Schalkes Linksverteidiger im Interview

Oczipka: Die Leader von früher gibt es nicht mehr

+
Bastian Oczipka wechselte im Sommer 2017 von Eintracht Frankfurt zu Schalke 04.

Schalkes Linksverteidiger Bastian Oczipka spricht im WA-Interview über die Lehren der Hinrunde, die heutige Fußballer-Ausbildung und das Instagram-Abkommen mit seiner Frau.

Benidorm – Der Trend zeigte wieder nach oben. Zumindest für Bastian Oczipka selbst. Nach langer Verletzungspause kam der Linksverteidiger von Schalke 04 wieder in Schwung. Wie der 29-Jährige die Hinrunde einschätzt, worauf es in den kommenden Wochen ankommt und welches Instagram-Abkommen er mit seiner Ehefrau hat, erklärt er im Gespräch mit Marcel Guboff.

Herr Oczipka, für Sie persönlich kam die Winterpause doch eigentlich zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt.

Bastian Oczipka: Klar, wenn du lange verletzt warst, brauchst du ein bisschen, um wieder auf dein Leistungsniveau zu kommen. Ich habe mich auf einem guten Weg gefühlt, aber für uns als Mannschaft ist die Pause schon ganz gut.

Weil Schalkes Mannschaft überall einen gewissen Nachholbedarf hat?

Oczipka: Es gibt nicht diesen einen Punkt, bei dem man sagt: ‚Das war schlecht, und alles andere war gut.‘ Es waren viele Dinge, die nicht gepasst haben. Von daher nutzen wir die Zeit, um alles zu analysieren – ob Spielaufbau, Flügelspiel, Flanken oder Tor-Abschlüsse.

Hier und da ist der Ton auf dem Platz mal etwas rauer. War das zuvor nicht so?

Oczipka: So etwas gehört dazu, gerade von uns älteren Spielern, wenn wir denken, der eine oder andere gibt zu wenig. Das ist gerade in so einer Phase, in der wir uns befinden, sehr wichtig.

Mit Naldo hat genau so ein Spielertyp Schalke verlassen. Wir sehr wird er fehlen – vor allem neben dem Platz?

Oczipka: Allein von seiner Persönlichkeit und seiner Erfahrung ist sein Abgang natürlich nicht so leicht zu verkraften. Aber wir müssen seine Entscheidung akzeptieren, und ich denke, dass wir ihn sportlich ersetzen werden.

Menschlich auch?

Oczipka: Das ist ein Prozess: Wenn so eine wichtige Persönlichkeit geht, muss der eine oder andere versuchen, nachzukommen und das zu kompensieren.

Naldo war ein Führungsspieler. Hat Schalke jetzt noch andere im Kader?

Oczipka: Naldo hatte diesen Status allein schon aufgrund seiner Erfahrung. Wobei er kein sogenannter Lautsprecher war. Diese Leader, wie es sie früher mal gab, gibt es heute im Fußball generell nicht mehr. Aber natürlich müssen die älteren und erfahrenen Spieler wie Daniel Caligiuri, Ralf Fährmann, Benjamin Stambouli, Guido Burgstaller oder auch ich selbst versuchen, mit den jüngeren Spielern zu sprechen und sie unterstützen.

Sehen Sie sich denn als einen Führungsspieler, der auch mal lauter werden kann?

Oczipka: Es kommt immer auf die Situation an. Wenn einen etwas nervt, kann man das auch mal deutlich ansprechen. Ich führe mich nicht auf wie der große Zampano, aber ich versuche mich so gut es geht einzubringen.

"Kovac hat mich da enorm weitergebracht"

Hat Schalke 04 den zweiten Platz der Vorsaison nicht richtig eingeschätzt?

Oczipka: Bezogen auf die aktuelle Saison? Nein, das denke ich nicht. Es fehlen momentan die Ergebnisse – das ist häufig ein Resultat aus vielerlei Gründen. Abgesehen davon ist jeder Spieler auch eigenverantwortlich, denn es hängt auch damit zusammen wie du trainierst, wie du dich ernährst oder ob du vernünftig schläfst. Diese Dinge gehören zum Fußball dazu. Gerade Niko Kovac hat mich in unserer gemeinsamem Frankfurter Zeit in dieser Hinsicht enorm weitergebracht, weil er in diesen Aspekten sehr akribisch war. Aber da muss jeder Spieler für sich einen guten Weg finden, um am Wochenende gute Leistungen zu bringen.

Werden diese Faktoren wie Ernährung oder Schlaf von Fußballern zu oft unterschätzt?

Oczipka: Ja. Ich habe als junger Spieler damals auch anders gelebt als heute. Da muss man hineinwachsen.

Sie haben Frankfurt angesprochen: Mit der Eintracht hatten Sie wie nun mit Schalke mal eine schlechte Phase mit Abstiegskampf. Gibt es einen Königsweg, um aus einer solchen Krise herauszukommen?

Oczipka: In Frankfurt sind wir es damals gut angegangen: Uns wurde bewusst, dass wir alles, was wir jetzt machen, zu 100 Prozent angehen müssen. Ob im Training oder nach dem Training. Dadurch bekommst du dann auch dein Selbstvertrauen zurück.

Bei all den genannten Faktoren: Wann spielt der Kopf vor allem in schlechten Phasen eine Rolle?

Oczipka: Der Kopf spielt eine extrem entscheidende Rolle. Wenn dir Aktionen im Spiel gelingen, wirst du einfach sicherer. Dann denkst du weniger nach.

