Ex-Knappe im Interview

Höwedes: "Schalke braucht keinen Ex-Spieler, der Tipps gibt"

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Benedikt Höwedes.

Benedikt Höwedes spricht über seine Champions-Legaue-Aufgabe in Leverkusen, das Leben in Russland und eine mögliche Rückkehr nach Schalke.

Moskau - Schon in der vergangenen Saison kehrte Benedikt Höwedes im Europacup nach Deutschland zurück - damals ausgerechnet zu seinem langjährigen Klub FC Schalke 04. Diesmal tritt er mit Lokomotive Moskau zum Vorrunden-Auftakt der Champions League am Mittwoch (21.00/DAZN) bei Bayer Leverkusen an. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht der Weltmeister von 2014 über dieses Duell, das Leben in Russland – wo es bald zu einem Wiedersehen mit Ex-Schalke-Trainer Domenico Tedesco kommen könnte – und eine mögliche Rückkehr nach Schalke.

Sie haben sich am Freitag eine große Platzwunde am Kopf zugezogen und mussten ausgewechselt werden. Können Sie spielen?

Benedikt Höwedes: Klar. Ich will spielen.

Letztes Jahr haben Sie mit Moskau schon gegen Schalke gespielt. Nun ist mit Spielen gegen Ihren Ex-Klub Juventus Turin und Bayer Leverkusen die ganze Gruppe eine Reise in die Vergangenheit. Auf welches der Spiele freuen Sie sich besonders?

Höwedes: Ehrlicherweise auf beide gleich. Zum einen, weil ich bei Juve trotz meiner langwierigen Verletzung ein tolles Jahr hatte. Zum anderen, weil ich jede Chance nutze, in die Heimat zu reisen, um meine Familie in Haltern am See zu treffen. Leverkusen ist zum Glück nur eine Halbzeit mit dem Auto entfernt.

Ist es in Leverkusen für Sie eine weniger bedeutsame Rückkehr als nach Schalke? Oder sind Sie im Gegenteil froh darüber, dass es "nur" ein Spiel und keines, das durch Randgeschichten überladen ist?

Höwedes: Sie haben komplett Recht. Leverkusen ist emotional nicht so vorbelastet wie es beim Spiel auf Schalke der Fall war. Das war ein Spiel, bei dem ich oft zweimal schauen musste, dass ich nicht den falschen Mann anspiele oder fast aus langjähriger Gewohnheit in die Heim-Kabine gelaufen wäre.

Wie sehen Sie die Chancen von Lok und Bayer in der schweren Gruppe mit Turin und Atlético?

Höwedes: Beide Vereine sind krasse Außenseiter.

Sie sind inzwischen seit 14 Monaten in Moskau. Haben Sie schon gut eingelebt? Wie klappt es mit der Sprache?

Höwedes: Die Sprache ist schon eine große Herausforderung. Das Vokabular, um auf dem Platz Kommandos zu geben, beherrsche ich mittlerweile sehr gut, was extrem wichtig ist. Darüber hinaus haben wir einen Dolmetscher, der mir wichtige Anweisungen übersetzen kann. Insgesamt bin ich sehr gut vom Verein aufgenommen worden, was auch den Start in der Stadt erleichtert hat.

Sie sind ein Spieler, der gerne über den Tellerrand blickt und sich sozial engagiert. Wie kritisch blicken Sie in politischer Hinsicht auf Russland? Beziehungsweise wie erleben Sie es intern?

Höwedes: Moskau hat sich, wie mir viele Experten sagen, enorm weiterentwickelt. Sowohl infrastrukturell und wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Die Stadt ist sehr weltoffen. Gleichzeitig steht das Land jedoch vor extremen Herausforderungen, insbesondere politischen. Und nicht alle Regeln und Gesetze sind auf westeuropäischen Niveau oder in Einklang mit unserem Grundgesetz in Deutschland. Leider. Dass Bewegungen wie "Fridays for Future" mittlerweile auch in vielen Städten Russlands stattfinden, sehe ich als Chance. Auf anderen Gebieten gibt es leider noch sehr viel mehr Nachholbedarf.

Wie steht es denn um die Fußball-Begeisterung in Russland? Ist da noch etwas geblieben von einem "WM-Boom"?

