Ralph Oberdiek, Trainer des TuS Uentrop

Zurück nach einem schweren Schicksalsschlag

Uentrops Trainer Ralph Oberdiek in seinem Haus im Hammer Osten.
+
Uentrops Trainer Ralph Oberdiek in seinem Haus im Hammer Osten.

Wer Ralph Oberdiek in seinem feinen Häuschen im Hammer Osten besucht, dem fallen die vielen Fotos sofort auf, die auf Schränken oder Kommoden stehen und die Räume wohnlicher und lebendiger machen. Besonders sticht ein Foto auf einer Staffelei ins Auge.

Hamm – Es ist ein Bild mit einer jungen Frau, die voller Lebensfreude in die Kamera lacht. „Das ist unsere Tochter Romina. Die habe ich vor vier Jahren tot in ihrer Wohnung gefunden“, sagt der Trainer des Fußball-A-Kreisligisten TuS Uentrop und schaut dabei traurig zu Boden.

Es war ein Schicksalsschlag an diesem 23. August 2017, wie er für Oberdiek und seine Frau nicht schlimmer hätte sein können. „Romina war zwar meine Stieftochter. Aber als sie acht Jahre alt war, durfte ich sie kennen lernen. Sie war für mich wie meine eigene Tochter. Ein besseres Kind hätte ich selbst nicht hinbekommen können“, sagt der 56-Jährige, der damals Trainer beim SVF Herringen war und es immer genossen hatte, wenn seine Frau und seine Tochter an den Spieltagen dabei waren und mit großem Interesse die Partien verfolgten. „Für mich war das immer wichtig und hat mir auch sehr gut getan, wenn die beiden dabei waren.“

„Romina war ein lebenslustiger Mensch“

Am Abend vorher hatten Oberdiek und seine Frau noch mit ihrer Tochter gesprochen und dabei wie immer viel Spaß gehabt. Denn, so betont der Uentroper Trainer, „Romina war ein lebenslustiger Mensch, der nie schlechte Laune hatte, der viel gelacht hat und immer positiv war.“

Als dann ihre Tochter, die bei ihrer Mutter in der gleichen Firma arbeitete, am Mittwochmorgen nicht zur Arbeit erschienen war, wurde sie von Oberdiek wenig später in ihrer Wohnung tot aufgefunden. „Wie sich später herausstellte, hatte sie über vier Monate eine Grippe verschleppt und ist dann an einer Herzmuskelentzündung gestorben“, erklärt Oberdiek. Über 400 Menschen waren ein paar Tage später bei der Beerdigung der 32-Jährigen – eine Tatsache, die für Oberdiek und seine Frau in dieser schweren Zeit zumindest ein wenig Licht ins Dunkel brachte: „Diese große Anteilnahme hat ein bisschen geholfen.“

Boden unter den Füßen weggezogen

Dennoch hatte dieser Tod Oberdiek und seiner Frau den Boden unter den Füßen weggezogen. „Sie war so eine tolle Tochter. Das Leben muss ja eigentlich einen Sinn haben, aber den hatten wir zwischenzeitlich verloren und mussten ihn erst wiederfinden. Wobei es jetzt immer noch schwer an Weihnachten, an ihrem Geburtstag oder an ihrem Todestag ist. Das wird uns unser Leben lang begleiten“, sagt der 56-Jährige, für den es anschließend nicht mehr möglich war, weiter seine Mannschaft in Herringen zu trainieren. „Die Verantwortlichen beim SVF haben damals einzigartig reagiert. Aber die Jungs kannten ja alle Romina. Und auf einmal habe ich gemerkt, dass die Jungs ihr Lachen verloren haben. Und wenn man in der Kreisliga keinen Spaß mehr am Fußball hat, dann macht das keinen Sinn. Da habe ich dann die Reißleine gezogen und aufgehört“, so Oberdiek.

Als kleiner Junge beim VfL Mark begonnen

Zwei Jahre dauerte anschließend seine Pause, die einzige, die er sich in Sachen Fußball gegönnt hat. Als kleiner Junge hatte er beim VfL Mark mit dem Fußballspielen begonnen. Als die Familie dann nach Herringen zog, schloss er sich dem damaligen Herringer SV an, ehe er mit 18 Jahren zur Hammer SpVg wechselte. Dort kam er zuerst in der Reserve zum Einsatz, nach einer Saison rückte er dann aber schon hoch zur Ersten. Nach zwei Jahren zog es ihn zum SC Eintracht Heessen, nach drei Spielzeiten ging es schon wieder zurück zur HSV. Mit 28 Jahren schloss er sich erneut dem Herringer SV an und schnürte fortan wieder im Hammer Westen in der ersten Mannschaft seine Fußball-Schuhe. „Ich muss zugeben, dass ich nicht immer ein leichter Spieler war. Wenn mir etwas nicht passte, ich zum Beispiel auf die Bank musste, habe ich das nicht akzeptiert, sondern immer sofort meine Klappe aufgerissen“, zeigt er sich im Nachhinein einsichtig. „Ich bin da oft übers Ziel hinausgeschossen. Denn letztlich wollten die Trainer mir was beibringen, mich weiter bringen, aber ich habe mir das früher selbst viel verbockt.“

Als er dann mit 34 Jahren die Anfrage vom TuS Lohauserholz erhielt, ob er bei der damals in der Kreisliga B spielenden ersten Mannschaft das sportliche Kommando übernehmen möchte, sagte Oberdiek zu. Denn zum einen hatte er damit die Chance, weiter nah an seinem geliebten Fußball zu sein. Zum anderen konnte er dann das besser machen, worüber er sich während seiner aktiven Laufbahn bei den Trainern geärgert hatte: „Ich denke, das Spektrum für einen Coach ist größer geworden. Es geht nicht nur um den Fußball, sondern die sozialen Komponenten sind dazu gekommen.“

Acht Jahre lang führte Oberdiek dann Regie beim TuS und das Team von der Kreisliga B bis in die Bezirksliga. Rückblickend war dies für ihn eine „spannende Zeit, die mir viel Spaß gemacht hat“. Anschließend hatte er mit dem Fusionsverein – der Herringer SV hatte sich mit Fortuna Herringen zusammengeschlossen – sogar an der Tür zur Landesliga angeklopft. Doch der SVF, wie der Klub nun hieß, verlor in der Relegationsrunde das Halbfinale gegen den SV RW Deuten. Es schlossen sich zwei Jahre als Coach der dritten Mannschaft der Hammer SpVg an, ehe er wieder zurück nach Herringen ging, wo er sein Engagement nach dem Tod seiner Tochter beendete.

In Uentrop wieder Spaß am Trainerjob

Als dann aber im Dezember 2019 der TuS Uentrop ganz vorsichtig bei ihm anklopfte, sagte Oberdiek nach einer kurzen Bedenkzeit sowie einer entsprechenden Absprache mit seiner Frau zu – und hat diese Entscheidung bis heute nicht bereut. „Ich habe mit Uentrop aufgrund der Corona-Pandemie bis zu diesem Sommer nur acht Meisterschaftsspiele bestreiten dürfen. Aber diese Jungs tun mir richtig gut, die Mannschaft bereitet mir richtig Spaß. Das ist in Uentrop ein Geben und Nehmen“, erklärt er.

Und so ist sein Ehrgeiz wieder richtig entfacht. Nur ein bisschen im grauen Mittelfeld mitkicken, das ist nicht Oberdieks Ding. Er will sportliche Ziele vor Augen haben, den Blick mit seiner Mannschaft nach oben richten und die jungen Spieler in seinen Reihen fördern. „Wenn man sieht, dass jemand das Potenzial hat, um höher zu spielen, dann muss man mit ihm arbeiten und ihn unterstützen“, betont er, sieht dieses engagierte Miteinander aber auch als Selbstverständlichkeit an: „Wenn man so einen Job übernimmt, haben die Jungs auch ein Anrecht auf ein Toptraining.“

Daher ist Oberdiek trotz seiner 56 Jahre vor jedem Meisterschaftsspiel angespannt und nervös, überlegt, ob er alles richtig gemacht hat und macht sich viele Gedanken. Auch nach einer Partie schafft er es nicht, die vorangegangen 90 Minuten mit dem Schlusspfiff anzuhaken. „Bevor ich zu den Jungs in die Kabine gehe, ziehe ich mich immer kurz zurück und bleibe ein paar Augenblicke alleine für mich, damit ich aus der Emotion heraus nichts Falsches sage“, verrät er.

„Romina immer bei uns dabei“

Die innere Ruhe haben auch Oberdiek und seine Frau ein Stück weit wiedergefunden. „Die Lebensfreude, die uns unsere Tochter früher vorgelebt hat, müssen wir auch wieder finden. Daran arbeiten wir“, sagt der 56-Jährige, der bewusst offen mit dem Schicksalsschlag und daraus resultierenden Folgen umgeht: „Wir verschweigen weder Romina noch ihren Tod. Sie ist irgendwie immer bei uns dabei. So bekommen wir sukzessive wieder mehr Halt in unserem Leben. Sie war Bestandteil unseres Lebens. Und sie ist es immer noch.“ Das sieht man an den Fotos, die in der Wohnung aufgestellt sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare