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Uentroper Tischtennisspielerin Brateyko auf der Flucht

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Von: Rainer Gudra

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Die Uentroper Tischtennis-Spielerin Solomiya Brateyko ist mir ihrem Freund aus ihrem Wohnort Kiew geflüchtet.
Die Uentroper Tischtennis-Spielerin Solomiya Brateyko ist mir ihrem Freund aus ihrem Wohnort Kiew geflüchtet. © Robert Szkudlarek

Spielerinnen und Verantwortliche des Tischtennis-Zweitligisten TuS Uentrop sorgen sich um ihre Teamkollegin Solomiya Brateyko. Die Ukrainerin hat ihren Wohnort Kiew inzwischen verlassen und befindet sich mit ihrem Freund auf der Flucht.

Hamm – Das Wort, das im Gespräch mit Alexander Daun am häufigsten fällt: Wahnsinn. Seit den frühen Morgenstunden des 24. Februar, als Russlands Präsident Wladimir Putin den Einmarsch in die Ukraine befohlen hat, beschäftigt dieser Krieg auch den Trainer der Tischtennis-Frauen des TuS Uentrop – und das noch weit mehr als viele hier, die sich ja auch eine Menge Sorgen machen. Der Coach des Zweitligisten bangt um seine Spielerin Solomiya Brateyko.

„Sie lebt ja nicht hier bei uns, sondern auch während der Saison in Kiew“, berichtet Daun. Die ukrainische Nationalspielerin, in Lwiw (Lemberg) in der Nähe zu Polen geboren, hat die umkämpfte Hauptstadt, in der sie lebt und auch am Leistungszentrum trainiert, inzwischen verlassen. „Sie ist mit ihrem Freund auf der Flucht“, berichtete der TuS-Trainer am späten Mittwochabend.

„Ich habe mit ihr alle zwei Tage Kontakt. Stand jetzt ist sie bei der Familie ihres Freundes, wo es noch relativ ruhig ist. Ihre Familie ist wohl bereits in Polen“, berichtet Mitspielerin Nadine Sillus. Ohne ihren Freund der Familie folgen, dazu scheint Brateyko eher nicht gewillt. Sillus: „Und da ist ja das Problem, dass alle Männer zwischen 18 und 60 nicht ausreisen dürfen.“

Seit April 2021 beim TuS Uentrop

Die amtierende ukrainische Meisterin im Mixed und im Einzel gehört seit April 2021 zum Uentroper Team, spielte zuvor in Tschechien für SKST Hodonin. „Es ist sehr, sehr traurig, sie ist so ein nettes Mädel“, sagt Sillus über ihre Doppelpartnerin.

„Wahnsinn, das macht was mit einem. Wenn das wirklich so ist, dass der Krieg direkt vor deiner Haustür ist und Raketen in den Hochhäusern einschlagen, das ist unfassbar. Und Solomiya wohnt in einem solchen Hochhaus. Und wenn man sich dann vorstellen muss, dass es deines ist, das da beschossen und zerbombt worden ist...“, sagt Daun hörbar mitgenommen – und unvollendet. Die Sorge treibt neben Sillus auch Brateykos weitere Mitspielerinnen um. „Solomiya hatte am vergangenen Donnerstag Geburtstag, ist am Tag des Kriegsausbruchs 23 Jahre alt geworden“, berichtet Daun. Auch ihre Teamkollegin Elena Kuzmina sorgt sich sehr. Sie ist Russin. „Ich bin in den letzten Tagen schon so oft gefragt worden, ob es jetzt Probleme gibt, oder wie das Verhältnis der beiden zueinander ist“, erklärt Daun, und: „Ich kann nur sagen, dass sie sich vom ersten Tag an hier in Uentrop extrem gut verstanden haben, auch weil sie Russisch miteinander reden konnten, und da hat sich bis jetzt nullkommanull dran geändert.“

Gutes Verhältnis zur Russin Kuzmina

Elena Kuzmina, die mit ihrem Mann Fedor Kuzmin und Sohn in Düsseldorf lebt und trainiert, habe da eine ganz klare Haltung. „Und das ist für mich das, was zählt“, sagt Daun und berichtet von der Whatsapp-Gruppe, in der sich seine Spielerinnen nicht nur über Tischtennis austauschen. „Elena hat an Solomiyas Geburtstag ganz, ganz liebe Worte an sie in die Gruppe geschrieben, hat ihr Glück gewünscht, ein Statement auf tolle Art und Weise verfasst und mit vielen Herzchen versehen“, weiß Daun. „Das ist ja das Vorbildliche am Sport“, sagt der TuS-Trainer, denn „das ändert ja nichts an diesen beiden Personen, wenn da jemand meint, so verrückt zu sein und einen solchen Krieg anzuzetteln.“ Und Sillus ergänzt: „Wir halten zusammen und sind ein Team. Nichts von dem, was die Politik macht, findet bei uns in der Mannschaft statt.“

Eines, sagt Daun, müsse ganz, ganz fett gedruckt werden in einem Artikel: „Bei allem, was gerade auf der Welt los ist und wir mit Corona und Krieg so erleben: Tischtennis ist einfach nur Tischtennis. Alles ist viel, viel wichtiger als unser Sport in der 2. Liga. Der tritt dann völlig in den Hintergrund.“

Spiel gegen Kolbermoor soll stattfinden

Dennoch sieht es so aus, dass am kommenden Sonntag, 6. März, die Heimbegegnung des Tabellenzweiten in der 2. Bundesliga mit dem Siebten, SV DJK Kolbermoor II, ausgetragen wird – ohne Brateyko. „Wir werden sehen, wie es weiterläuft, aber der aktuelle Stand ist so, dass wir spielen werden“, sagt Daun, der sich bisher allerdings keine großen Gedanken über eine mögliche Verlegung machen konnte: „Ich habe, wie ja angekündigt, am Dienstag meinen neuen Job angetreten. Und da war erst einmal sehr viel zu tun. Ich hatte bisher noch nicht die Zeit, mit dem anderen Verein zu sprechen“, sagt Daun.

Für Kolbermoor, im bayerischen Alpenvorland zwischen Bad Abling und Rosenheim gelegen, spielen ebenfalls zwei Ukrainerinnen. „Wir werden sicher miteinander telefonieren“ sagt Daun.

Brateyko sind bei einer möglichen Flucht bereits Hilfen angeboten worden. „Auch der Verein hat schon Bereitschaft erklärt, wenn sie mit ihrer Familie nach Deutschland kommt, in jeder Hinsicht zu helfen“, sagt Nadine Sillus und wünscht sich sehnlichst, „dass wir sie vielleicht im März oder April doch noch hier in Uentrop begrüßen dürfen“.

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