S04-Manager im Interview

Horst Heldt: "Überzeugt, dass wir mithalten werden"

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Horst Heldt während des Trainingslagers in Doha.

DOHA - Es ist das vierte Wintertrainingslager, das der FC Schalke 04 in Doha bestreitet, selten waren die Bedingungen aus personeller Sicht so schlecht. Jens Greinke sprach mit Horst Heldt über eine Saison, die es in sich hat – und darüber, welchen Weg die Schalker in Zukunft einschlagen wollen.

Aus dem Trainingslager in Doha berichtet Jens Greinke

Die ersten Tage des Trainingslagers sind um. Fällt die Akklimatisierung eigentlich noch schwer im vierten Jahr hintereinander in Doha?
Heldt: Nein. Dadurch, dass wir ja nicht zum ersten Mal hier sind, ist alles sehr schnell eingespielt.

Nach vier Jahren läuft der Vertrag mit dem Gastgeber, der „Aspire Academy“, aus. Gibt es dennoch ein Wiedersehen im nächsten Winter?
Heldt: Wir werden hier sicherlich die Gelegenheit nutzen, um Gespräche darüber zu führen, ob es hier noch weitere Trainingslager geben wird. Für Roberto Di Matteo ist es ja das erste Mal, dass er hier ist. Er muss sich erst einmal ein Bild machen. Und es wird maßgeblich für uns sein, wie unser Cheftrainer das Trainingslager hier bewertet.

Horst Heldt im Dialog mit Roberto di Matteo.

Es ist in Deutschland und in anderen Ländern schon oft kritisch über die politische Situation in Katar diskutiert worden. Welche Gewichtung wird dies bei der Entscheidungsfindung des FC Schalke 04 haben?
Heldt: Bei so einer Entscheidung fließen immer viele Faktoren mit ein. Natürlich haben wir eine Verantwortung. Aber die haben wir in vielerlei Hinsicht. Auch darüber, uns gut auf die Rückrunde vorzubereiten. Das heißt: Möglichst optimale Örtlichkeiten zu finden in der kurzen Phase im Winter. Gleichzeitig sind wir natürlich auch Repräsentant als deutscher Bundesligist. Man muss abwägen, was das Beste ist. Es bleibt jedem überlassen, wie er darüber denkt. Aber wenn man das in moralischer Hinsicht kritisiert, dann frage ich mich, warum ich in der öffentlichen Berichterstattung nur selten ein kritisches Wort darüber gefunden habe, dass hier gerade eine Schwimm-WM stattgefunden hat und eine Handball-WM stattfinden wird. Das liest man nicht, wenn Schalke dafür kritisiert wird, dass wir zur Vorbereitung wieder nach Katar fahren. Das finde ich nicht in Ordnung. Es bleibt dabei, dass man hier im Winter mit die besten Bedingungen vorfindet. Mit fünfeinhalb Stunden Flugzeit ist die Anreise erträglich, wir haben eine hohe Wettersicherheit und die besten Trainingsbedingungen.

Kommen wir zum Sportlichen: Wie bewerten Sie die Hinrunde des FC Schalke 04 in möglichst kurzer und prägnanter Form?
Heldt: Wir haben uns in der Champions League das Leben selbst schwer gemacht, aber ein großes Ziel – den Einzug in die K.o.-Runde – erreicht. Im DFB-Pokal gab es ein enttäuschendes Ausscheiden, da hatten wir uns ganz klar andere Ziele gesetzt. In der Bundesliga hatten wir mit einigen Problemen zu kämpfen – und so ziemlich alles erlebt, was der Fußball zu bieten hat: glückliche Siege, überzeugende Auftritte, unnötige Niederlagen. Aber im Großen und Ganzen haben wir uns eine Ausgangsposition geschaffen, die es uns ermöglicht, um die avisierten Plätze mitzuspielen. Wir wollen wieder in die Champions League und haben die Voraussetzung dafür geschaffen. Bayern ist jetzt schon Meister, dahinter haben wir einen starken VfL Wolfsburg gesehen, bei dem nicht unbedingt davon auszugehen ist, dass er in der Rückrunde nachlassen wird. Dann kommen Leverkusen und Gladbach, die erst einmal unsere direkten Konkurrenten sind. Man darf nicht vergessen, dass wir einen hohen Verletztenstand hatten, der uns viele Probleme bereitet hat. Angesichts dessen hat die Mannschaft viel herausgeholt, womit nicht unbedingt zu rechnen war. Ich rede in dieser Beziehung nicht darüber, ob wir einen schönen und attraktiven Fußball gespielt haben. Es geht dabei vornehmlich darum, dass wir uns eine gute Ausgangslage erarbeitet haben, um unser Saisonziel zu erreichen. Leider hat es nun auch Ralf Fährmann getroffen, aber wir werden dennoch unserer Ziele beibehalten.

Horst Heldt im Dialog mit Roberto di Matteo.

Die Diskussion über die Spielweise der Mannschaft ist ja immer wieder Thema auf Schalke. Wie sehr nervt Sie das?
Heldt: Das darf mich nicht nerven. Ich stimme Ihnen zu, dass es diese Töne gibt, sie aber nicht von der überwiegenden Mehrheit der Anhängerschaft kommen. Diese Stimmen dürfen allerdings auch nicht ignoriert werden. Ich bin ja oft an der Basis und unterhalte mich mit vielen Menschen. Dabei erlebe ich häufig, dass Zahlen und Fakten gute Argumente sind. Betrachtet man beispielsweise den attraktiven und spektakulären Fußball, den Bayer Leverkusen in der Hinrunde abgeliefert hat, sage ich: Wir sind punkt- und torgleich. Und es ist in der Gesamtbetrachtung einfach zu berücksichtigen, dass uns viele Spieler, die für Kreativität und Spektakel sorgen können, ausgefallen sind.