Höwedes: Knapp 20 000 Zuschauer im Schnitt zum Saisonstart 19/20 sind ein sehr gutes Ergebnis, das Hoffnung macht. Gleichzeitig kommen jedoch noch andere Monate, bei denen die Zuschauerzahl wieder sinken wird. Eine WM ist, wie wir es auch in Deutschland erlebt haben, ein einmaliges Highlight. Wenn der Fußball langfristig gestärkt werden soll, braucht es weitere Ideen und Konzepte.

Wie verfolgen Sie die Entwicklung auf Schalke mit neuem Trainer, neuen Manager und neuer Struktur?

Höwedes: Was Schalke jetzt braucht, ist Konstanz und Ruhe. Und keinen Ex-Spieler, der aus Russland heraus Tipps gibt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Jochen Schneider und David Wagner genau dafür sorgen und den Verein wieder in sichere Regionen bringen. Langfristig muss ein Verein wie Schalke aber auch wieder europäisch spielen. Das ist man den Fans und Umfeld schuldig.

Die beiden, die Sie quasi aus dem Verein getrieben haben - Manager Christian Heidel und Trainer Domenico Tedesco - sind nicht mehr im Verein. Verschafft Ihnen das Genugtuung?

Höwedes: Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass Domenico Tedesco eine zweite Chance in der ersten oder zweiten Liga verdient hat. Im Fußball gibt es immer wieder Gründe für eine Trennung. Das, was ich damals nicht verstanden habe, war die Art und Weise der Kommunikation.

Erhöht der Austausch der führenden Personen andererseits die Chance auf eine Rückkehr nach Schalke?

Höwedes: Das müssen Dritte beantworten. Aktuell ist es jedoch kein Thema.

Ist es grundsätzlich Ihr Ziel, als Spieler oder später in anderer Funktion nach Schalke zurückzukehren?

Höwedes: Mein primäres Ziel ist es, möglichst zeitnah wieder näher bei der Familie in Haltern am See zu sein. Klar kann Schalke demzufolge eine von mehreren Optionen sein. Aber es gibt auch Gedanken, dass ich mich mittelfristig noch stärker in gesellschaftlichen und sozialen Themen engagiere.

Haben Sie sich mit 31 schon grundsätzliche Gedanken über die Zeit nach dem Fußball gemacht?

Höwedes: Grundsätzlich denkt man schon darüber nach, aber konkret noch nicht. Dafür spiele ich derzeit noch zu gerne auf hohem Niveau Fußball.

Toni Schumacher hat dieser Tage gesagt, als er 1987 bei "seinem" 1. FC Köln gehen musste, habe ihm das das Herz gebrochen. Aber im Rückblick müsse er sagen: Er habe dadurch Länder, Menschen und Einblicke kennengelernt, die ihm mit seiner rot-weißen Brille sonst verwehrt geblieben wären. Ist das eine Einschätzung, die Sie nach Ihren Erfahrungen in Italien und Russland teilen?

Höwedes: Absolut.

Die Nationalmannschaft hatte zuletzt große Probleme in der Abwehr. Es wurde sogar schon über Rückholaktion von Mats Hummels diskutiert. Wie sehen Sie das?

Höwedes: Das muss Jogi Löw beantworten. Es ist logisch, dass er zwischen den Turnieren auch jüngeren Spielern eine Chance geben muss. Niklas Süle zum Beispiel macht das hervorragend. Ob Mats nochmal wiederkommt, hängt von der Leistung seiner Nachfolger ab.

Sie spekulieren aber nicht mehr auf eine Rückkehr, oder?

Höwedes: Ich vertrete die Meinung, dass man nicht aus der Nationalmannschaft zurücktreten sollte, sondern einfach irgendwann nicht mehr nominiert wird. Das war bei mir nach vielen Verletzungen der Fall. Jetzt bin ich endlich wieder topfit und freue mich, dass wir mit Lok Moskau in der Champions League antreten dürfen.

Benedikt Höwedes (31), geboren in Haltern am See, wechselte im Alter von 13 Jahren zum FC Schalke 04 und blieb 16 Jahre. Nachdem Trainer Domenico Tedesco ihn als Kapitän abgesetzt hatte, wechselte der Innenverteidiger zunächst zu Juventus Turin und dann nach Moskau. Höwedes hat 44 Länderspiele absolviert und stand beim WM-Triumph 2014 in allen sieben Spielen von der ersten bis zur letzten Minute auf der Platz. 2009 wurde er U21-Europameister.

dpa

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