Handball

Von einem, der auszog, um Profi zu werden: Lucas Grabitz spielt für Bundesligist GWD Minden

Lucas Grabitz in Aktion, Handball-Erstligist GWD Minden.
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Dynamisch: Lucas Grabitz in Aktion für GWD Minden.

Im zarten Alter von sechs Jahren stand Lucas Grabitz bei den Mini-Handballern des Hammer SC erstmals im Handballtor. 13 Jahre später hat er bei GWD Minden einen Profivertrag unterschrieben.

Hamm/Minden – Ein paar Mal klingelt es in der Leitung. Dann spricht eine Stimme: „Das ist die Mailbox von Lucas Grabitz. Hinterlassen Sie doch bitte eine Nachricht.“ Der junge Mann am anderen Ende des Telefons ist auch in Corona-Zeiten sehr beschäftigt. Bereits mit 16 Jahren hat er sein Abitur gebaut und ein Medizinstudium begonnen, im Sommer absolviert er sein Physikum – mit gerade einmal 19 Jahren. Vor allem aber wird Lucas Grabitz ab Juli eines sein: Profi-Torwart beim Handball-Bundesligisten GWD Minden.

Dort spielt er seit der B-Jugend. Seine ersten Erfahrungen mit dem Handballsport hat er als gebürtiger Hammer aber beim Hammer SC, dem ASV Hamm-Westfalen und in der C-Jugend bei der Ahlener SG gesammelt. „Ich habe sicherlich noch nicht das Niveau eines Bundesliga-Spielers“, sagt Grabitz bescheiden, als er dann doch Zeit für ein Gespräch findet. „Aber ich kenne auch keinen Torwart, der das sofort gehabt hat, als er aus der Jugend gekommen ist.“

Talent, die Voraussetzungen und den nötigen Ehrgeiz bringt er allemal mit. Was sein Trainer Frank Carstens und GWD-Geschäftsführer Frank von Behren auch so sehen. Bis 2023 wurde Grabitz zunächst mit einem Arbeitspapier für den Erstligisten ausgestattet. „Lucas ist nicht nur ein talentierter Spieler, sondern auch noch ein guter Typ mit ehrgeizigen Zielen und einer für einen jungen Menschen erstaunlichen Organisation und Disziplin. Ich traue ihm eine gute Entwicklung zu“, wird von Behren auf der Vereins-Homepage. zitiert

Starke Leistungen in der Jugend

Mit starken Leistungen in der Jugend hat sich Grabitz das Vertrauen in den vergangenen Jahren verdient. 2018 schaffte er es mit der GWD-B-Jugend bis ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft, wo der SC Magdeburg zu stark war. In beiden A-Jugendjahren wurde er norddeutscher Meister. Die deutsche Vizemeisterschaft am Grünen Tisch, sieht er dagegen emotionslos. „Ich finde nicht, dass das so zählt“, sagt der Torhüter, der seine Mannschaft in seinem letzten A-Jugendjahr als Kapitän auf die Platte geführt hat und dabei schon Verantwortung übernahm.

In der laufenden Serie absolvierte Grabitz mit der Mindener Reserve drei Partien in der 3. Liga – dann kam die Corona-Pandemie ins Spiel. Sein Glück, dass er komplett in den Trainingsbetrieb der ersten Mannschaft eingebunden ist und so zumindest nicht auf hochwertige Übungseinheiten verzichten muss. „Zum Einsatz bin ich in der Bundesliga leider noch nicht gekommen“, sagt Grabitz. „Aber mehrmals war es kurz davor – einmal war ich sogar schon in der Halle. Aber Lütti spielt immer, egal was er hat.“

Lütti ist Routinier Carsten Lichtlein, der mit Malte Semisch derzeit das Torwart-Duo im GWD-Bundesligateam bildet. Und das Engagement des Weltmeisters von 2007 war für den Nachwuchsmann aus Hamm ein Grund dafür, dass er nicht lange überlegen musste, um seinen Vertrag bei GWD zu unterzeichnen. „Lütti ist parallel auch Torwarttrainer“, hat Grabitz nur positive Worte für den 40-Jährigen. „Und das ist mit Gold gar nicht aufzuwiegen. Der versteht seine Rolle genau so und hat unglaublich Lust, etwas weiterzugeben.“

Spielpraxis in der zweiten Mannschaft

Auch in der kommenden Saison ist Lichtlein trotz seiner für einen Sportler fortgeschrittenen Alters noch im Tor gesetzt. Danach könnte die Stunde von Lucas Grabitz schlagen. Spielpraxis soll er bis dahin vor allem weiter in der zweiten Mannschaft sammeln, wenn in der kommenden Saison der Spielbetrieb wieder normal aufgenommen werden kann. Er wird jedenfalls alles daran setzen, um sich diesen Traum zu verwirklichen. Und die Voraussetzungen dafür stehen günstig. „Ich habe schon während der beiden A-Jugendjahre hin und wieder mittrainiert und Testspiele gemacht. Und die Hälfte des Kaders kommt ja aus der eigenen Jugend“, fühlt sich Grabitz im Team schon jetzt voll integriert. „Da hast du schon einen anderen Draht, als wenn da nur ausländische Profis in der Mannschaft wären.“

Wenn er nicht trainiert, ist der 19-Jährige derzeit im Rahmen seines Medizinstudiums sehr eingespannt. „Ich absolviere in drei 30-Tage-Blöcken an einer Privatklinik ein Praktikum in der Pflege“, sagt er. „Darum bin ich schon geimpft, damit ich niemanden gefährde – auch die Mannschaft nicht.“ Zur Frühschicht muss er dort bereits um fünf Uhr in der Frühe beginnen, wenn sich die Teamkollegen noch das eine oder andere Mal im Bett umdrehen, „aber wenn morgens Training angesetzt ist“, verrät er, „habe ich entsprechend Spätschicht.“

Konzentriert bei der Sache: Lucas Grabitz.

Die Einheiten in der Halle sind derzeit aufgrund der Corona-Hygienemaßnahmen nicht gerade kurz. Es beginnt mit dem obligatorischen Corona-Test vor dem Training, um den auch der Geimpfte nicht herumkommt. „Das ist Vorgabe der Handball Bundesliga. Den Test darf keiner verpassen. Sonst darfst du zwei Testungen lang keinen Kontakt zur Mannschaft haben“, sagt er. Es folgt meist ein Videostudium, „das schnell eine Stunde dauern kann, und die Einheit ist auch erst zu Ende, wenn der Trainer zufrieden ist.“ Wer wie Grabitz anschließend noch „ein paar Würfe nimmt, ist gerne mal fünf Stunden in der Halle“.

Dass die Hygiene-Regeln der HBL manchmal etwas wunderlich daher kommen, nimmt der Torwart gerne dafür in Kauf, dass er weiter seinen Sport ausüben darf. So wurden erst jüngst „schreien und singen in der Halle“ untersagt. „Aber es sind auch viele sinnvolle Sachen in der Verordnung. Und ich kann durch das Studium sachlich beurteilen und verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind“, versichert der Hammer, der mittlerweile in Minden wohnt, weil die Fahrerei auf Dauer einfach nicht mehr sinnvoll war.

Die Zeit perfekt nutzen

Den „massiven Vorteil“, den er gegenüber den nachrückenden Jugendjahrgängen hat, die aktuell nicht trainieren dürfen, will er nutzen. „Das ist in meinem Alter eine sehr fragile Zeit, weil sich da die Spreu vom Weizen trennt“, sagt er. „Ich könnte mich, wenn ich wollte, den ganzen Tag über die Corona-Situation ärgern. Aber lieber will ich die Zeit nutzen.“ Um sich beim Trainer anzubieten, um auch über 2023 hinaus seinen Traum vom Profi-Sport weiterleben zu können. „Ich bin ein ehrgeiziger Typ. Weil ich das jetzt erreicht habe, werde ich sicher nicht aufhören, zu arbeiten. Und wenn es gut läuft, kann es ja ziemlich schnell aufwärts gehen“, sagt er und verweist auf die steile und in diesem Tempo überraschende Karriere, die Teamkollege Juri Knorr aus der GWD-Jugend bis hin in die Nationalmannschaft gemacht hat. „Juri kenne ich ja auch noch aus der Zeit, als er nicht das hoffnungsvolle Talent im deutschen Handball war.“

Als er im zarten Alter von sechs Jahren mit dem Handballspielen begonnen hat, war vom Profi-Sport noch keine Rede. „Ich glaube, in der zweiten Einheit war es, als der einzige Torwart nicht da war“, erinnert sich Grabitz. „Da musste irgendwer ins Tor. Und ich habe das gemacht, mich gut angestellt und wohl dabei gefühlt.“

Dass der Job zwischen den Pfosten auch durchaus schmerzhaft werden kann, hat ihn nie abgehalten. „Den Ball habe ich öfter ins Gesicht bekommen, als mir lieb ist“, räumt er ein. „Aber ich finde das gar nicht so schlimm, solange es nicht auf die Nase geht. Der Ball ist dann ja auch gehalten. Und die Freude darüber ist größer als der Schmerz.“

Als er in der D-Jugend zum ASV gewechselt war, spielte die A-Jugend des Vereins gerade in der Bundesliga. Mehr als eine Zwischenstation wurde der Zweitligist für Grabitz aber nicht, weil es dort in der Jugend dennoch keine Perspektive für den leistungsorientierten Nachwuchs gab. „Die individuelle Förderung war mau. ASV – das war mehr Breitensport. Ich wusste, wenn ich den Schritt Richtung Profi gehen will, muss ich woanders hin.“

Entscheidender Kick durch Jugendtrainer Thomas Filthaut

Dennoch erhielt er den entscheidenden Schubser in Richtung Leistungssport von seinem ersten ASV-Coach. „Ohne Thomas Filthaut, der im ersten D-Jugendjahr mein Trainer war, hätte ich nie den Schritt in Richtung leistungsorientierten Sport gemacht“, betont Grabitz.

Gemeinsam mit dessen Sohn Tobias, der aktuell im ASV-Drittligakader steht, wechselte er nach Ahlen, zwei Jahre später ging es weiter nach Minden. Der Schritt zurück zum ASV kam ihm damals nicht in den Sinn: Als der Sprung in die B-Jugend anstand, „hatte ich Hamm nicht auf dem Schirm, eher Minden, Nettelstedt oder Burgdorf. Und Minden hat am besten gepasst.“

Das Geschehen beim ASV interessiert ihn dennoch weiterhin. „Mein Vater sieht jedes ASV-Spiel auf Sportdeutschland.tv. Und ich verfolge die 2. Liga regelmäßig, gucke, wenn ich es schaffe, jedes Hammer Spiel“, sagt er. „Und solange ich zuhause war, habe ich immer eine Dauerkarte gehabt.“

Eine Rückkehr zum ASV kann er sich durchaus vorstellen, wenn es bei GWD nicht im ersten Anlauf klappen sollte. „Ein junger Spieler muss spielen“, weiß er. „Und dann schaut man natürlich auch auf die 2. Liga.“ Bevor er solche Gedanken vertieft, will er sich aber in Minden bei Trainer Frank Carstens weiter empfehlen und durchsetzen. „Mit ihm komme ich super klar. Er arbeitet gerne mit jungen Spielern, ist sehr nahbar, was jungen Akteuren leichter macht“, ist Grabitz froh, unter diesem Coach trainieren zu dürfen. „Er hat unfassbar viel Erfahrung, und ich halte ihn für exzellenten Trainer.“

Das sagt der Trainer - nachgefragt bei Frank Carstens (GWD Minden):

Wann sind sie zum ersten Mal auf Lucas Grabitz aufmerksam geworden?

Ich fange ab der A-Jugend an, beim Nachwuchs zu gucken. Und ab da war Lucas einer der herausragenden Spieler in dieser Mannschaft, ein absoluter Leistungsträger und einer der besten Torhüter in der Liga.

Was zeichnet Lucas aus?

Ich gucke weniger auf den Erfolg einer Mannschaft als darauf, was einen Spieler individuell auszeichnet und wie er sich bei uns schlägt. Wir haben einen Trainingstag in der Woche, wo die Talente von 16 bis 22 Jahren in einer Gruppe zusammen trainieren. Da sehe ich nur diese Spieler. Und Lucas ist sehr, sehr akribisch, gründlich, zielstrebig. Wenn die Aussage, Mentalität schlägt Talent, stimmt, wird er sehr, sehr weit kommen. Es gibt vielleicht einige talentiertere Torhüter, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass es andere gibt, die sich so wie er mit dem Sport auseinandersetzen.

Wo sehen Sie seine Stärken im sportlichen Bereich?

Er ist immer sehr gut vorbereitet, denkt mit, antizipiert gut und ist in der Lage, mit der Mannschaft zusammenzuspielen. Man kann sehen, ob ein Torhüter weiß, wo der Ball hinkommt, wo er sein muss – das ist bei ihm immer gegeben.

Wo liegen seine Defizite?

Er muss sich noch an die Wurfhärte in der Liga gewöhnen. Und der athletische Aspekt ist gerade für Torhüter wie ihn, der nicht so groß ist, wichtig. Für ihn gilt es, die fehlenden Zentimeter durch Schnellkraft und Stellungsspiel auszugleichen. Ich glaube, es wird kein kometenhafter Aufstieg für Lucas werden – es wird dauern, bis er seine maximale Stärke erreicht.

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