Gibt es eine besondere, spezielle Mentalität auf Schalke?
Heldt (lacht): Mittlerweile habe ich gelernt, damit zu leben. Wir haben als Verantwortliche selbst eine hohe Erwartungshaltung, die wir nach innen und nach außen transportieren...

...die Sie aber auch selber dadurch erzeugen, dass Sie mit angeblich rund 80 Millionen Euro einen der höchsten Personal-Etats der Liga haben.
Heldt: Genau. Und wir sind bis zum heutigen Tag davon überzeugt, dass das für unseren Verein, für unsere Situation nur der Weg sein kann. Weil ansonsten vieles nicht mehr so laufen würde, wie man sich das vorstellt.

Heißt: Man muss als deutscher Bundesliga-Klub, der gewisse Ziele dauerhaft erreichen will, einfach viel investieren.
Heldt: Ich denke, dass das einfach ein Fakt ist. Borussia Mönchengladbach zum Beispiel ist ein toller und sympathischer Verein, die handelnden Personen machen einen richtig guten Job. Wenn man sich aber die vergangenen zehn Jahre anschaut, war Schalke einfach erfolgreicher...

...weil Gladbach aber auch nicht diesen Etat gehabt hat.
Heldt: ...und genau deshalb haben sie es ja auch nicht geschafft. Außer Bayern München gehört Schalke 04 mit Leverkusen und Dortmund zu den Vereinen, denen es in den vergangenen Jahren gelungen ist, dauerhaft in der Champions League vertreten zu sein. Das heißt nicht, dass die Arbeit bei den anderen Vereinen nicht gut ist, ganz und gar nicht.

Laut Aussage des Schalker Aufsichtsrats-Vorsitzenden Clemens Tönnies sollen die Personalkosten künftig ja noch weiter ansteigen.
Heldt: Das stimmt so nicht. Er hat nicht gesagt, dass wir die Personalkosten anheben werden. Sondern er hat prophezeit, dass bei einer weiteren Entwicklung wie zum Beispiel bei den TV-Geldern oder der Auslandsvermarktung Investitionen nötig sein werden.

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Was heißt, dass Schalke diesen Weg gehen wird?
Heldt: Die Frage muss man sich immer stellen. Es wird abhängig davon sein, inwieweit wir auch künftig mithalten können. Und aktuell sind wir davon überzeugt, dass wir mithalten werden.

Auch als eingetragener Verein?
Heldt: Durch das „Financial Fairplay“ ist mittlerweile gewährleistet, dass nicht mehr alles so einfach ist für Klubs, die von Unternehmen unterstützt werden. Andere Vereine kommen immer öfter auf die Idee, die Fußball-Abteilung auszugliedern. Für uns sehen wir derzeit immer noch genügend andere Möglichkeiten, auch als eingetragener Verein konkurrenzfähig zu bleiben.

Sie selbst sahen sich in den zurückliegenden Monaten immer wieder selbst einer gewissen Kritik ausgesetzt und sagten dazu, dass Sie Ihre Arbeit stets selbst überprüfen. Würden Sie uns verraten, welche Schlüsse Sie in dieser Beziehung gezogen haben?
Heldt: Die Frage ist wirklich schwierig zu beantworten. Am Ende fragt man sich immer, was man hätte anders entscheiden können. Aber ich habe von schlauen Leute gelernt, dass das die falsche Fragestellung ist. Denn in dem Augenblick, in dem man eine Entscheidung trifft, ist es eben die beste Entscheidung. Ob es auch die richtige ist, zeigt sich erst im Laufe der Zeit. Bei Personalentscheidungen ist es wichtig, dass alle alles dafür tun, dass die Entscheidung auch in Zukunft richtig bleibt: Verein, Spieler, Berater und Familie. Dass man diese Entscheidungen so begleitet, dass sie am Ende auch funktionieren.

Wäre da die 45-Millionen-Ausstiegsklausel für den 18-Jährigen Donis Avdijaj ein passendes Beispiel?
Heldt: Dieser Umstand hätte nicht nach außen dringen dürfen. Zudem stellt sich nach diesem Fall die Frage, ob wir künftig noch einmal so eine hohe Ausstiegsklausel bei so einem jungen Spieler in den Vertrag aufnehmen.

Welche Perspektive sehen Sie nun für Avdijaj?
Heldt: Der SV Sandhausen (Anm. der Redaktion: Zweitligist) und Sturm Graz (Österreichischer Erstligist) können sich vorstellen, ihn auszuleihen. Es wäre sowohl für Donis als auch für uns als Verein sinnhaft, diesen Schritt zu wählen. Wichtig für Donis wäre, dass er viele Spiele absolviert.

Ein Ausblick auf die Rückrunde: In der Champions League wartet Real Madrid. Welche Erwartungen haben Sie für dieses Achtelfinale?
Heldt: Wir spielen immer, um weiter zu kommen. Egal, wie der Gegner heißt. Jetzt haben wir nur ein Problem: Real ist vielleicht mit den Bayern die beste Mannschaft, die es aktuell gibt. Natürlich ist jede Mannschaft in einem Spiel zu bezwingen. In Hin- und Rückspiel ist es da schon wieder schwieriger. Dennoch wird der Trainer versuchen, eine Strategie zu entwickeln, mit der wir weiterkommen können. Eine, die vielleicht keiner auf der Rechnung hat. Auf alle Fälle wollen wir unser Bestes geben. Was keiner will ist, dass wir uns so ergeben wie im letzten Jahr. Das möchten wir nicht sehen.

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