"Wohnzimmer"

Spielbetrieb über dem Warenband: Die Sportstätte des ASV Hamm-Westfalen im Portrait

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Auch potenzielle Parkplatzprobleme löst das Konzept der Westpress-Arena, in der Sporthalle und Einzelhandel miteinander vereint sind.

In der Westpress-Arena, der Heimspielstätte des Handball-Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen, werden Bälle hin und hergeworfen, während wenige Meter unter dem Hallenboden mutmaßlich Kartoffeln über das Warenband laufen.

Hamm – Senden die Fans ihre Signale in Richtung Spielfeld, schallt es gerne mal etwas lauter von den Rängen. Die in der Halle oder auf dem Spielfeld beheimatete Mannschaft wird zum Nutznießer und dreht auf. So viel zur simplen Theorie des berüchtigten Heimvorteils.

Doch hinter einer Spielstätte steckt mehr als nur die Unterstützung durch die Fans. Die vertraute Stimme bei den Lautsprecherdurchsagen, die gemeinsamen Erinnerungen an bedeutende Ereignisse und nicht zuletzt der Geschmack der Bratwurst machen eine Arena zum „Wohnzimmer“ ihrer Vereine. In unserer gleichnamigen Serie stellen wir einige Hammer Spielstätten vor, heute die Westpress-Arena des Handball-Zweitligist ASV Hamm-Westfalen.

Formale Dinge

Die Westpress-Arena, die ihren Namen einer Hammer Werbeagentur verdankt, hat ein Fassungsvermögen von rund 2 650 Zuschauern. Hinzu kommen ein Foyer, in dem die Geschäftsstelle des ASV beheimatet ist, sowie Presse- und VIP-Bereich. Doch die Nutzung geht weit über die des Handballs hinaus. Regelmäßig finden im Hammer Osten Comedy-Veranstaltungen oder Firmenevents statt. Studenten der Hochschule Hamm-Lippstadt schreiben in der Westpress-Arena sogar hin und wieder ihre Klausuren.

In der Westpress-Arena wird nicht nur Handball gespielt.

Im Erdgeschoss, mit anderen Worten unter dem Hallenboden, befindet sich eine Mietfläche von rund 6 100 Quadratmetern. Diverse Läden aus der Einkaufsbranche sind dort vertreten.

Geschichte

„Die Steinhalle war einfach zu klein für unsere Ansprüche“, blickt ASV-Geschäftsführer Franz Dressel auf den Vorgänger sowie erste Ideen, eine neue Arena ins Leben zu rufen, zurück. „Aber wir brauchten Geschäftspartner, um das Projekt umzusetzen“, so Dressel. Nach reiflicher Überlegung sei der Gedanke gedeiht, ein Gebäude zu errichten, das eine Kombination aus Einkaufszentrum und Sportarena darstellt. „Die Idee ist bei der Stadt sofort auf Zuspruch gestoßen, da ein solches Projekt aus städtischen Mitteln alleine nicht hätte finanziert werden können“, erklärt Dressel, der schließlich eine Betreibergesellschaft gründete, dessen Geschäftsführung er nach dem Bau der Arena in die Hände seines Sohnes Christoph übergab.

Nach rund anderthalb Jahren Bauzeit und Kosten von rund 20 Millionen Euro kam es am 5. Juli 2008 zur Eröffnung der Westpress-Arena, damals allerdings noch unter dem Namen Maxi-Park. Als Geschenk ließ der Deutsche Handball-Bund (DHB) seine Nationalmannschaft bei einem Freundschaftsspiel in der frischen Hammer Halle auflaufen. Auch wenn sich die Verantwortlichen nicht mehr so ganz an den Gegner erinnern können. „Ich meine, es war Weißrussland“, grübelt Dressel.

Rückblick auf ein besonderes Ereignis

Sein einjähriges Gastspiel in der Handball-Bundesliga durchlebte der ASV in der Saison 2010/11 als Teil einer Handballsportgemeinschaft mit der Ahlener SG unter dem Namen ASG Ahlen-Hamm. Als Tabellensiebzehnter trat der Fusions-Klub aber sofort wieder den Weg ins Unterhaus an. Im Gedächtnis geblieben ist diese Zeit den Verantwortlichen trotzdem: „Besonders waren natürlich die Spiele gegen die großen Teams“, blickt Dressel auf die Aufeinandertreffen etwa mit dem THW Kiel zurück.

Oder mit der SG Flensburg-Handewitt. Dem großen Handballriesen aus dem hohen Norden schenkte die zu diesem Zeitpunkt bereits abgestiegene ASG am letzten Spieltag mal eben 40 Tore ein. Das 40:34 (18:18) war einer von insgesamt nur sechs Siegen in der Geschichte der Handball-Bundesliga. Und es sollte die Versöhnung mit den Fans im Maxi-Park werden, nachdem erst in der Vorwoche der Abstieg besiegelt war.

„Natürlich waren wir enttäuscht. Das ist ja ganz normal, wenn man absteigt“, erinnert sich Lars Gudat, der damals noch in der ersten Mannschaft aktiv war und gegen Flensburg den Torreigen eröffnete. „Aber wir haben unseren Fans noch einmal richtig etwas geboten“, umschreibt Gudat das plötzliche Torfestival, das zwar nicht für die Saison entschädigte, aber einen versöhnlichen Saisonabschluss bot. „Im Endeffekt war es das Ende einer einmaligen Erfahrung in der ersten Liga“, räumt Gudat ein, dass sich an diesem Samstagnachmittag Wehmut und Stolz in der Gefühlswelt der Spieler auf Augenhöhe duellierten.

Fans und Stimmung

„Alle Jahre wieder – Gemeinsam in Rot und Weiß“, oder auch „Der Glanz Westfalens“: Bunte Beschriftungen zieren die großen Banner, die die Szene Uentrop, ein selbsternannter Fanclub des Handball-Zweitligisten, am Spieltag in die Höhe hält. Während der Partie wird fleißig angefeuert. Damit steht die „Uentroper Unternehmensgruppe“ allerdings nicht alleine da. Insbesondere wenn es eng wird oder auf die letzten Minuten eines Spiels zugeht, macht die gesamte Westpress-Arena mit, holt die Klatschpappen raus und steht sogar geschlossen auf, wenn Hallensprecher Thomas Scharschmidt dazu auffordert. Fliegt der harzige Ball ins richtige Gehäuse, macht Maskottchen Maxi dann vor, wie das mit dem Jubeln funktioniert.

Standing Ovations schon vor dem Spiel: Die Zuschauer begleiten die Spieler des ASV Hamm-Westfalen mit ihrem Applaus auf die Platte.

Vor dem Anwurf geht traditionell das Licht in der Halle aus. Die alternative Beleuchtung durch Handy-Taschenlampen muss reichen, während das Vereinslied „Für immer ASV“ von der Hammer Rockband No Desire das Geschehen auf der Platte einheizt.

Alleinstellungsmerkmal

Dass eine Sportarena, unter dessen Boden Supermarktwaren über das Fließband laufen, bundesweit nach einem tauglichen Nachahmer sucht, steht außer Frage. „Der geringe Grundstücksbedarf bei diesem Konzept ist außergewöhnlich“, ist sich Franz Dressel zudem sicher. „Die Parkplätze, die für eine Sporthalle grundsätzlich notwendig wären, werden durch den handel aufgefangen“, hebt der ASV-Geschäftsführer hervor, dass die Arena unter geringem Aufwand zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt.

Das Alleinstellungsmerkmal sei jedoch ein anderes, wenn die Sportstätten der Liga-Konkurrenz berücksichtigt werden. „Wir haben bei jedem Spiel über 400 VIP-Plätze. Das ist für Zweitliga-Verhältnisse absolut einmalig. Und ohnehin ist die Westpress-Arena erstligatauglich“, so Dressel. Jetzt liegt es also an der Mannschaft, nachzuziehen und auch sportlich jenen Ansprüchen gerecht zu werden, die die Halle aufbietet.

Die Serie: Wohnzimmer

In unserer vierteiligen Serie „Wohnzimmer“ stellen wir die Spielstätten verschiedener Hammer Sportvereinesteckbriefartig vor. Neben den Fans ist es vor allem die Geschichte, welche einen Spielort so einzigartig macht. Das gilt für den Fußball gleichermaßen wie für Handball, Rollhockey und Eishockey. Die vier Teile der Serie im Überblick:

Teil eins: Die Westpress-Arena des ASV Hamm-Westfalen

Teil zwei: Die Glückauf-Halle des SK Germania Herringen

Teil drei: Die Viactiv-Arena des SV Westfalia Rhynern

Teil vier: Die Helinet-Eissportarena der Hammer Eisbären

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