’ ihn rein.“

Dass sich der Niederländer bei seiner Auswechslung kurz vor Schluss etwas echauffierte und mit Trainer Jens Keller diskutierte, war letztlich nicht mehr als eine Petitesse. Nachher zeigte er sich versöhnt und witzelte: „Er will vielleicht nicht, dass ich Torschützenkönig werde.“

Die Stimmung bei den Schalkern vor dem Derby ist trotz der „wahnsinnigen Verletztenmisere“ (Jens Keller) bestens. „Wir fahren mit breiter Brust nach Dortmund“, sagt Kaan Ayhan, der nach seinem Start-Debüt in der Champions League bei Real Madrid am Samstag auch in der Liga erstmals von Beginn an auf dem Platz stand. Und erneut andeutete, dass auch er ein Wechsel auf die Zukunft sein könnte.

Während die Dortmunder unter ihren Personalsorgen zu leiden scheinen, schaffen es die Schalker dank ihrer Nachwuchskicker, das Fehlen von insgesamt zehn Spielern scheinbar spielend zu kompensieren. Gegen Braunschweig standen fünf Profis unter 21 Jahren auf dem Platz, insgesamt sieben Akteure aus der Startelf stammten aus der eigenen Jugend. Und alle stehen bislang ihren Mann.

Selbst der Ausfall von Jefferson Farfan, der auch beim Derby fehlen wird, war am Samstag allenfalls eine Randnotiz. Statt Gelsenkirchener Barock ist Schalker Jugendstil derzeit extrem in Mode. Und so wird es wohl auch auf lange Sicht sein.

„Für die jüngeren Spieler ist das Derby eine gute Gelegenheit, weiter hinzu zu lernen und sich zu entwickeln“, glaubt Boateng: „Sie müssen einfach versuchen, locker zu bleiben.“ Für den 27-Jährigen wird das 144. Revierderby ebenfalls „ein besonderes Spiel“. Boateng trug 2009 selbst das schwarz-gelbe Trikot. „Ich bin gespannt, wie sie mich da empfangen werden“, sagt Boateng.

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