WA-Reporter Marcel Guboff (links) traf Bastian Oczipka im Schalker Trainingslager zum Interview.

Was macht Sie zuversichtlich für die Rückrunde?

Oczipka: Wir haben vieles analysiert und müssen diese Aspekte gezielter angehen und uns erst einmal auf die erwähnten vermeintlich simplen Dinge fokussieren.

Wie sehr hat es Sie geschmerzt, dass Sie die Hymne in der Champions League nicht auf dem Rasen hören konnten?

Oczipka: Das war natürlich sehr ärgerlich. Gerade nach der guten letzten Saison, aber ich musste es aufgrund meiner Verletzung akzeptieren. Ich bin froh, dass ich dann hoffentlich gegen Manchester City die Chance haben werde.

Mindestens zweimal bekommt Schalke ja noch das Vergnügen: Ist etwas drin gegen ManCity?

Oczipka: Dass es eine sehr, sehr schwierige Aufhabe wird, ist uns allen klar. Aber wir wollen im Vorfeld nichts abschenken. Wir lauern auf unsere Chance und hoffen, dass sie ein paar Prozentpunkte weniger geben werden. Dann müssen wir da sein. Aber klar ist, wir werden das Beste aus uns herausholen müssen.

"Das ist heutzutage schon extrem"

Blicken wir mal etwas zurück: Bis vor gut zehn Jahren waren Sie noch Jugendspieler, und aktuell haben Sie ja auch einige um sich. Was hat sich in all den Jahren bei der Fußballer-Ausbildung verändert?

Oczipka: Es hat sich einiges verändert. Damals war die Hierarchie eine ganz andere: Wenn Leute wie Stefan Kießling, Bernd Schneider oder Hans-Jörg Butt in die Kabine gekommen sind, haben sie zwar ‚Hallo‘ gesagt, aber als Jugendspieler stand man in der Rangliste erstmal ganz unten. Das ist heute nicht mehr so extrem.

Horst Hrubesch hat die Jugend-Ausbildung dahingehend kritisiert, dass Fußballer schon im jungen Alter zur Unselbstständigkeit erzogen werden und zu früh ein zu großer Hype entsteht. Sehen Sie diesen Negativ-Trend auch?

Oczipka: Das ist heutzutage schon extrem. Jeder A-Jugend-Spieler, der in der Bundesliga mal zwei, drei gute Auftritte hat, wird sofort gehypt und als das große Talent angesehen. So schnell bist du früher nicht in den Profi-Bereich gekommen, das ist heute durchlässiger. Beim Thema Selbstständigkeit ist es auch eine Typ-Frage. Klar bist du in jungen Jahren oft auf Hilfe angewiesen. Aber ich habe mit 19 Jahren bereits fern von der Familie gelebt und musste mich allein durchkämpfen. Das hat mir als Persönlichkeit allerdings gut getan. Irgendwann, wenn du nicht mehr Fußball spielst, musst du ja auch alleine zurecht kommen.

Die Kritik ist also angebracht?

Oczipka: Das gehört zum Reifeprozess einer Persönlichkeit. Für das spätere Leben wäre es fatal, wenn einem alles abgenommen wird. Man sollte den Überblick behalten, auch wenn man nicht alles wissen kann, sollte man die Dinge hinterfragen oder zumindest die richtigen Leute an der Seite haben, die einem helfen können. Das ist zumindest mein Anspruch.

Ein großes Thema ist auch Social Media, Sie sind dahingehend eher zurückhaltend. Bewusst?

Oczipka: Ich bin generell nicht der Typ, der jeden Tag sein Trainingsbild oder sein Essen postet. Natürlich gebe ich ab und zu mal gerne etwas von mir preis, aber alles recht dosiert.

Franck Ribéry ist da zuletzt sehr ausfallend geworden.

Oczipka: Er hat übertrieben reagiert, das war die völlig falsche Ausdrucksweise. Allgemein ist es manchmal schwierig mit öffentlicher Kritik umzugehen und man hat den Impuls, sich zu wehren, allerdings kommt es immer auf die richtige Wortwahl und den nötigen Respekt an.

Beschäftigen Sie sich denn mit Kritiken?

Oczipka: Ich habe das in jungen Jahren mehr gemacht, heute kann ich da gelassener mit umgehen. Wir werden ja ständig benotet. Fünf verschiedene Medien geben oft fünf verschiedene Noten. Man macht sich vor allem als junger Spieler viel zu viele Gedanken um das, was drumherum passiert. Für mich zählt in erster Linie, was der Trainer, die Kollegen oder die Familie denken. Ansonsten sollte man nicht zu viele solcher Informationen aufnehmen.

Ihre Frau nutzt auch Instagram. Haben Sie ihr verboten, Sportliches zu posten, wie es zuletzt bei Lisa Müller oder Carla Naldo der Fall war?

Oczipka (lacht): Grundsätzlich verbiete ich meiner Frau überhaupt nichts. Doch sie sagt selbst, dass sie sich aus solchen Dingen raushalten möchte.

War das erst nach besagten Fällen Thema?

Oczipka: Wir hatten vorher schon immer besprochen, dass das einfach mein Thema ist. Aber natürlich kam das dadurch noch einmal auf. Da sind wir aber völlig d‘accord.

Verpassen sie keine Nachricht zum FC Schalke 04 und werden Sie Fan unserer Facebook-Seite.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare