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Zwei ukrainische Talente finden in Hamm eine neue sportliche Heimat

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Von: Patrick Droste

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Ukrainische Talente beim Swim-Team im Maximare: Yevheni Kovalenko (Zweiter von links) und Stefan Tian (Dritter von links) sind von der Abteilung des TuS 59 um Leiter Holger Wissemann (links) und Trainer Marlon Müller bestens aufgenommen worden.
Ukrainische Talente beim Swim-Team im Maximare: Yevheni Kovalenko (Zweiter von links) und Stefan Tian (Dritter von links) sind von der Abteilung des TuS 59 um Leiter Holger Wissemann (links) und Trainer Marlon Müller bestens aufgenommen worden. © Reiner Mroß/Digitalbild

Bis zum 24. Februar führten Yevheni Kovalenko und Stefan Tian in der Ukraine ein ganz normales Leben. So wie zig Millionen Jungen auf der ganzen Welt in ihrem Alter auch. 

Hamm - Sie gingen zur Schule, hatten Freunde, eine fürsorgliche Familie und gingen nur zu gerne ihrer großen Leidenschaft nach. Kovalenko schwamm für das Sapic Team Kiew, Tian für die MTA Swimming Academy. Doch durch den russischen Angriffskrieg änderte sich für die beiden Zehn- und Elfjährigen von heute auf morgen alles – nichts war mehr so, wie es vorher war.

„Wir haben Soldaten gesehen, Bomben, Raketen, Hubschrauber, Flugzeuge und haben uns in Kellern vor den Bomben versteckt – es war einfach schrecklich. Wir hatten viel Angst. Das alles ist unglaublich“, sagt Stefans Vater Pavel Tian, der mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen nach Deutschland geflüchtet ist, wo Sohn Stefan genauso wie sein neuer Freund Yevheni Kovalenko nun beim Swim-Team im TuS 59 Hamm eine sportliche Heimat gefunden hat. „Und dafür sind wir sehr dankbar“, stellt Pavel Tian klar.

Bis die beiden Familien aber aus der Ukraine nach Deutschland in Sicherheit vor dem schrecklichen Krieg kommen konnten, lag eine aufregende Zeit hinter ihnen. Die Tians mussten zum Beispiel in ihrem kleinen Dorf Gorenza in der Nähe von Kiew mit ansehen, wie russische Soldaten in ihre Gemeinde eindrangen, Häuser zerstörten sowie Angst und Schrecken – und leider auch mehr – verbreiteten.

Fünf Tage auf der Straße, 76 Stunden an der Grenze

Um die Familie, bestehend aus seiner Frau Marina und den beiden Söhnen Stefan und Kristofer, zu schützen, entschied sich Pavel Tian zur Flucht. „Wir waren dann fünf Tage auf der Straße und mussten dann noch 76 Stunden an der Grenze zur Slowakei ausharren“, sagt das Familienoberhaupt, das ebenfalls aus der Ukraine ausreisen konnte. Denn Pavel Tian ist Moldawier, hatte aber eine ukrainische Frau geheiratet. „Ich hatte das Glück, dass ich mit meiner Familie raus konnte. Aber viele von unseren Freunden sind immer noch mitten in den Kämpfen. Das alles ist wie ein schlechter Traum.“

In seiner Not wandte sich Pavel Tian an den Kiewer Schwimmtrainer Ilya Chuev, von dem er wusste, dass dieser im April 2019 in Deutschland auf einem Wettkampf gewesen war. „Das war bei unserem ersten Maximare-Cup“, bestätigt Holger Wissemann, Abteilungsleiter des Swim-Teams, der vor einigen Wochen einen Anruf von Chuev bekam, dass Flüchtlinge aus der Ukraine eine Anlaufstelle in Deutschland suchen würden. „Wir hatten schon Anfang März überlegt, wie wir helfen können und überlegt, dass wir Flüchtlingen, die einen Schwimmverein suchen, eine neue Heimat bieten wollen“, führt Wissemann weiter aus. „Und als sich dann Ilya meldete, haben wir sofort unsere Unterstützung zugesagt, die beiden für ein Sichtungstraining eingeladen und sie bei uns im Verein aufgenommen, ohne dass sie einen Jahresbeitrag zahlen müssen.“

Fester Bestandteil des Swim-Teams

Zuvor hatte das Swim-Team bereits Erlöse aus dem Maximare-Cup gespendet. Ein Teil davon war an den TuS Uentrop geflossen, um der ukrainischen Spielerin Solomiya Brateyko im Frühjahr ihren Aufenthalt im Düsseldorfer Leistungszentrum mitzufinanzieren, ein anderer Teil ging an die Hilfsorganisation von Kai Kipka.

Mittlerweile sind Yevheni Kovalenko, der mit seiner Familie in Hamm lebt, und Stefan Tia, dessen Familie derzeit noch in Ahlen lebt, aber auf der Suche nach einer Bleibe in Hamm ist, fester Bestandteil des Swim-Teams. Sie wurden mit der kompletten Team-Bekleidung wie Badekappe, T-Shirt oder Trainingsanzug ausgestattet und gehören wie selbstverständlich zur Mannschaft. „Beide sind talentiert“, erklärt Trainer Marlon Müller, der Stefan Tian in das Team A und Yevheni Kovalenko in das Team C eingeteilt hat. „Bei Stefan sieht man, dass er schon viele Wettkämpfe geschwommen hat. Daher gehört er bei uns zum stärksten Team. Und Yevheni hat zwar auch Wettkampferfahrung, aber er war lange raus. Er hat allerdings genug Potenzial, um höher zu schwimmen“, fügt Müller hinzu. „Bei ihnen erkannt man die osteuropäische Schule, die viel Wert auf Disziplin legt. Beide bauen keinen Mist, sind sehr motiviert und freuen sich, dass sie hier sein können.“

Schwer, sich in Deutschland zurechtzufinden

Das ist den zwei Jungen auch anzusehen, wenn sie im Maximare ins Sportbecken springen und ihre Trainingseinheiten absolvieren. Zumindest dann können sie für eine gewisse Zeit vergessen, was sie in ihrer Heimat alles erlebt und mit ansehen mussten. Dennoch ist es für die beiden schwer, sich in Deutschland zurechtzufinden. „Ich bin manchmal ein bisschen einsam, weil ich auch die Sprache nicht sprechen kann“, sagt der zehn Jahre alte Stefan Tian. „Glücklicherweise habe ich ein paar Freunde gefunden, die russisch sprechen und mir Sachen übersetzen. Und auch die Trainer hier sind super nett. Das ist nun mal mein neues Leben.“

Er verrät aber noch, dass er sich danach sehnt, wieder zurück in die Ukraine zu kommen und sein altes Leben führen zu können. Doch da schiebt sein Vater, der als Geistlicher an einer ukrainisch-protestantischen Kirche in Warendorf arbeitet und dort Flüchtlingen hilft, einen Riegel vor. „Eine Rückkehr ist momentan nicht möglich. Das ist viel zu gefährlich. Die Infrastruktur ist nicht gut, überall sind Minen vergraben. Und keiner weiß, was rund um Kiew noch passiert“, erklärt er. „Derzeit sind wir hier sicher und sich daher den Deutschen allgemein und den Leuten vom Swim-Team im Speziellen sehr dankbar für alles.“

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